Jaki Liebezeit: „Techno ist im Prinzip ein flotterer Marsch“

Jaki Liebezeit (Foto: Martina Nehls-Sahabandu)

Seit seiner Zeit als Schlagzeuger bei der legendären Band Can zählt Jaki Liebezeit zu den weltweit renommiertesten Musikern seines Fachs. In den frühen Sechzigern spielte er als Jazz-Drummer unter anderem mit Chet Baker, kontinuierliche Kollaborationen verbinden ihn mit dem britischen Bassisten Jah Wobble, dem Cover-Boy der allerersten Spex-Ausgabe, und dem Musikproduzenten Bernd alias Burnt Friedman. Beide leben heute in Köln, im September erschien der dritte Teil ihrer »Secret Rhythms«-Reihe. Am 12. Dezember treten sie im Berliner LiveAtDot auf. Ralf Krämer traf Jaki Liebezeit zum Gespräch über Popmusik, den Herzschlag und die Siebzehntel-Takte der Sufis.

Jaki Liebezeit, 1938 bei Dresden geboren, arbeitete in den sechziger Jahren zunächst mit Chet Baker, wenige Jahre später revolutionierte er gemeinsam mit Irmin Schmidt, Michael Karoli und Holger Czukay als Can die Musikgeschichtsschreibung. Seit 2002 arbeitet Liebezeit zusammen mit Burnt Friedman an der Reihe »Secret Rhythms«, deren dritter Teil erst kürzlich erschienen ist.

Jaki Liebezeit, wie würden Sie die Musik, die Sie und Burnt Friedman zusammen auf der Bühne machen, beschreiben?
    Wie das von außen gesehen wird, kann ich schlecht beurteilen. Wir sind einfach zwei Musiker und spielen zusammen. Der Bernd hat ein etwas ungewöhnliches Instrumentarium, das heißt, heutzutage ist es ja eigentlich ziemlich normal geworden, dass Leute mit Laptop und ein paar Elektronikteilen auf der Bühne stehen. Und ich mache das, was es schon seit Jahrtausenden gibt, ich trommele. Im Prinzip bin ich ein ganz normaler Trommler. Und der Bernd ist ein ganz normaler Musiker.

Was zeichnet besonders gelungene Konzertmomente aus?
    Gelungen ist ein Konzert, wenn es bei uns gut klappt und das Publikum sich genauso darüber freut, wie wir. Das Publikum gibt Feedback, man spürt seine Vibrations, und wenn die skeptisch sind, kann man auch nichts machen. Das ist wie bei Fußballern. Wenn die genügend Fans hinter sich haben, dann spielen die auch besser.

Und wie bei einem Fußballspiel gehen zu Ihren Konzerten wesentlich mehr Männer als Frauen.

    Dabei machen wir gar keine ausgesprochen Männermusik, oder gar frauenfeindliche Musik. Aber bei Rockkonzerten gibt es dieses Verhältnis im Publikum oft. Umgekehrt ist der Männeranteil bei Popstars und bei Tokio Hotel oft verschwindend gering.

Interessiert Sie eine Band, wie Tokio Hotel?
    Die kann man nicht als Band betrachten. Solche Teeny Bopper-Bands, die für kleine Mädchen gemacht sind, hat es immer schon gegeben, das hat weniger mit Musik zu tun. Aber fast alle dieser Bands sind nach zwei, drei Jahren wieder weg und werden durch andere ersetzt. Sobald sie die 18 überschritten haben, sind sie ja zu alt.

Apropos Alter, sie wurden 1938 bei Dresden geboren …
    Wenn ihre Quelle stimmt, mag das sein. Für mich spielt das Alter keine Rolle, wie für klassische Musiker ja auch. Pablo Casals hat zum Beispiel noch mit über 90 Jahren eine Welttournee gemacht. Klavierspieler wie Horowitz und Rubinstein, die waren ja auch schon uralt und haben trotzdem noch gespielt. Wenn ich für irgendetwas möglicherweise zu alt bin, dann wohl nur für so eine Teeny-Musik, wie sie Tokio Hotel macht. (lacht)

