Editorial Spex #329

Die neue Spex #329 ist ab dem 22. Oktober am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt in seinem letzten Editorial als Chefredakteur der Spex einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.


Die Spex-Redaktion im Moment vor ihrer Neuformatierung: Mario Koell, Jan Kedves, Wibke Wetzker, Martin Hossbach, Max Dax, Walter W. Wacht (v.l.n.r.), Patrick Klose (sitzend), Berlin 2010
(Foto: Anne Waak)

Um Punkt 8:54 Uhr in der Früh vibrierte V2 Schneiders Blackberry Curve, der immer noch aussah wie ein Ladyshaver. Am anderen Ende der Leitung: Willy, der Buchantiquar. Die sechs Machiavellis seien geliefert worden – »Der Fürst«, das Abschiedsgeschenk an die Redaktion, gerade noch rechtzeitig. Denn am Abend würde er, V2, gemeinsam mit Ol’ Dirty Hossbach den CNL 450 Georg Elser nach Paris Est besteigen, 19:58 Uhr ab Südkreuz, Ankunft 9:23 Uhr. Nur weg von hier, was zugleich bedeutete: hin zu neuen Ufern.



    Er ging in die Küche, drehte endlos an seinem iPod, bis er unter ›J‹ auf Japanische Kampfhörspiele stieß, »Deutschland von vorne«, und den Trio-Klassiker »Kummer« anklickte. Lautstärke durchdrang alles. »Help me baby / Is it really so hard to understand / Help me baby / Is it really the Ende?« Dann braute er sich einen Arabica. Die tiefstehende Morgensonne wärmte den Raum, der Kaffeeduft erfüllte die Luft. Und natürlich legte sich, Morgentau gleich, eine unabschüttelbare Melancholie auf seine Schultern. Der Stapel der ungeöffneten Post des Vortages lag auf dem alten Küchentisch aus Kirschholz. Er riss ein gut in der Hand liegendes Päckchen vom Suhrkamp Verlag auf, darin sich Band 2520 der Edition befand: Giorgio Agamben, »Herrschaft und Herrlichkeit« – aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen von Andreas Hiepko –, und er begann gedankenverloren in ihm zu blättern.



Spex #329     Auf Seite 34 stieß er auf eine bemerkenswerte Feststellung: »Ich habe keine Gewißheit, ob jene tatsächlich einen Fehler begangen haben. Vieles nämlich folgt einer Ökonomie, über die man viel wissen muß, wenn man über die Handlungsweise anderer angemessen urteilen möchte.« Er begann seinen Koffer zu packen, nur die ihm liebsten Dinge nahm er mit: ein Scopa-Kartenspiel der Marke Dal Negro; die Autobiografie Claude Lanzmanns; einen zweiten Anzug, identisch mit dem dunkelblauen Nadelstreifenanzug von Dior Homme, den er heute, an diesem besonderen Tag, anzuziehen beschlossen hatte; eine aufklappbare Landkarte der Insel Korsika; zwei Flaschen preiswerten Champagners; seinen Glücksstein; einen Stapel Erinnerungsfotos; das »Buch der Unruhe« von Pessoa; ein Moleskine-Notizbuch im Format DIN-A 5 (unliniert); drei Stabilo-Stifte, schwarz.

    Abermals vibrierte das Telefon. Am anderen Ende der Leitung: Die Vergangenheit, die sich besorgt zeigte über die Zukunft. V2 Schneider brachte alle Argumente zur Sprache: Warum sollte uns das Morgen Angst bereiten? Angst sei schließlich ein schlechter Ratgeber. Die Zukunft sei ohnehin vorbestimmt, wir könnten sie nur kommentieren. Und überhaupt: Bedauern tat er für den Moment einzig den Umstand, dass er das gemeinsame Konzert von Ruin mit dem Solistenensemble Kaleidoskop und Attila Csihar im Berghain verpassen würde. Denn Martin Eder, der Kopf von Ruin, war erst kürzlich bei V2 Schneider zum Abendessen gewesen. Schneider erinnerte sich: Er hatte gegrillten Lachs serviert – an einer Sauce, reduziert aus Olivenöl, Weißwein, Ingwer, Knoblauch, Peperoncino, Koriander und getrockneten Zitronenblättern vom Gewürzmarkt in Dubai. Und um 0:03 Uhr klingelte das Telefon Eders, denn er hatte Geburtstag. Nichts geht über einen kleinen Kreis, das wusste schon Machiavelli. Der Franzose nennt eine solche Konstellation seit Herman Melville ›un cercle rouge‹.

    Dass die Spex von nun an von Jan Kedves und Wibke Wetzker geleitet würde, erfüllte V2 Schneider mit einem Gefühl der Zuversicht. Gleichwohl: Die Melancholie, unabschüttelbar wie Morgentau, blieb.



    Kein Tag mehr.

    Max Dax

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