Tanz mich nicht an! – SPEX-Essay zum Frauenkampftag / Feministischen Kampftag

Illustration: Frauen*kampftag 2016 / Facebook

Es ist schon so weit, dass sie jedes Mal, wenn irgendwo »Poetryslam« steht, »Islam« liest. Mithu Sanyal ist feministische Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. In der aktuellen Ausgabe von SPEX sucht sie nach einem dringend notwendigen Gegengift zu den ganzen freudlosen Nachrichten und Kommentaren, die nicht erst mit der Silvesternacht in Köln begannen.

Ja, es ist etwas in Köln geschehen und es ist wichtig, darüber zu reden. Das Problem ist nur, dass ich gerade das Gefühl habe, ich müsse mich zwischen zwei Identitäten entscheiden: Frau sein oder arabisch aussehender™ Mensch sein – wie meine Kollegin Nadia Shehadeh uns so passend nennt. (Die Trademark »arabisch aussehend« wurde durch die Bloggerin Nadia Shehadeh eingeführt, um auf die Konstruktion dieser Identität aufmerksam zu machen. Oder mit anderen Worten: Was zum Teufel soll ein arabisch aussehender Mensch sein?) Und arabisch aussehende Menschen sind seit der Silvesternacht nun einmal untrennbar mit der sexuellen Bedrohung von Frauen verknüpft. Daran ändert auch nichts, dass Zeugen wie Caitlin Duncan berichten, eine Gruppe von syrischen Flüchtlingen habe sie aus der Menge gerettet.

Der Fremde hinterm Busch ist zurück; er treibt jetzt als der Fremde auf der Domplatte sein Unwesen. Oder irgendwo. Zum Beispiel im Schwimmbad. Unter dem Titel »Braune Flut« stand im Spiegel: »Wo ein vereinzelter Bikini im Frei-Bassin paddelt, ist er bald von bräunlichen Schwimmern eingekreist … Zehn, zwanzig Algerier-Hände zerren an den Verschlüssen des Badekostüms und rauben der Trägerin das Textil.« Pardon, das war gar nicht der Artikel über das Schwimmbadverbot für Flüchtlinge in Bornheim bei Bonn (das inzwischen wegen massiver Proteste aufgehoben werden musste), sondern über Pariser Badeanstalten aus dem Juli 1964. Und von wann – plus/minus fünf Jahre – stammt folgende freundliche Reporterfrage? »Wie ist es als muslimisches Einwandererkind von einer freien Gesellschaft umgeben zu sein?« Okay, das Adjektiv »muslimisch« verrät, dass es ein aktuelles Interview ist (Die Welt vom 14.01.2016). Früher hätte dort »mohammedanisch« gestanden und noch früher »muselmanisch«. Ansonsten hat sich anscheinend nicht viel verändert.

Der Fremde hinterm Busch ist zurück; er treibt jetzt als der Fremde auf der Domplatte sein Unwesen. Oder irgendwo. Zum Beispiel im Schwimmbad.

Nun bin ich keine Nahost-Expertin wie die Artikelschreiber_innen, die mir versichern, dass dort für Frauen jeden Tag Silvester auf der Domplatte ist. Und dass die Flüchtlinge aus Nordafrika und der Arabischen Welt ihr Frauenbild jetzt zu uns importieren. Da wird schon etwas dran sein, ich nehme mein Frauenbild mit, wohin ich auch gehe, und ich bin in einer patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen: Westdeutschland in den 1970ern, als Ehemänner den Arbeitsvertrag ihrer Frauen kündigen durften, wenn sie meinten, dass die den Haushalt sonst nicht anständig führten. Trotzdem bin ich in der Lage, das zu reflektieren.

Und das erhoffe ich mir auch von den Menschen, die ihr koloniales Menschenbild noch immer nicht auf den Müll geschmissen haben. Hier wird eine riesige Region über einen Kamm geschoren. Unterschiedliche Staaten mit unterschiedlichen Gesetzen und gesellschaftlichen Codes sollen alle gleich sein? Das ist das, was Edward Said als Orientalismus beschrieben hat: die Negierung der Unterschiede, die Konstruktion einer orientalischen – heute: islamischen – Essenz. Aber was ist dann mit Ländern wie, sagen wir einmal, Saudi-Arabien, die sich wirklich nicht durch ihre Frauen- oder sonstigen Rechte auszeichnen? Warum gibt es nicht eine öffentliche Debatte darüber, unsere Rüstungsexporte an das Regime einzustellen? Das wäre ja durchaus möglich und bei deren Verstrickungen mit dem IS würde das andere Probleme direkt mitlösen. Nebenbei gibt es übrigens auch einen #aufschrei gegen den Waffenhandel, er heißt Aktion Aufschrei und ist im Internet unter aufschrei-waffenhandel.de zu finden.