Bis wohin reichen Ihre musikalischen Erinnerungen zurück, bis in die Kriegszeit?
     Nein, nein. Da hatte ich noch von nix eine Ahnung, was Musik angeht. Da hatten wir andere Probleme. Das erste Mal, dass mir Musik ins Bewusstsein gekommen ist, das war in den fünfziger Jahren. Als ich zur Schule ging habe ich wohl zum ersten Mal Louis Armstrong gehört oder ähnliches. Jazzmusik hat mich sehr beeindruckt. Ich bin jedenfalls nicht mit Marschmusik aufgewachsen. Obwohl, es gab in meiner Schuler eine Blaskapelle, in der ich Trompete gespielt habe, auch Marschmusik. Das Spielen und das Marschieren dazu habe ich ein bisschen gelernt. Aber eigentlich war ich früher Jazz-Musiker.

Gibt es vielleicht bei im Krieg aufgewachsenen Kindern eine besondere Sensibilität für Geräusche und ihr rhythmisches Auftreten, nach dem man eventuell eine nahende Gefahr ermessen kann?
     Ja, im Unterbewusstsein sind da bestimmt noch Dinge bei mir vorhanden. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Ich habe alles überlebt.

Würden Sie Dresden als Ihre Heimat bezeichnen?
    So eine richtige Heimat habe ich eigentlich gar nicht. An meinem Geburtstort habe ich auch nur ganz kurze Zeit gelebt und bin da nie wieder hingekommen. Das hat keine Bedeutung für mich.

Was hat Ihnen den entscheidenden Kick gegeben, selbst zu trommeln?
    Ich habe am Anfang, wie gesagt, Trompete gespielt und ein paar andere Sachen, wie Akkordeon. Dann kam ich auf eine andere Schule, an der es auch eine Kappelle gab. Aber die haben gesagt: einen Trompeter brauchen wir nicht, wir brauchen einen Schlagzeuger. Na gut, dann mache ich eben das. Dabei hatte ich vom Schlagzeug eigentlich keine Ahnung. Ich dachte, das wäre ganz leicht. Ich habe mir ein Schrottschlagzeug besorgt und angefangen, zu spielen. Bumm, bumm, bumm konnte ich machen und ich dachte, das genügt. Erst später habe ich Jazz gehört, die großen Jazz-Trommler wie Max Roach, und habe versucht, so wie sie zu spielen. Und noch später war es dann an der Zeit, aufzuhören, wie andere zu spielen, sondern meinen eigenen Weg zu finden. Das war zu der Zeit von Can in den siebziger Jahren. Da haben wir uns von Vorbildern gelöst. Und seitdem habe ich immer versucht, was Eigenes zu machen, bis dahin, dass ich auch nicht mehr das Schlagzeug spiele, was man so kennt.

Der bekannteste Beat dürfte doch der sein, bei das Publikum immer automatisch mitklatscht. Woher kommt das?
    Dieser Marschrhythmus wird schon lange praktiziert. Dieses Links-Zwo-Drei-Vier-Denken steckt in den Leuten drin, deswegen hören sie noch immer gerne verkappte Marschmusik. Dazu zählt eigentlich alles, was es hierzulande an kommerzieller Musik gibt. Techno ist im Prinzip ein etwas flotterer Marsch und dann klatschen die Leute mit, besonders bei DJ Ötzi und solchen Leuten. Das kommt nicht von allein, sondern von Hörgewohnheiten, die den Leuten anerzogen wurden.

Welche Rolle spielen Rhythmen, die einem der Körper vorgibt, also Pulsschlag oder der Herzrhythmus?
     Jeder Mensch hat ein rhythmisches Gefühl, das ist klar. Wenn man läuft, hält man in der Regel ein Tempo durch, im Allgemeinen geht man gleichmäßig. Aber der Herzschlag ist viel komplizierter, das ist kein 4/4-Takt. Der geht nicht Dum-Dum-Dum-Dum, sondern eher Dü-Düd, Dü-Düd. Das Herz pumpt nicht in einem geraden Rhythmus. Ich habe schon Ärzte gefragt, in welchem zeitlichen Verhältnis dieser Herzschlag steht, aber das konnte mir bisher keiner sagen. Die wussten es einfach nicht.

Könnte man sozusagen einen Heart-Beat mit einem gleichen Rhythmus von außen synchronisieren und manipulieren?
     Ich kann mir das vorstellen, ja. Man könnte durch einen Rhythmus bestimmt die Herzfrequenz beeinflussen. Und wenn der Beat aufregend ist, läuft das Herz ja sowieso schneller.

