Tame Impala Currents

Currents begräbt ein Monster, das Tame Impala als Vorhut des Psychedelic-Revivals der letzten Jahre selbst geschaffen haben.

Vor ziemlich genau fünf Jahren waren sie die Band der Stunde. Oder der Sekunde, des Tages, des Jahres. Egal, Zeitangaben spielten bisher im Kosmos Tame Impalas respektive ihres Masterminds Kevin Parker nie eine besondere Rolle. Ihr Schluffi-Rock passte einfach in den Geist des ausklingenden ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends. Ereignisreich war diese Dekade: In New York bekam der internationale Terrorismus ein Gesicht, in Afghanistan und im Irak zeigte die vermeintliche Friedensmacht USA unter George W. Bush das ihre, obendrein gab es eine globale Finanzkrise, autsch.

Was tut man nach so verflixten Jahren? Richtig, erst mal entspannen. »Lasst euch die Haare wachsen, nehmt Acid, träumt ein wenig von einer besseren Welt …«, schien der mit Anleihen aus Psych- und Krautrock gesättigte Sound der australischen Band zu raten. Darauf konnten sich Musikfans auf der ganzen Welt einigen, folglich lief das Debütalbum Innerspeaker gut zwei Jahre lang in Endlosschleife in der Küche jeder besseren Studenten-WG. An besagter Formel änderte 2012 auch das Zweitwerk Lonerism wenig. Es fanden sich einige breitbeinige Riffs zwischen den wohligen Klängen und mit »Feels Like We Only Go Backwards« auch ein bezeichnend betitelter Mini-Hit.

Mit ihrem dritten Album Currents scheinen Parker und seine Kollegen nun in der Realität angekommen zu sein. Das verspricht zumindest der Titel. Die Musik relativiert diesen Eindruck jedoch mit den ersten Tönen: Der achtminütige Opener »Let It Happen« erinnert mit seinen retro-futuristischen Synthesizerfanfaren an das Electric Light Orchestra zu seinen käsigsten (und besten!) Zeiten und komprimiert im letzten Drittel den Elektro-Funk-Wertstoffhof der Kollegen von Daft Punk auf Westentaschengröße, Roboterstimmen inklusive. Was ist passiert? Die simple Antwort gibt Parker selbst. »They say people never change / But that’s bullshit«, singt er in »Yes, I’m Changing«.

Natürlich werfen Tame Impala dabei nicht alles über Bord, was fünf Jahre lang Erfolg garantierte. Auch Currents taugt nicht als Soundtrack für Rückenverspannungen, der bandtypische Chill-out-Faktor klingt durch jede Note. Doch die Realität, auch die von Parker, ist komplizierter geworden. Textlich geht es um das Hineinwachsen in eine an vielen Enden beängstigende Welt. Dieser war mit dem alten Sound offenbar nicht mehr beizukommen. Also legt man den gewohnten Schwurbel-Rock zugunsten einiger Elektronik und Bezügen auf dekadentere Pop-Phasen beiseite. Kevin Parker hat im Laufe der Jahre eine Entwicklung vom Schlafzimmerkauz zum Bühnen-der-Welt-Kauz genommen und dabei an Selbstvertrauen gewonnen. Auf Currents traut er sich, seine Ideen bis zum Ende auszuformulieren – und dann noch einen Schritt weiter zu gehen.

Weißer Funk, abgehalfterter Disco, Achtziger-Schmalz, Phil-Collins-Fahrstuhlballaden – das Album changiert zwischen diesen Polen und klingt dabei erstaunlich homogen. Bedeutsamer ist jedoch seine Wirkung auf ein ganzes Genre: Currents begräbt ein Monster, das Tame Impala als Vorhut des Psychedelic-Revivals der letzten Jahre selbst geschaffen haben. Entspannung löst eben doch nicht alle Probleme.

2 KOMMENTARE

  1. Ich bin enttäuscht vom neuem Album und vom starken Genrewechsel.
    Mir haben sie als Psychrockband besser gefallen. Currents hört sich für mich nach Kommerzpop an. Schade……

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