Tame Impala im Postbahnhof Berlin

Maria Siedlaczek — Kevin Parker
Fotos — Maria Siedlaczek

*

Tame Impala haben es dieser Tage irgendwie geschafft, psychedelischen Rock wieder zeitgemäß klingen zu lassen. Das vermeint man zumindest, beim Hören ihres aktuellen Albums Lonerism (Rezension in SPEX N°341). Aber ist dem auch tatsächlich so? Oder hat man es hier einfach mit handwerklich gut gemachten, beziehungsweise perfekt collagierten Songs zu tun, voller unbewusst bekannter, erhabener Melodien und Flächen, und war der Pschydelic Rock nun mal wieder dran mit seinem Revival?

   Was denn nun der moderne Twist ist, den man seinen Songs unterstellt, würde man den Multiinstrumenalisten und Songschreiber Kevin Parker gerne fragen. Eine Antwort hätte er wahrscheinlich nicht, dafür aber würde er wohl so herrlich unsicher mit den Schultern zucken, wie er das am gestrigen Abend im Berliner Postbahnhof immer dann tat, als ihm in den Pausen zwischen den Songs mal wieder nichts Cleveres zu sagen einfiel. »And now« betont er, dann leiser: »we play the next song.« Kicherndes, Höhö-stöhnendes Publikum. Um Antworten ging es an diesem Abend aber ohnehin nicht. Eher um die richtigen Gefühle zur richtigen Musik.

   Tame Impala spielen ihre Version von Psychedelic Rock so, dass er gleichzeitig sämtliche Derivate dieses Stils umfasst. Man hört Glam Rock, Krautrock, Stoner Rock, Post-Punk, Dreampop. Was darüber hinaus beim Live-Auftritt auffällt: Diese Art Musik gewinnt ihre Wucht vor allem dadurch, dass auf dem ersten Beat eine heavy Betonung liegt. Hallo Körper, bist du noch wach? Das komplette Abdriften zu den minutenlangen, opiumentspannten Soundeskapaden wird so erfolgreich verhindert. Die Musik ist ja auch zu süß und kostbar, als dass man die ganze Zeit dazu träumen sollte. Hin und wieder ist das aber schon okay.

   Mit »Feels Like We Only Go Backwards« hat Parker die ein wenig verspätete Hymne zum Retro-Gefühl geschrieben. So scheint an diesem Abend im Postbahnhof alles erlaubt, was eigentlich gar nicht mehr geht, weil lange vorbei, furchtbare Klischees und so. Bärfüßig auftretender Sänger, mehrminütige Gitarrensoli, ja, sogar ein Schlagzeugsolo gibt's und gegen Ende sieht man dann folgerichtig drei Gitarren auf der Bühne. Vor der Bühne riecht es nach Schwarzer Krause-Tabak. Kurz denkt man, die Show sei ein großes Happening, ein Zeitexperiment, den Zuschauer mitzunehmen in die 60er, von mir aus nach San Francisco. Das Publikum scheint von Anfang an involviert zu sein, viele wären auch damals als gute Hippies durchgegangen. Neben den vielen anderen Lookalikes aus den 60ern steht ganz vorne in der ersten Reihe eine Jean Seberg. »Jean« rufe ich, »wie gefällt dir das Konzert?« Natürlich antwortet Jean Seberg nicht, sondern dreht nur ihren Kopf dem psychedelischen Rhythmus entsprechend, die Augen hält sie geschlossen. 

   Zum Träumen schön wäre es tatsächlich gewesen, wenn da nicht diese blöden weltlichen Probleme gewesen wären: Parkers Falsett abzumischen war die Crux des Abends und bei dem ganzen Gitarren- und übersteuerten Bassgejaule sicherlich nicht so leicht. Oft ging der Gesang in den erhabenen Flächen verloren, um dann erst nach einigen Minuten wieder den Weg zurück in die Musik zu finden. Bestenfalls hatte man die Melodie aber ohnehin tief und fest abgespeichert, irgendwo zwischen Hirn und Seele, und musste nur darauf warten, dass sie von dem referenzgeschwängerten Sound hervorgerufen wurde. Ich glaube, es ging vielen an diesem Abend so.

*

Maria Siedlaczek — Tame Impala spielen im Postbahnhof

Maria Siedlaczek — Dominic Simper, Julien Barbagallo, Kevin Parker (v.l.)Maria Siedlaczek — Tame Impala live in Berlin

*

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.