Texte zur Kunst – Neues Heft, David Lieske-Edition, Ästhetik der Administration

TextezurKunstZuletzt der »Kurzführer«, nun »Gespräche«. Die aktuelle Ausgabe des Magazins Texte zur Kunst widmet sich im September ganz dem erfragten Wort, in Interviews antworten John Miller, Ulf Wuggenig, Rhea Anastas, Paul Chan, dazu wird in einem großen Roundtable-Gespräch mit Christoph Menke, Willem de Rooij, Julia Voss und Helmut Draxler der Frage der »›Substanz‹ und Popularität zeitgenössischer Kunst« nachgegangen. Das nur am Rande. Interessanter ist die Tatsache, dass mit David Lieske der Dial Records-Betreiber als Editions-Künstler für Texte zur Kunst gewonnen wurde.
David Lieske ist Carsten Jost, sein Plattenauflegendes Alter Ego, unter seinem bürgerlichen Namen Lieske betreibt er gemeinsam mit Peter Kersten seit 1999 das Hamburger Tanzelektro-Label Dial, abseits davon beschäftigte sich der Musiker und Geschäftsmann zudem schon immer mit der Kunst. Für Texte zur Kunst gestaltete Lieske nun eine künstlerische Edition, »Navigating the atmosphere« betitelt (siehe Bildausschnitt). Einen Umschlag, ein Anschreiben, eine Rechnung und eine Zahlungsbestätigung entwarf Lieske für Texte zur Kunst, insgesamt 60 Stück zu je 245 € ließ der Künstler herstellen:

»Nach Eingang der Bestellung der Edition bei ›Texte zur Kunst‹ bringt ein von Lieske beauftragter Kalligraf die Adresse des Käufers in geschwungener Schreibschrift per Hand auf einen Briefumschlag. Dieser enthält eine Karte, auf der folgender ebenfalls kalligrafierter lateinischer Schriftzug zu lesen ist: ›Hoc scripsi, non otii abundatio, sed amoris erga te.‹ (›Ich schreibe dieses nicht, weil ich Muße im Überfluss habe, sondern aus Liebe zu Ihnen.‹). Karte und Umschlag sind in dem Weißton ›Chamois‹ gehalten und erinnern auch deswegen an die exklusiv gestalteten Einladungskarten zu Defilées, wie sie von großen Modehäusern an ›besondere Kunden‹ verschickt werden. Hier allerdings ist dem Briefumschlag eine Kopie der Rechnung des Kalligrafen über das Honorar zur Beschriftung von Karte und Umschlag beigelegt, die mit den Stempeldrucken ›Rechnungskopie‹ und ›bezahlt‹ versehen ist. Der Umschlag samt Inhalt wird per Post dem Käufer der Edition zugestellt. In diesem Vorgehen konfrontiert Lieske die ›Ästhetik der Administration‹ der klassischen Konzeptkunst mit einer emotional aufgeladenen, aufwendig per Hand niedergeschriebenen Botschaft, die sich einzig an den Empfänger zu richten scheint. Dabei unterminiert der Umstand, dass nicht der Künstler selbst, sondern ein auf Honorarbasis beschäftigter Kalligraf die trotz des emphatischen Gehalts mithin nur scheinbar individualisierte Nachricht für jeden Käufer identisch niederschreibt, jeden Anspruch auf eine Unmittelbarkeit der Kommunikation – was der Wirkung dieser künstlerischen Gefühlsbekundung beim Adressaten aber sicherlich keinerlei Abbruch tut.« (Texte zur Kunst)

Erhältlich ist »Navigating the atmosphere« bei Texte zur Kunst, die aktuelle Ausgabe »Gespräche« ist ab sofort im Handel erhältlich.

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