Die formalen Vorgaben radikal aufsprengen

Er arbeitete mit dem Antipop Consortium und John Zorn, remixte Grace Jones und die Einstürzenden Neubauten und spielte Shows mit Nine Inch Nails sowie Alec Empire. Als The Bug arbeitet sich der britische UK Dancehall- und Dubstep-Produzent Kevin Martin seit elf Jahren an Deepness, Atmosphäre und Intensität ab, auf seinem aktuellen All-Star-Album »London Zoo« versammelt er die Londoner Dubstep- und Dancehall-Avantgarde um sich. Tim Stüttgen traf Martin im Rahmen seiner Deutschland-Tour im Berliner Berghain zum Gespräch über die Interfaces von Dub und Grime, Martins Selbstverständnis als Outsider und die Widrigkeit, ständig der Zeit voraus zu sein.

The Bug

»In London gibt es immer wieder Schleifen, die neue Styles etablieren, aber auf jamaikanische Musik zurückgreifen. Bei Grime war das wieder so. Auch wenn derzeit viele Leute von Dubstep schwärmen, war ich immer der Meinung, dass Grime noch lange nicht durch ist.« (Kevin Martin, The Bug)

(Foto: © Niall O’Brien / Ninja Tune)

Kevin, The Bug ist nicht dein erstes mit drei Buchstaben-Wörtern betiteltes Projekt. Auch bei God, deiner ersten Kollaboration mit Ex-Napalm-Death- und Godflesh-Musiker Justin Broadrick, oder Ice, benutzt du kurze klare Titel.
    Stimmt, ein Projektname wie Curse of the Golden Vampire ist eher die Ausnahme. The Bug bezieht sich dabei auf Francis Ford Coppolas Psychothriller »The Conversation«, in dem sich Gene Hackmann sein eigenes Apartment mit Abhörwanzen ausstattet. Mit zunehmender Abhörtechnik treibt er sich im Laufe des Films in den Wahnsinn. Das erste Bug-Album »Tapping the Conversation« (1997) war als eine Art alternativer Soundtrack zum Film gedacht. Aber warte: Techno Animal hat viel mehr Buchstaben!

Ich weiß noch genau, als ich euch zum ersten Mal live sah: Ich war Hiphop-Head und dachte, ihr würdet auch Hiphop machen.
    Ja, Techno Animal war unsere damalige Ode an Hiphop, auch wenn das viele nicht direkt so empfunden haben. Wann hast du uns denn live gesehen?

Auf einer Mille Plateaux-Tour, als du mit Alec Empire, Porter Ricks, Pluramon und Triple R auf Reisen warst. In einer Industriehalle in Köln, 1995 würde ich vermuten.
    Das war eine grandiose Zeit! Mein ganzes Leben habe ich vor Leuten gespielt, die rumstanden und zuhörten, vielleicht auch Pogo tanzten oder Headbangten – aber nicht vor einem Techno-Publikum. Auf jener Tour war es zum ersten Mal anders. Ziemlich angenehm, wie sich eine viel hedonistischere Menge, zu der auch mehr Hörerinnen als sonst gehörten, auf diesen Brachialsound einließ. Am Anfang konnten wir es gar nicht glauben. Mein Mitmusiker Justin Broadrick hat sich am Anfang fast vor Freude totgelacht, weil er überhaupt nicht mit solchen Reaktionen gerechnet hatte. Deswegen war diese Tour eine inspirierende Erfahrung. Porter Ricks oder Alec Empire haben mich danach auch weiter beeinflusst.

Nicht nur deine Neugier, mit Leuten wie Antipop-Consortium und Blixa Bargeld zu kollaborieren – besonders interessant ist, dass du sehr verschiedene Traditionen ›weißer‹ und ›schwarzer‹ Musik aufnimmst. Auf der einen Seite Industrial und Noise, auf der anderen Rap, Grime oder Ragga. Auch wenn Du Dich oft klar auf Genres beziehst, ist die Intensität des Sounds das, was die verschiedenen Musiken verbindet und sie gleichzeitig von Genre-Abarbeitungen abhebt.
    Intensität ist ein guter Begriff für das, was mich an Musik immer wieder interessiert hat. Alle paar Jahre finde ich neue intensive Musik, die mich beeindruckt. Dadurch beziehe ich mich mit meiner Leidenschaft manchmal schon sehr klar auf bestimmte alternative Traditionen intensiver Musik. In London, wo ich derzeit wohne und The Bug ja auch geboren wurde, treffen ›schwarze‹ und ›weiße‹ Musiken sehr intensiv aufeinander und vermischen sich. Gleichzeitig war ich immer ein Outsider. Ich passte nie in eine Musik-Szene, ich habe immer am Rande gestanden. Ich beobachte zwar gerne und mag den Austausch mit verschiedenen Undergrounds, aber mich einfach einem bestimmten Genre zu unterwerfen, nur weil ich es musikalisch schätze, war nie mein Ding. Dafür ist mir die Intensität des Sounds auch zu wichtig: sie sprengt oft genug die formalen Vorgaben bestimmter Musiken radikal auf, oder bastardisiert sie wenigstens.

Ist es nicht schwer, als Musiker immer wieder diese Intensität zu generieren?
    Es kostet sehr viel Kraft und Geduld. Um ehrlich zu sein, ist The Bug aus einer großen Krise heraus entstanden. Für mich war es damals fast eine Art letzter Versuch.

Du wolltest aufhören mit der Musik?
    Ja und nein. Ich war wirklich ziemlich fertig. Meine Freundin hatte die Schnauze voll von London, nicht zuletzt, weil die Stadt immer teurer wird.