Beruhte darin das Misstrauen, das zum Beispiel in den fünfziger Jahren die Kirche dazu brachte, den Rock’n’Roll als »Teufelsmusik« zu diffamieren?
     Das Problem hatte die Kirche ja immer schon. Sie hat den rhythmischen Tanz verdammt oder mit Unzucht in Verbindung gebracht. Das hat die Leute hier in Europa rhythmisch ein bisschen gehemmt. Auch in Deutschland gab es ja zunächst kaum Trommeln, da hat sich nur das Militär drum gekümmert. Das ist inzwischen zwar besser geworden, aber in richtig katholischen Ländern merkt man immer noch, dass es in deren Musik kaum Trommeln gibt. Im spanischen Flamenco kommen keine vor. Die waren eben früher verboten und das Händeklatschen und das Klopfen mit dem Fuß auf den Boden, das war der Ersatz für die Trommeln.

Könnte man eine musikethnologische Landkarte zeichnen und verschiedenen Gegenden verschiedene Rhythmen zuordnen?

     Ja, es gibt regional verschiedene Vorlieben für bestimmte Rhythmen und Taktarten. Hier, in dieser westlichen Welt hört man zu mindestens 99% nur noch den 4/4-Takt. Alles andere ist weggefallen. Vor hundert Jahren gab es noch Wiener Walzer, der alles mit seinem 3/4-Takt überschwemmte. Aber der spielt hier eigentlich keine Rolle mehr. In Afrika ist der 3/4-Takt hingegen heute noch teilweise sehr präsent.

Wie sieht das zum Beispiel im östlicheren Europa aus?
    Auf dem Balkan gibt es alle möglichen Taktarten, ganz schräges Zeug, das hier niemand versteht, aber dort ganz normal ist. In der Türkei ist der 9er-Takt sehr beliebt, das ist da ganz normale Tanzmusik. Ein Türke weiß einfach, wie man sich dazu im Takt bewegt. Ein Deutscher weiß gar nicht, was er dazu anstellen soll – aber nur, weil er ihn nicht gewohnt ist.

Woher kommen diese unterschiedlichen Gewohnheiten?
    Wie die entstanden sind, weiß ich auch nicht. In Afghanistan gibt es fast nur den 7er-Takt. Eigentlich seltsam, dass ihn hier niemand fassen kann, obwohl die Woche ja mit ihren sieben Tagen auch einen 7er-Takt hat. Und die normale Tonleiter hat auch sieben Töne. Eigentlich ist ein 7er-Takt also ganz normal, nur die Leute können ihn nicht mehr wahrnehmen, er gefällt ihnen nicht, weil sie so einseitig mit dem 4er-Takt ernährt worden sind.

Techno-Musik könnte man ja eigentlich als eine neue Weltsprache bezeichnen, die überall verstanden wird, zu der man auf der ganzen Welt tanzt. Nach dem, was Sie sagen, klingt es eher so, als wäre dieses Phänomen nichts weiter, als eine weitere Globalisierung westlicher Gewohnheiten.
    Nein, das ist eher eine Konzentration auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. 4/4-Takte gibt es überall, in allen Kulturen, aber dort ist er einer von vielen Rhythmen und hat nicht diese exklusive Stellung, wie hier. Wenn du hier das Radio anmachst, hörst du nur diesen Vierteltakt, das ist eigentlich nicht normal.

Entdecken Sie auf Ihren Tourneen durch die Welt noch Rhythmen, die Sie nicht verstehen?
    Es gibt Formen, die man auf Anhieb nicht versteht. Da muss man länger zuhören und vielleicht auch ein bisschen analysieren. Und dann merkt man: Oh, das ist im 17er-Takt. (lacht) Das ist schon ziemlich ungewöhnlich, aber es gibt bestimmt einige Sufis, die so was machen.

Kann man zu einem 17er-Takt noch tanzen?
    Das ist wohl eher ein virtuoses Spezialistentum, für Fachleute gemacht. Ich weiß ja nicht, wie ein Sufi diese Musik hört, vielleicht machen die sich gar keine Gedanken darüber. Vielleicht muss man das auch gar nicht verstehen.

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