Credit Fabian Hammerl

Zurück zu Ihrer Musik. Qualm, Ihr neues Album, klingt reduzierter und weniger verspielt als sein Vorgänger Discreet Desires.
Als ich angefangen habe Musik zu machen, wollte ich immer ein bisschen so klingen wie die Sachen auf Bunker, so wie diese holländischen Acid-Geschichten und die sind alle wahnsinnig reduziert. Nur mit einem Synthesizer und einer Drum-Machine, mit wenigen Mitteln etwas Eindrucksvolles zu erschaffen, fasziniert mich sehr. Mit Discreet Desires bin ich andere Wege gegangen. Danach wollte ich aber unbedingt wieder zurückgehen zu meinem eigentlichen Sound, mit kleinteiligen Elementen und einer sehr reduzierten Inszenierung. An der Idee musste ich mich nochmal abarbeiten – entstanden ist dann Qualm. Als direkter Gegenpol zu Discreet Desires.

Trotzdem ähneln sich die Alben darin, dass sie den Gegensatz vertonen. Tod und Sinnlichkeit, Maschine und Organismus.
Der Techno lebt von Gegensätzen. Es ist faszinierend, dass die Menschheit es irgendwie geschafft hat, so großartige Dinge hervorzubringen und dabei im gleichen Moment Unsägliches zu tun. Wir bauen Raketen und fliegen damit zum Mond. Wenn das nicht mehr reicht, schießen wir uns damit ab. Die verrückte Tatsache, dass wir so wahnsinnig intelligent sind und trotzdem unsere eigenen Beziehungen nicht auf die Reihe kriegen, ist beindruckend und beängstigend. Diese Ambivalenz der Menschlichkeit findet sich im Techno wieder. Maschinen und Science Fiction werden fetischisiert und der Kriegszustand in Aggression gespiegelt. Auf dem Album geht es um beides – die Härte und die Schönheit der Maschine. Nicht die Musik ist destruktiv, sondern der Mensch, den sie ausdrückt.

Sind Maschinen, Synths und Drum Machines menschlicher als Computer?
Definitiv. Du gibst etwas rein und bekommst auch irgendwas zurück, manchmal etwas mit dem du nicht rechnest. Computer reagieren auf Befehle, mit der Maschine stehe ich im Dialog. Das ist ein anderes Verhältnis. Wenn man bei der Arbeit mit dem Computer etwas unerwartetes zurückbekommt, ist das meist frustrierend, eigentlich immer negativ. Da gibt es keine schönen Überraschungen. Man kann mit Computern tolle Musik machen. Ich nicht.

„Wir bauen Raketen und fliegen damit zum Mond. Wenn das nicht mehr reicht, schießen wir uns damit ab.“

Überträgt sich dieser Dialog in den Club?
Im Club verbringt man ganze Nächte, nicht nur mit der Musik, sondern auch miteinander. Da werden im Vorhinein keine Erwartungen formuliert oder Ziele gesteckt. Man kann total in Trance geraten oder mit seinen Freunden quatschen, total politisch diskutieren oder einfach beobachten. Viele Leute verstehen das nicht. Letztens hab ich eine Talkshow gesehen, in der ein CDU-Politiker über Clubs geredet hat, offensichtlich war er mehr als skeptisch. Der sagte: „Ich verstehe das nicht. Das ist so unsozial. Alle nehmen Drogen und tanzen nur für sich. Früher! Da haben wir Paartanz gemacht. Im Club kann man ja gar nicht flirten!“ Und ich verstehe das nicht. Wie man erstens mit so einer oberflächlichen Erwartung an Clubs herangehen kann. Und, warum es eine so starke negative öffentliche Wahrnehmung gibt, obwohl kaum einer dieser Leute jemals in einem Club war. Natürlich nimmt man sich da nicht unbedingt in den Arm. Außer man hat etwas zu viel Ecstasy genommen.

Lohnt sich der Versuch, solche Leute zu bekehren?
Jemanden, der so grundsätzlich anti ist, wird man nicht davon überzeugen können. Aber junge Menschen, auf der Suche nach politischem und sozialem Diskurs, könnten dort sehr viel lernen. Gerade in Deutschland ist die Techno-Szene sehr politisch, die Leute weniger konservativ. Das fördert Toleranz.

Am 03.08. erscheint „Qualm“ von Helena Hauff bei Ninja Tune. Eine Rezension zum Album finden Sie im aktuellen SPEX-Magazin No. 381. Die Ausgabe können Sie nach wie vor versandkostenfrei im Online-Shop bestellen.