Keiner wichst so schön wie Quentin Tarantino. Oder? Mit Once Upon A Time … In Hollywood beginnt die Selbstbefruchtungsnummer des Meta-Retro-Illusionisten zu degenerieren. Das scheint auch er selbst zu ahnen.

Once Upon A Time … In Hollywood ist ein Fall für Albert Einstein. Der Film macht seltsame Dinge mit dem Raum-Zeit-Kontinuum. Ich komme aus dem Kino und stecke fest in den Achtzigern. Cruise am Steuer eines obszönen Sportwagens am Strand von Vice City entlang. Der Zwölfzylinder schnurrt, aus dem Autoradio pumpen frühe Rap-Hits und smoothester Party-Funk. Die Neonlichter der Hotels und Bars fliegen vorbei, Frauen in Miniröcken, toughe Typen, Rollschuh-Freaks. Im Kofferraum stapeln sich meine Waffen. Bestimmt muss ich gleich wieder ein Dutzend weiße Seidenanzüge rot einfärben. Aber jetzt bin ich einfach nur Bewegung, Farbe, Sound.

Hollywood-Star auf dem absteigenden Ast und sein Stunt-Double: Brad Pitt und Leonardo DiCaprio alias Cliff Booth und Rick Dalton (Foto: Andrew Cooper / Columbia).

Die Erinnerung hat nichts mit dem Jahr 1969 zu tun, in dem Once Upon A Time … In Hollywood spielt. Sie ist noch nicht mal „echt“. Es ist eine Stimmung, die das Computerspiel GTA: Vice City erzeugt hat, irgendwann vor mindestens 15 Jahren: ein angenehmes Gefühl von Entrücktheit ins Virtuelle. Ein Gefühl, das Quentin Tarantino jetzt wieder getriggert hat. 

Die ersten zwei Stunden von Tarantinos neuntem Film bestehen aus einer Aneinanderreihung von sexy Motorgeräuschen gepaart mit den Top-40-Songs, die vor 50 Jahren erklangen, sobald jemand an einem Zündschlüssel drehte. Auto und Radio, Mobilität und Klangraum. Es gibt kaum akustisch nicht markiertes Territorium in diesem Film, und alles schreit: late sixties! Dazu tolle Neonlichter und fantastische Kulissen aus einer Zeit, wie sie so nur in der Erinnerung aussehen kann. Vermutlich komme ich deswegen so zufrieden aus dem Kino. Keiner von Tarantinos bisherigen Filmen ist so virtuell und so sehr Computerspiel wie dieser. Auch wenn es ein etwas ereignisarmes Spiel ist.

Es geht um einen Hollywood-Star auf dem absteigenden Ast und sein Stunt-Double: Leonardo DiCaprio und Brad Pitt alias Rick Dalton und Cliff Booth. Die beiden müssen damit klarkommen, dass das Filmbusiness für Figuren wie sie zunehmend weniger Verwendung hat. Der einstige Western-Held und der verknöchernde Stuntman lassen diese Erkenntnis bei Begegnungen mit achtjährigen Method-Actresses, widerspenstigen TV-Antennen und 1001 Filmzitaten schön langsam sacken. Und mixen sich lieber erst noch einen Kübel Margarita, bevor sie sich in der Zweitverwertungsmaschinerie namens Italowestern verheizen lassen. 

Seine Spannung hält dieses genüsslich in die Länge gezogene Cocktailschlürfen und Referenz-Hopping durch eine genaue historische Markierung. Rick Dalton wohnt im Cielo Drive nördlich der Beverly Hills, das Grundstück nebenan beziehen der Regisseur Roman Polanski und die Schauspielerin Sharon Tate. Deren Anwesen war der Schauplatz des ultimativen Sündenfalls der Sechzigerjahre-Gegenkultur. Beauftragt von Charles Manson haben Mitglieder von dessen Kommune hier am 8. August 1969 Tate samt ihrem ungeborenen Baby sowie vier weitere Personen umgebracht. 