Und das Musikmachen nicht unbedingt besser bezahlt.
    Genau! Dieses Risiko bin ich zwar immer gerne kompromisslos eingegangen, aber viele meiner Projekte waren nicht nur anti-trendy, sondern auch eher ihrer Zeit voraus als genau im richtigen Moment veröffentlicht – antizyklisch sozusagen. Dazu war ich wirklich pleite und uninspiriert. Der meiste Hiphop war nur noch öde, die elitäre Langeweile der britischen Noise-Szene gab mir auch nichts mehr und Industrial war eh schon mehrfach abgeschafft oder fusioniert. Dann sagte ich meiner Partnerin: Lass es uns noch einmal versuchen. Nur noch ein Projekt! Wenn es floppt, verlassen wir die Stadt.

Aber The Bug funktionierte.
    Und mir machte es auch riesigen Spaß! Offiziell ist The Bug nun elf Jahre alt. »Tapping the Conversation« veröffentlichten wir 1997 auf WordSound Records, einem jener Label, die ihrer Zeit voraus waren. Sie waren Spezialisten für Mischungen aus Dub, Hiphop und urbaner Dirtyness. Später habe ich dann auch bei Rephlex Platten rausgebracht.

The Bug war jedoch das erste Mal, dass du die Interfaces von Dub oder Grime benutzt hast, um dich wirklich Ragga zu nähern.
    Ich hatte damals keinen blassen Schimmer von Ragga und Dancehall. Es lag zwar in London immer in der Luft, ob zu Beginn der Zeit, als aus House und Ragga schließlich Jungle und dann Drum&Bass wurden – eine geile Zeit! In London gibt es diese Schleifen ja immer wieder, die neue Styles etablieren, aber auf jamaikanische Musik zurückgreifen. Bei Grime war das wieder so. Auch wenn derzeit viele Clubgänger von Dubstep schwärmen, waren ich und mein Kumpel Kode9 immer der Meinung, dass Grime noch lange nicht durch ist. Irgendwann hörte ich auf einem Piratensender bei einem Grime-Set auf einmal ein total minimales Riddim, das total derbe war. Am nächsten Morgen stand ich im Plattenladen und ließ mich von dem jamaikanischen Verkäufer beraten. Endlich hatte ich wieder einen Sound gefunden, der mich abholt.

VIDEO: The Bug feat. Flowdan & Killa P – Skeng

Du hast dann bald begonnen, auch solche Beats zu produzieren?
    Ja, das hat total gekickt. Ich wusste aber nicht, ob die Vokalisten aus der Ragga-Kultur diese Beats auch mögen würden.

Der jamaikanischen Sound-System-Legende Cutty Ranks, dessen Stimme in London eine Zeit lang auf vielen Jungle- und Drum&Bass-Produktionen zu hören war, hat es offenbar gefallen.
    Das freute mich sehr. Ich dachte, wenn Cutty Ranks drauf steht, ist es vielleicht nicht der schlechteste Anfang. Ich bin sehr froh, auf solche Stimmen wie die von Cutty Ranks, Flowdan, Ras B oder natürlich Warrior Queen zurückgreifen zu können.

Warrior Queen bei den The-Bug-Konzerten beim Spitten zuzuschauen, ist wirklich beeindruckend.
    Ich kann mich hinter meinen Platten, Computern und Mixern verstecken, cool rumstehen und den Sound loslassen, das ist nicht schwer. Aber wie Warrior Queen am Rande der Bühne zu stehen und genau diesen Sound als Deejay, als Moderator, im Griff zu haben und dabei auch noch das Publikum mitzureißen, ist noch mal eine andere Nummer. Ich hätte nach unserem ersten Treffen nie gedacht, dass wir jahrelang zusammen arbeiten würden. Wir konnten uns das erste Mal im Studio kaum in die Augen schauen, weil wir so nervös waren. Warrior Queen hat einen ziemlich heftigen Ghetto-Background. Sie ist eine Original Dancehall Gangster Queen. Dass sie gerade mit mir so lange arbeiten würde, habe ich wirklich nicht gedacht. Und ihre Präsenz macht unglaublich viel aus. Wenn sie die Bühne betritt, sind auf einmal auch viele Frauen vor der Bühne, und zwar jenseits der Groupie-Klischees der anderen Acts. Coole Frauen, die mit Warrior Queen rocken, sind eine gute Abwechslung zu kopfnickenden Kapuzenpulliträgern, die sich den ganzen Abend um circa einen Millimeter bewegen.

In den USA trat The Bug im Vorprogramm von Nine Inch Nails auf.
    Das war irre. Ich fand es spannend, diesen Job anzunehmen, und jeden Abend mit The Bug vor tausenden Zuschauern zu spielen. Anfangs hatte ich vor, Flowdan als DeeJay mitzunehmen – er konnte aber aus verschiedenen Gründen nicht mitkommen. Dass Warrior Queen meine Einladung dann annahm, war sehr mutig. Egal wie das Publikum reagierte, sie rockte die Bühne. Als schwergewichtige schwarze Deejane in lila Hotpants vor einem durchweg weißen Publikum keine Kompromisse zu machen, ist keine Kleinigkeit. Wie erwartet reagierten die Zuschauer auch sehr ambivalent.

Was man von der kürzlichen The Bug-Show im Berliner Berghain nicht sagen kann. Euer Konzert wirkte sehr eindrucksvoll und erhaben. Und die Leute drehten durch.
    Das war eine wirklich neue Erfahrung als The Bug. Selten hat mir der ganze Scheiß mehr Spaß gemacht. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

»London Zoo« von The Bug ist bereits erschienen (Ninja Tune / RTD), die kürzlich ausgefallenen Konzerte in Hamburg und Heidelberg werden vorraussichtlich im April 2009 nachgeholt.

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