Das vergangene Jahrzehnt war eine großartige Zeit für den weiblichen Pop, an dessen Ende die Meisterdiebin Taylor Swift steht. Im Leben für die Instagram-Identität wird nun überall zurückgerudert.

Alles, was Taylor Swift anfasst, wird zu Gold. Insbesondere wenn man Gold mit Geld gleichsetzt und Geld mit Gentrifizierung. Der Touri-Führer_innen-Song „London Boy” auf Swifts neuer Platte Lover beginnt mit einer Sprachaufzeichnung: „We can go driving on my scooter… you know, just round London“. Wenn man diesen O-Ton im schwindenden Sommer des Jahres 2019 hört, wird man das Gefühl nicht los, dass hier gerade etwas zu Ende geht. Die Häuser sind in die Höhe geschossen, die Bars sind voll mit Flatscreens, Linoleum und sauber geknickten Kragen, die Musik summt im Hintergrund. Ja, etwas ist vorbei, aber was? 

Es ist immer leichter eine Entwicklung zu beobachten, wenn sie zu Ende gegangen ist. Als die UN 2016 die Spice Girls wiederbelebte und ihr „Wannabe” der Global-Goals-Kampagne für Frauenrechte als Zugpferd voranstellte, fühlte sich dies seltsam an. War der Song zu diesem Zeitpunkt ja schon 20 Jahre alt und die Spice Girls in ihrer kalkulierten Zusammenstellung von archetypischen Frauenbildern ziemlich Neunziger und aus heutiger Sicht ziemlich steif und, nun ja, kalkuliert. Sind wir nicht weiter als das? Sollte man meinen.

Andererseits, irgendwo muss ja alles anfangen. „Girl Power has come a long way”, betonte der Spot am Ende, nachdem er Ziele wie das Ende der Kinderehe und gleichen Lohn für gleiche Arbeit formuliert hatte. „Let‘s take it further”, forderte die letzte Texttafel. Vielleicht sind die Neunzigerjahre als Ausgangspunkt zu begreifen, als Betaversion. Gelingen muss noch gar nichts, nur die Richtung sollte stimmen. 

Taylor Swift
Finger und Brieftasche am Puls der Zeit: Taylor Swift (Illustration: SPEX).

Es war viel los nach der Wende und vor dem 11. September 2001. Reagan, die Mauer, später sogar Kohl: alle weg. Was Platz machte für Dinge, die man sich bis dahin nicht erlauben durfte. Nicht zuletzt im weiblichen Pop. Die Wut Sinead O‘Connors und Alanis Morissettes war authentisch, der Ungehorsam von Bikini Kill und Sleater-Kinney war lustvoll. Es war eine reiche Zeit. Man muss immer aufpassen, nicht zu sehr zu verklären, aber produktiv war es allemal. Und dann fielen zwei Türme und mit ihnen die Freiheit, welche dem Gemeinwohl als Opfer gebracht wurde. Wobei Gemeinwohl das Wohl des Mannes meint, versteht sich. Der Hip-Hop trat seinen Siegeszug an und tauschte dabei den Klassenkampf Comptons gegen Trailerpark-Wut, Radkappen und Bacardi. Der Indie-Rock war ein kurzes Zucken in dünnen Krawatten und überall nur Timberland-Beats. Kurz setzten viele ihre Hoffnungen auf Avril Lavigne, aber sie war leider nicht mehr als ein blasses, prüdes Versprechen. 

