The Blow „Brand New Abyss“ / Review

Auf ihrem neuen Album Brand New Abyss schaffen sich The Blow einen safe space, in dem sie uneingeschränkte Freiheit genauso wie selbstermächtigende Kontrolle über sich und ihr Dasein in dieser Welt erlangen.

Wie sieht denn Punk nun aus, der dem 21. Jahrhundert gerecht wird? Im Klanglichen, im Politischen, in einer Welt, die dem alten Punk jede Radikalität ausgesaugt hat? Das Art-Pop-Duo The Blow hält mit seinem neuen Album Brand New Abyss eine mögliche elektroakustische Antwort hoch: Melissa Dyne und Khaela Maricich bauen in Eigenregie auf kämpferische Botschaften aus eingestaubten Samples, nerdigen Produktionsfummeleien und intuitivem Zusammenschustern modularer Synthiesounds.

In der Künstlichkeit entfaltet Brand New Abyss Nähe, in der Zartheit findet es Brutalität. The Blow oszillieren zwischen hoffnungsvollen Erkenntnissen und dem Blick in den Abgrund, von denen es für die New Yorkerinnen viel zu viele gibt. Zuletzt traten diese Abgründe in Form eines zwitschernden Präsidenten auf. Und der deckt gleich die ganze Bandbreite ab: von Rassismus über Sexismus bis hin zu vielen anderen. Brand New Abyss hat eine Menge zu tun.

Eine Frau zu sein, heißt immer, viele Frauen auf einmal sein zu müssen.

Eine der Gegenmaßnahmen, die die Platte bei ihrer Herkulesaufgabe anstrebt: The Blow als Teil des Kollektivs Womanproducer zu präsentieren, das die Band als exklusiven Raum für Soundbastlerinnen ins Leben rief. Wie sehr nämlich diese Frauen patriarchale Strukturen im Musikgeschäft und überall sonst wahrnehmen, brechen sie mit dem Track „The Woman You Want Her To Be“ stark und treffend wie selten zuvor herunter. Im Mittelpunkt steht, was zum obersten Gebot weiblicher Sozialisierung zählt: Eine Frau zu sein, heißt immer, viele Frauen auf einmal sein zu müssen. The Blow benennen das Chaos, das Frauen in ihren unzähligen emotionalen und körperlichen Leben zu bewältigen haben, ohne es überhaupt noch als Chaos wahrzunehmen. Auch die wild durch den Raum geworfenen Synthieklänge des Tracks werden mit jeder weiteren Sekunde organischer, fast schon unheimlich wohlig.

Genauso wenig wie die simple Bezeichnung Indie-Rock zur seelenverwandten EMA passt, trifft Dream-Pop auf The Blow zu. Beide Acts ähneln sich nicht nur in der Verweigerung von eindeutiger Genrezuschreibung, sondern auch in ihrer von Wut und Aktionismus gezeichneten Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Zuständen. Brand New Abyss wird zum safe space, in dem Maricich und Dyne uneingeschränkte Freiheit genauso wie selbstermächtigende Kontrolle über sich und ihr Dasein in dieser Welt erlangen. Für The Blow wurden Worte erfunden, um Körper zu formen, die Dinge zerstören. Wer das nicht radikal findet, für den ist diese Platte nichts – oder genau das Richtige.

Diese Rezension erschien in unserer aktuellen Printausgabe SPEX No. 379, die weiterhin am Kiosk oder versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.

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