The C.I.A. killed Robert Anton Wilson

Am 11. Januar 2007 um 4 Uhr 50 starb der Schriftsteller Robert Anton Wilson in Capitola, Kalifornien an den Spätfolgen einer Polio-Erkrankung. Ein letztes Communiqué an seine Leser lautete: »I love you all, and I deeply implore you to keep the lasagna flying.«
    Wilson errang 1975 Berühmtheit mit dem bahnbrechenden Klassiker der Konspirativen Literatur, der »Illuminatus!«-Trilogie. Die oft paradoxen Themen in diesem Werk sollte er sein Leben lang verfolgen. Ein Humorist, ein Nihilist, ein Hippie, ein Libertarianist und immer auch ein Junge aus Brooklyn – so entsagte er dem Dogma und einem repressiven Denkgebäude und lebte den Widerspruch und das »eternal maybe« bis zur Stunde seines Todes.

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    Wilson wurde 1932 in Downtown Brooklyn geboren – mitten hinein in die »Große Depression«. Im Alter von neun erkrankte er an Polio; geheilt wurde er von einem »Faith-Healer«. Ein Ding der Unmöglichkeit, das zentral wurde für seine weitere Entwicklung. Auch wenn er schlussendlich an der Krankheit sterben sollte, so führte er doch ein verhältnismäßig langes und höchst ereignisreiches Leben. Er genoss die Früchte der amerikanischen »New Deal«-Erziehungspolitik, studierte Mathematik und Ingenieurswesen am Brooklyn Polytechnic und der New York University. Inspiriert von seinen Helden Flan O’Brien und James Joyce entwickelte er eine Fertigkeit im Schreiben und Redigieren und ließ sich auf eine Vielzahl von Jobs in NYC ein.
    1965 wurde Wilson Redakteur des Playboy. Lebenslanger Drogennutzer und radikaler Denker, fand er sich hier am Scheideweg einer Populärkultur im Umbruch. Die folgenden Jahre, wenig überraschend, sind nicht Teil seiner Erinnerungen. In den Siebzigern lebte er in Chicago. Die revolutionären Sechziger waren dunklen Kräften anheim gefallen. Wilson und Mitredakteur Robert Shea fanden sich immer tiefer hineingezogen in die Korrespondenz mit einer rasant wachsenden paranoiden Leserschaft – besessen von immer bizarrer werdenden Konspirationstheorien. Die beiden fragten sich, was wäre, wenn ALLE diese Verschwörungstheorien wahr wären.

    Ergebnis ihrer Spekulation wurde »Illuminatus!«: ein Pynchon’eskes Kaleidoskop aktueller und unsinniger Verschwörungstheorien, zusammengeschnürt in einer nicht-euklidischen Comic-Book-Erzählung. Sofort ein Kultklassiker, seither unentwegt aufgelegt, generierte das Buch eine Subkultur an Aktivismen in den versteckten Winkeln der Welt und zahlreiche Fortsetzungen von R.A.W. selbst. Viele Jahre später sollte sich auch zeigen, dass die Art, wie sich die Novelle zum globalen Informationsfl uss verhält, ein frühes Beispiel eines neuen Umgangs mit dem »information overload« war: Im Vermengen und Verknüpfen von Pornografie, Überwachung, Kontrolle, Wissenschaft, paranormalem Schabernack, Kollaboration, »Hacker«-Moral, Geschichtsschreibung bis hin zur Bebilderung und Gestaltung kann die Trilogie wie ein archaisches Internet in sich selbst betrachtet werden.
    Aber Mr. Wilsons Arbeit hatte erst begonnen. In den Achtzigern schrieb er Theaterstücke, Historiengemälde und war Herausgeber wichtiger inspirierender Anthologien – so half er, die radikalsten Grenzgänger des Cyberpunk zu promoten. Seine Science-Fiction wurde zur Philosophie, er widmete sich der Auslöschung des Verbes »sein« und wurde ein Experte der rationalen Interpretation der Quantenmechanik. Der New Scientist bezeichnete die Trilogie »Schroedingers Katze« als »the most scientific of  all science fiction novels«. Er wurde aber auch verspottet (zu seiner Freude!) als Mysoginist, als Hochstapler, als Libertarianer. Auch wenn der Begriff des Libertarianismus in Amerika rechts bis rechtsradikal besetzt ist, zeigte Wilson, wie eine Philosophie, die das Individuum als den absoluten Besitzer seines Lebens beschreibt, eigentlich ein Hippie-Traum ist. Für Timothy Leary war er schlicht »The philosopher of the century«. Damals lebte Wilson zehn Jahre in Dublin, wo er etwas Lokalberühmtheit genießen konnte.
    Zurück in den USA, bewiesen sich die Bush-Jahre als schwierig. Der Staatsapparat setzte R.A.W. immer mehr zu, die Steuerfahndung hetzte ihn, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Medizinische Ausgaben drohten das Leben dieses essentiell humorvoll Denkenden in eine Tragödie zu wenden.

    Zum Glück stand »Operation Mindfuck« bereit – ein Flügel aus der Subkultur von R.A.W., Anhänger, Computer-Programmierer und einst Außenseiter in jedem Sinn, war zum Architekten der neuen Informationsentität Internet geworden. Letztes Jahr, als die Nachricht von Wilsons Gesundheitszustand online ging, brachte ihm eine Spendenaktion seiner Fans über Nacht 68.000 Dollar. Das war so etwas wie eine Offenbarung für Wilson, der schrieb: »Auf eine Art bin ich froh über meine Krankheit; sie lehrte mich, dass viele Menschen mein Schreiben weitaus höher einschätzen als ich.« Er verbrachte seine letzten Tage friedlich Marihuana-rauchend in seinem »fnord by the sea«, die letzte Eintragung in seinem Blog lautete: »Please pardon my levity, I don’t see how to take death seriously. It seems absurd.«

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