Die weiblichen Stimmen im Radio hießen Anfang des Jahrhunderts Pussycat Dolls, Jessica Simpson oder Fergie von den Black Eyed Peas. Es dominierte der Go-Go-Tanz und das von Britney Spears perfektionierte Heilige-Hure-Konstrukt. Spears eröffnete das Jahrzehnt im Jahr 2000 mit Oops! … I Did It Again und beendete es im November 2009 mit ihrem zweiten Best-Of-Album. Danach ging sie ins Fernsehen. Der Pop war ohne sie weitergezogen. Spears und ihre Kolleginnen erzählten Geschichten von der Keuschheit und dem Bruch mit ihr. Und der Feind? War meist „die Andere“. Die Pussycat Dolls spannten sie in „Don‘t Cha” (2005) ihrem Love-Interest aus (2005), Destiny‘s Child slutshameten sie in „Nasty Girl” (2002), während Taylor Swift in „You Belong To Me” (2009) mit ausgestellter Sensibilität hauchte: „She’s going off about something that you said. ‘Cause she doesn’t get your humor like I do“. Jaja… immer schön das Bier bereit halten, wenn er aus dem Büro kommt.

Doch mit jedem weiteren Jahr Abstand zum Irakkrieg schaffte es eine Generation an Frauen in den Pop und damit an die Spitze der Welt, die mit den Spice Girls aufgewachsen waren und nun ihre eigenen Stimmen fanden. Im neuen Jahrzehnt, das in wenigen Monaten zu Ende gehen wird, hielt Heterogenität Einzug in den female pop. Eine Fülle an Typen, Weltanschauungen und Talenten traf sich. Sie alle wurden zu Marken, zu Assoziationen, Charakteren in diesem Spiel um Verortung, das wir Jugend nennen.

Beyoncé, immer schon zu dominant, um die Bühne mit anderen zu teilen, wütete sich sich zur Weltherrschaft. Mit Malcom-X-Anspielungen, Stolz und Körperlichkeit als ewigem Mittel gegen die kulturelle Unterdrückung fand sie ihre Stimme und ihren Platz so tief im Mainstream, dass sie mittlerweile selbst entscheiden kann, was als solcher definiert wird. Katy Perry war dagegen die Cheerleaderin wider Widerwillen. Ihr Pop löste den Widerspruch auf, dass die Entscheidung zu ihm mit Selbstaufgabe einhergehen müsse. Und Lady Gaga fing alle auf, die sich zwischen diesen beiden Interpretationen nicht wiederfinden wollten. Die Frage, die Gaga sich und dem Pop stellte, war: Wer ist berühmt und warum niemand anderes? Eine Frage, die den Nicht-Gehörten Platz verschaffte. Rihannas Pop war betont hedonistisch und verweigerte den intellektuellen Überbau, was natürlich ein intellektueller Akt war, der Party aber keinen Abbruch tat. Feiern konnte auch Miley Cyrus, weil gerade dies in ihrem Irren durch Stile und Versuche der Selbstfindung immer die eine Konstante darstellte. Während Adele lieber zu Hause blieb, unter der Wolldecke.

Swift ist eine Meisterdiebin, die alles Erreichte und Neue als das Ihre verkaufen kann

Die Archetypen der Neunzigerjahre waren aufgebrochen und das setzte jede Menge Autonomie frei. Das Konstrukt wurde lebendig: Wut und Leid, Brunft und Party, Spaß und Kater, Identität und Karneval – geeint durch das Selbstverständnis, die eigene Sicht der Dinge ernst zu nehmen und damit dem Publikum eine Orientierung zu geben. Und die Möglichkeit, im Auto mitzusingen, natürlich.

Auch etwas außerhalb der Top-40-Charts gab es in den vergangenen zehn Jahren eine Fülle an Reizen und Versuchen, den Pop um weibliche Interpretationen zu erweitern. Der female pop konnte seit 2010 auch deshalb eine Renaissance feiern, weil die Spitze auf unzählige Zuarbeiterinnen zugreifen konnte, die in der Nische erfolgreich experimentierten. Auch hier aber war ein hohes Selbstwertgefühl das Fundament. Egal, ob in Marinas Zynismus und ihrer produktiven Hassliebe auf die popular girls, in Robyns intellektuellen Fingerübungen und Verletzlichkeiten, Grimes’ unterdrückter Wut und ihren Experimenten, die doch immer wieder gut ins Ohr gingen, Lana Del Reys Sehnsucht nach Schmerzbefreitheit oder Keshas Exzess und die anschließende von der Realität aufgezwungene Nachbetrachtung dessen.