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Überhaupt erschienen und erscheinen sehr kluge und sehr rassistische Artikel Seite an Seite. Oder meine ich nur Artikel, mit denen ich sehr übereinstimme, und andere, die mir tatsächlich Angst machen? Wie der aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Januar dieses Jahres, der mich darüber informiert, dass mein Düsseldorfer Stadtteil als »Maghreb-Viertel« bekannt ist, weil hier Banden aus Nordafrika ihr Unwesen treiben: »Nordafrikaner sollen auch für die Übergriffe auf Frauen in Köln verantwortlich sein.« Falsch! Es heißt Klein Marokko wegen der marokkanischen Gemüseläden und Minz-Teestuben. Entsprechend wurden bei der Großrazzia am 16. Januar auch nicht »2.200 mutmaßliche Diebe« dingfest gemacht, sondern nur 38 Menschen mit unklarem Aufenthaltsstatus.

Die Stimmung ist freundlich ausgedrückt paranoid. Und was ist derweil mit den Frauen? Wir sollen am besten eine Armlänge Abstand zu Fremden halten, so der fatale Rat der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, für den sie sich inzwischen öffentlich entschuldigt hat, weil er natürlich nicht nur naiv ist, sondern auch den Opfern die Verantwortung zuschiebt. Allerdings würde ich mir tatsächlich ein paar wirksame Selbstverteidigungs-Handreichungen gegen den »Antanz-Trick« wünschen. Genauso wie einen neuen Namen, auch wenn der Begriff nicht bewusst verfälschend ist – im Gegensatz zu den immer wieder verwendeten »Sex-Mob« oder »Sex-Horden« –, sondern ursprünglich schlicht eine Form von Taschendiebstahl bezeichnete, bei der die Opfer angetanzt, beschwipst umarmt und im Moment der Ablenkung beklaut werden. Vor Silvester waren die Opfer hauptsächlich Männer. Seit 2013 hat die Kölner Polizei dafür eine eigene Dienstelle. Es handelt sich also nicht, wie Justizminister Maas sagt, um eine »neue Form organisierter Kriminalität«.

Neu ist, dass den Frauen, die von sexuellen Übergriffen berichten, von einer breiten Öffentlichkeit zugehört wird. Und das ist eine der wenigen positiven Auswirkungen der ganzen Geschichte.

Neu ist, dass den Frauen, die von sexuellen Übergriffen berichten, momentan von einer breiten Öffentlichkeit zugehört wird. Und das ist eine der wenigen positiven Auswirkungen der ganzen Geschichte. Bloß gibt es juristisch gar keine Handhabe für »Grabschen« – noch so ein irreführender Begriff –, und genau dort sollte man ansetzen. Denn der Ruf nach Gesetzen bedeutet ja nur, dass wir uns nach verbindlichen Werten sehnen, wie: Es ist falsch, einen Menschen ohne dessen Einwilligung sexualisiert anzufassen. Doch ist das nur strafbar, wenn dabei in Körperöffnungen eingedrungen wird. Sogar in die Nase.

Gesetze sind eine Anerkennung von Lebenswirklichkeit: Die Ehe für homosexuelle Paare, mehr als zwei Eltern in der Geburtsurkunde – meine Liste ist lang. Und ein Punkt ist die Anerkennung von »Grabschen« als sexualisierte Grenzüberschreitung, ebenso wie die Reform des Vergewaltigungsparagraphen, so dass »Nein« ausreicht und nicht mehr Gewalt oder drohende Gewalt nachgewiesen werden muss. Das ist nicht nur eine Forderung von mir, den Frauenberatungsstellen oder #ausnahmslos, sondern auch des Europarates, damit Deutschland die Istanbul-Konvention erfüllt. Allerdings müsste dann auch neu über das Strafmaß diskutiert werden. Ebenso wie über die Möglichkeit der gesellschaftlichen Wiedereingliederung für Menschen, die diese Grenzen überschreiten. Wir leben in spannenden Zeiten. War das nicht ein chinesischer Fluch?

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 367 erschienen. Versandkostenfrei kann das Heft hier bestellt werden.

Frauen*kampftag
06.03. Bundesweite Demonstration
Ausführliche Informationen gibt es hier.

Feministischer Kampftag
12.03. Leipzig – Otto-Runki-Platz
Ausführliche Informationen gibt es hier.

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