Tash Sultana „Flow State“ / Review

Jams mit Hitpotenzial oder glattpolierte Straßenmusik. Tash Sultana ist vermutlich zu verträumt, um mitzubekommen, zu welchen Höhen Flow State sie tragen könnte.

Natasha „Tash“ Sultana aus Melbourne eilt ihr Ruf voraus: Eine Art Phönix aus der Asche sei sie, ein psychogenen Drogen verfallenes Wundermädchen, das sich mithilfe der Musik von ihrer Sucht befreien konnte. Und weil Tash auch nach ihrer Selbsttherapie noch minderjährig war, konnte sie zunächst nur mit gefälschten Ausweisen auftreten und als Straßenmusikerin spielen. Ihre ersten Singles „Jungle“ und „Notion“ landeten in den australischen Radiocharts, inzwischen spielt sie auf großen Festivals wie dem amerikanischen Lollapalooza vor vollem Rasen.

Eine besessene One-Woman-Show

Das ist natürlich eine so bewundernswerte wie werbewirksame Story – im positiven Sinn: Sultana setzt ihre Prominenz für Organisationen ein, die Betroffenen drogeninduzierter Angststörungen helfen. Die Frage zu stellen, ob ihre Musik ohne den dramatischen Background auf ähnliche Resonanz stoßen würde, wäre angesichts ihres lange aufgeschobenen Debüts Flow State ziemlich fies. Denn daran, dass Sultana eine hyperbegabte Musikerin ist, kann kein Zweifel bestehen. Alle 15 (!) auf der Platte eingesetzten Instrumente spielt sie selbst, außerdem singt, loopt und beatboxt sie, eine besessene One-Woman-Show, deren Einflüsse laut eigener Aussage von Erykah Badu bis Phil Collins reichen. Und Carlos Santana, möchte man ergänzen, wenn man ihren ausufernden Gitarrensoli lauscht: Sultanas Spiel gehorcht nicht der Spotify-Regel, nach der spätestens nach 30 Sekunden erkennbar sein muss, wohin ein Song steuert. Tash Sultana nimmt sich alle Freiheiten, mäandert vom zarten R’n’B eines „Cigarettes“ über die Erlösungshymne „Salvation“ zum rauschhaften, knapp zehn Minuten langen „Blackbird“, in dem Hörerin und Musikerin beinahe verloren zu gehen drohen.

Zeit, Raum und Genres existieren bei Sultana offenbar nicht: Flow State verströmt blumigen Straßenmusik-Jam-Appeal, als wären Zaz und Sylvia Juncosa in derselben Band unterwegs – und klingt gleichzeitig stellenweise so poliert wie die Hits von Beyoncé. Kein Widerspruch für die Australierin, die jetzt nur noch mit einem klarkommen muss: Dass sie sehr bald sehr berühmt sein wird.

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