Es war laut und bunt in den vergangenen Jahren. Aber es gab da auch eine andere Entwicklung, die mit kleiner Geste aber unbeirrbarem Rhythmus davon ziehen sollte. Mit Lordes Debüt Pure Heroine (2013) hatte das ablaufende Jahrzehnt seinen Gegenpol zum wilden Treiben der Diven und Alter-Egos. Die Reduzierung, das Minimale wurde stilbildend. Die ausgebreiteten Arme wichen dem Fingerschnipsen. Die Fanfare der seichten Snare. Katy Perry entwickelte sich vom Konfettiregen auf Teenage Dreams (2010) zu Witness (2017), einer nachdenklichen Platte mit politischen Tönen. Lady Gaga führte der Ritt auf dem disco stick schließlich zur Akustikgitarre von Joanne (2016) und neben Bradley Cooper in die Neuauflage von A Star Is Born, in dem sie ihr eigenes Wirken als unauthentisch bezeichnete. Ein bitter-biederer Moment für den Pop des scheidenden Jahrzehnts. War dieser doch vieles, aber sicher keine Lüge. Viele Künstlerinnen suchten in den vergangenen Jahren neue Wege und fast alle zeigten in Richtung Lorde. Der Blick nach innen gewann an Wert und wurde mit reduzierter Haltung nach außen kommuniziert. Was uns nun endlich zu Taylor Swift führt. Die Frau, die mit ihrem Album Lover gerade das Jahrzehnt des female pop begraben hat.

Als Tochter eines Aktienhändlers und einer Hausfrau und mit einer unbeschwerten Kindheit ausgestattet, bringt Swift einen unbändigen Willen zum Ruhm mit, der es ihr möglich macht, immer wieder auf politische und kulturelle Strömungen einzugehen. Sie ist eine Pop-Handwerkerin, eine Meisterdiebin, welche die Qualität besitzt, alles Erreichte und Neue als das Ihre zu verkaufen. 

Swift merkt, dass die Welt sauer ist, also ist sie es auch

Swifts Anfänge sind seicht. Sie singt mit schlichter Instrumentierung gegen Mobbing. So lange bis sie merkt, dass es im markigeren Pop mehr zu holen gibt und sie mit dem Album Fearless (2008) ihren Durchbruch schafft. Fortan wird sie den Finger und die Brieftasche am Puls der Zeit haben und mit 1989 ihr Meisterwerk veröffentlichen. Dass dieser Karrierehöhepunkt ausgerechnet ins Jahr 2014 fällt, ist kein Zufall. 1989 steht mitten in dem Jahrzehnt, das Swift so viel Möglichkeiten zur Inspiration gibt, dass sie frei wählen kann und deshalb einen Hit nach dem anderen raushaut – verpackt in kurzweiliger Tagebuch-Ästhetik. Auf 1989 folgt Reputation (2017). Swift merkt, dass die Welt sauer ist, also ist sie es auch. Nur auf wen? Die Hater natürlich. Und Kanye. 

Und jetzt? Gibt es die Versöhnung. Bevor wir uns falsch verstehen, Lover ist ein gutes Pop-Album. Es hat viele nette, auch reflektierte Momente. Diesmal natürlich vor allem in jenen Bereichen, die gerade gut über die Ladentheke gehen: ein bisschen Anbiederung an die LGBTQI*-Community im schrecklichen „You Need To Calm Down”, ein bisschen #MeToo in „The Man”, ein bisschen nostalgisches Selbstzitat in „The Archer”. Das gesamte Album ist entspannt und nur an ein, zwei Stellen peinlich. Problematisch oder symptomatisch wird erst, wenn die Platte zu Ende ist. Weil mit etwas Abstand klar wird, dass so gar nichts im Gedächtnis bleiben will. 

