Thao & The Get Down Stay Down »A Man Alive« / Review

Thao Nguyens Eine-Frau-Band war bekannt für kumpeligen Power-Folk-Pop, nun drängt neuer Sound aus allen Richtungen in ihre Lieder.

Im Februar 2009 lebte Merrill Garbus in einem zu kalten Montrealer Ein-Zimmer-Apartment, und so klang auch ihre Musik. Unter dem kurz zuvor festgelegten Künstlernamen Tune-Yards nahm Garbus Songs mit Ukulele, Stimme und Störgeräuschen auf. Die Instrumente hörten sich abwechselnd an, als wollten sie einander wärmen oder den Platz vor dem Heizstrahler streitig machen. Man konnte Garbus damals Geld überweisen, und sie schickte einem die Ein-Zimmer-Lieder rüber, die sich später auf ihrem Debütalbum Bird-Brains wiederfanden. Die E-Mail mit dem (inzwischen abgelaufenen) Downloadlink ist heute nicht gerade zehn Millionen Euro wert, aber aufgehoben habe ich sie trotzdem.

2016 klingt Thao Nguyens Power-Folk-Pop aufgewühlter als je zuvor.

Wie es scheint, wird auch Garbus manchmal nostalgisch. Obwohl sie ihr Tune-Yards-Projekt inzwischen zur Band erweitert hat, nach Oakland gezogen ist und musikalische Entdeckungsreisen durch Haiti unternimmt, muss sie sich nach dem Bird-Brains-Sound gesehnt haben, als sie zusagte, das vierte Album von Thao & The Get Down Stay Down zu produzieren. Thao Nguyens Eine-Frau-Band aus San Francisco war bisher bekannt für kumpeligen Power-Folk-Pop, den nur ein Vollidiot als »putzig« (oder also »Power-Folk-Pop«) bezeichnen könnte. Nun drängt neuer Sound aus allen Richtungen in ihre Lieder: kleine Nickligkeiten zwischen den Instrumenten, auf schluderig programmierte Beats, Fuzzbässe und mehrfach auch eine verzerrte Ukulele aus dem Garbus-Arsenal. Das Chaos in deren Ex-Apartment bleibt unerreicht. Nguyen klingt aber aufgewühlter als je zuvor.

Könnte an ihrem Vater liegen, der seine Familie sitzen ließ, heute ahnungslos durch die Welt irrt und auf A Man Alive im Fokus von Songs steht, die ihr schwarzes Herz nur notdürftig hinter allerlei kullernder, eiernder, von selbst zerfallender Nachbearbeitung verbergen. Könnte aber auch am Geschick liegen, mit dem Nguyen und Garbus jeden Ton auf der Platte unterbringen, der ihnen durch die Köpfe schwirrte. Im Februar 2009 haftete dieser Freude am Störgeräusch noch ein leicht wackliges Erste-Schritte-Gefühl an. Im Februar 2016 sind die weichen Knie längst Teil der künstlerischen Haltung.

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