Keiner wichst so formvollendet

Cliff Booth lernt im Verlauf der Filmhandlung einige Mitglieder der Manson Family kennen, besucht einmal auch ihre Kommune. Tate (gespielt von Margot Robbie) ist die Protagonistin einer Nebenhandlung, durch die auch die weiteren Opfer der Morde geistern. Wenn Rick Dalton in einer Drehpause also seinen Trailer zertrümmert und seinem Spiegelbild droht, er werde sich eine Kugel in den Kopf jagen, sofern er seine Zeilen nicht auf die Reihe kriegt; wenn Cliff Booth in einer komödiantischen Rückblende als mutmaßlicher Frauenmörder vorgestellt wird; wenn die beiden in Rick Daltons Villa bei ein paar Bierchen eine Krimiserie schauen und das Geschehen auf der Mattscheibe lakonisch kommentieren, dann ist all das immer aufgeladen durch das Vorwissen des Publikums, dass vor 50 Jahren nebenan wirklich mehrere Menschen ermordet wurden.

Die Konstellation ist paradox. Bisher ist nie jemand auf die Idee gekommen, Tarantino mit dem Wort „Realismus“ in Verbindung zu bringen. Er ist der große Illusionist eines Meta-Retro-Kinos, das in den Neunzigerjahren wie eine Offenbarung wirkte. Je genauer er seine Kulissen nachbaut und historisch einbettet, desto irrealer müssen sie werden. Es geht ihm erklärtermaßen seit jeher um Schund, Fiktion, Zitat – um eine Art von Kinokino, das sich aus der Selbstzerfleischung immer wieder neu erschafft. Inzest-Splatter sozusagen, mit Unmengen an Coolness, gutem Sound und Autoerotik. Tarantino ist zweifellos einer der obsessivsten und begnadetsten Hollywood-Masturbatoren. Darf man das sagen: Keiner wichst so formvollendet wie er? 

Dass die Selbstbefruchtungsnummer früher oder später degenerieren muss, steht natürlich von Anfang an fest. Die gute und die schlechte Nachricht in Bezug auf Once Upon A Time … In Hollywood ist also ein und dieselbe: Tarantino macht überhaupt nichts anders. Sein neunter Film ist grandios gedreht. Man kann die knappen drei Stunden wunderbar weggucken. Es ist der Tarantino’eskeste Tarantino ever.

Once Upon A Time … will – Überraschung – einfach ein Märchen sein. Es gibt nicht viel Handlung, aber eine Menge Inhalt, der sich bequemerweise sehr knapp subsumieren lässt. Das Programm ist ein übersteigerter Nostalgismus. Man könnte mit dem Fazit einer Kritik im New Yorker auch sagen, der Film sei „obscenely regressive“. Nun ist Geschichtsrevisionismus bei Tarantino nichts Neues. Im Gegenteil, wenn es in seinen Filmen um eine historische Verortung ging, dann auch darum, diesen Ort zu manipulieren, auf der Leinwand anders zu erfinden – und wenn dabei, wie in Inglourious Basterds, gleich ein ganzes Kino in die Luft fliegen muss.

Was wird aus dem alten Hollywood?

Auch diesmal werden wieder Nazis gegrillt. Aber Tarantinos historisches Interesse gilt einer anderen, für ihn offensichtlich bangen Frage. Und die ist, 50 Jahre nach dem Zusammenbruch des alten Studiosystems und in einer Zeit, in der Tarantinos erst vor Kurzem geschasster Produzent Harvey Weinstein aufgezeigt hat, was im heutigen System alles grundfalsch läuft, überaus diskutabel: Was wird aus dem alten Hollywood? 