 

Lover ist das letzte Wippen der Zehnerjahre. Es hat sich Spotify ergeben. Mit 18 Songs und mehr als einer Stunde Spielzeit macht das Album keine Fehler und lässt nichts aus. Nichts fehlt, außer Risiko. Lover will nicht gehört werden, es will durchgehört werden, der Tantiemen wegen. Natürlich ist dabei alles grandios und fehlerfrei produziert. Aber wenn im eigentlich schönen „False God” sogar das Felix-Jaehn-Saxophon eine Lightversion erhält, wird klar: Hier sind so viele Ecken abgeschnitten, dass Lover schon schmerzhaft rund ist. Und so kann man hier einfach nichts mehr glauben. Selbst die Ode an die krebskranke Mutter in „Soon You’ll Get Better” kann in diesem Kontext nicht berühren. Auf einer anderen Platte, und mit rücksichtsloser Verletzlichkeit vorgetragen, hätte der gleiche Song funktionieren können. Auch die Ironie in der Vorab-Single „ME!” ist natürlich nur eine ironische Ironie. Denn letztlich ist Swift nur an sich selbst interessiert. Das könnte ihren Pop sogar mit Leben füllen, aber nicht, wenn sie dies permanent selbst verschleiert. 

Es geht nicht ums Verliebt-Sein, sondern darum, ins Verliebt-Sein verliebt zu sein

Das alles macht Lover zu einem Abschlussalbum. Der female pop der Zehnerjahre wird an sein logisches Ende geführt. Das Selbstbewusstsein und die Themen der vergangenen Jahre sind noch spürbar, aber sie werden nur noch in kalkulierter Vorsicht kommuniziert. Der vergangenen Wut, der vergangenen Freude wird misstraut. Wann kommt endlich die Verschwendung, der Überfluss? Sie bleiben aus. Die Klangwelt bleibt klein. Weshalb alle Amplituden des Albums kastriert daher kommen, wie das um Spaß bettelnde „Paper Rings” zum Beispiel. An diesem Song lässt sich das ganze Dilemma des Albums festmachen. Denn obwohl der Song eine Einladung zum Wohnzimmertanz sein will, entschließt er sich doch zu einer Schulband-Instrumentierung. Selbst im naiv-freudigsten Moment der Platte bleibt sie neurotisch pseudo-intim. Der Sound von Lover hat das Auto mit dem Fahrstuhl ersetzt. Bin ich auch ja authentisch, fragt Swift durchgehend. Ihre Vorgängerinnen ließen sich von dieser Frage nie von einer Antwort abbringen.

Und so ist Lover auch das passende Album über das Leben in der Instagram-Identität. Es geht hier nicht ums Verliebt-Sein, sondern darum, ins Verliebt-Sein verliebt zu sein. Im eingangs erwähnten Song „London Boy” streift Swift unter anderem durch Camden. Sie will nicht dort sein, sie will nur sagen können, dass sie dort war. 

Ach so, und der O-Ton zu Beginn dieses Songs stammt von Idris Elba und dessen Besuch in der Late-Night-Show von James Corden. Es ist natürlich ein großer Zufall, dass die beiden zusammen mit Swift bald in der Verfilmung von Cats zu sehen sein werden. Synergie, Baby! Die Gentrifizierung ist abgeschlossen, der Markenkern allerorts erkannt und zur Vermarktung frei gegeben. Girl Power. Überall wird zurückgerudert. 

Lover endet mit einem weiterem O-Ton. Zum Schluss des Albums, nach dem – Überraschung – Midtempo-Rausschmeißer „Daylight” spricht Swift sich selbst auf die Mailbox: „I wanna be defined by the things that I love. Not the things I hate. Not the things I’m afraid of […]. I just think that you are what you love“. Wäre Taylor Swift nicht mit den Spice Girls aufgewachsen, sie wäre heute Influencerin.