Diese Frage war 1969 so relevant wie 2019, und sie wird im Film in einer zweifachen, parallelen Bewegung illustriert. Die einstigen Stars und ihre nutzlos gewordenen Handlanger fügen sich langsam in ihr Schicksal. Derweil werden die alten Schauplätze von den Auswüchsen der Gegenkultur besetzt. Die Manson Family haust in den Baracken eines ehemaligen Filmstudios am Rande von Los Angeles, in dem in den goldenen Zeiten Western gedreht wurden: Spahn’s Movie Ranch, die Geisterstadt einer untergegangenen Hollywood-Glorie. 

George, der Besitzer der Ranch, lebt noch, was Tarantino mit minutenlang aufgebauter Suspense inszeniert. Er liegt in der hintersten Ecke einer von Ratten bevölkerten Bude im Bett und lässt sich von den Kommunarden, einer Schar großteils namenlos bleibender junger Frauen (die prominentesten dargestellt von Margaret Qualley und Lena Dunham), wortwörtlich ficken. Er, einst Herr über die bewegten Bilder, ist jetzt blind. Trotzdem muss er seine letzten Kräfte dafür reservieren, abends mit den Manson-Teenies die Western-Serie Bonanza zu schauen, ohne dabei einzuschlafen. 

Die Pole Hollywood und Hippies spielt Tarantino gegeneinander aus, ohne je im Zweifel zu lassen, wem seine Sympathie gehört. Das Wort „Hippie“ kommt nur als Schimpfwort vor, von den charismatischen Protagonisten verächtlich im Mundwinkel zerkaut. Ihren ersten Auftritt hat die Family als Müllsammlertruppe, die durch den Abfall der Zivilisation wühlt – und darin saure Gurken findet. Die zunächst etwas ziellos mäandernde Handlung ist da verlässlich teleologisch wie ein Old-School-Western: Sie läuft auf das finale Duell hinaus. Nur einer kann überleben. Was die Option auf etwas eventuell entstehendes Drittes, Neues von vornherein ausschließt.

„Baby, baby, baby, you’re out of ti-hi-hi-hime“, heult Mick Jagger zu Beginn des letzten Akts. August 1969, Rick Dalton und Cliff Booth kehren aus Cinecittà zurück nach Hollywood. Die Italo-Maschinerie ist doch noch angelaufen. Sie haben sich geeinigt, dass sie getrennte Wege gehen werden. Die alten Zeiten sind irgendwie vorbei. Sie müssen nur noch in einem großen finalen Rausch besiegelt werden. Tarantino wetzt die Messer.

Das „Out Of Time“ der Rolling Stones ist nicht der einzige Appell, den der Regisseur an sich selbst und seinesgleichen richtet. Man könnte bis zu diesem Punkt sogar den ganzen Film als einen selbstironischen Abgesang verstehen. Aber ein ums andere Mal werden diese Botschaften konterkariert. Das hat etwas von einer trotzigen Selbstbehauptung. Once Upon A Time … In Hollywood wirkt wie eine Übung in Autosuggestion von jemandem, der es besser weiß, aber nicht wahrhaben will. 

Schon früher im Film, als Cliff Booth die Ranch der Manson-Kommune verlassen will, ruft ihm eine der jungen Frauen hinterher. „George ist gar nicht blind!“, schreit sie. „Du bist der Blinde!“ Du verweigerst dich der Wahrnehmung und der Wahrheit, du bist aus der Welt gefallen – Tarantino ruft sich das selbst zu. Es könnte der Moment sein, in dem dieser Film in eine interessante Schieflage kippt und Tarantinos weiteres Schaffen mit ihm.

Er kippt nicht. Denn es geht auch einfacher: Cliff Booth schlägt zurück. Schließlich gibt es im guten, alten Hollywood-Universum wenig, gegen das eine zu Brei zerkloppte Nase nicht geholfen hätte.

Once Upon A Time … In Hollywood
Regie: Quentin Tarantino
Mit: Leonardo DiCapri, Brad Pitt, Margot Robbie, u.a.
Startet am 15.08.