Ta-Nehisi Coates »Zwischen mir und der Welt« / Review

Keine Hoffnung, keine Träume: Mit dem aufwühlenden Erlebnisbericht Zwischen mir und der Welt schreibt Ta-Nehisi Coates das Märchen von Amerikas post-racial society ins Grab.

An manchen Dingen, die Ta-Nehisi Coates in Zwischen mir und der Welt schreibt, hat selbst das progressive Amerika schwer zu schlucken. Als die first responders am 11. September 2001 in die brennenden Türme des World Trade Center eindrangen, dachte Coates nicht daran, wie viele von ihnen da gerade in den Tod rannten. Er dachte an den Tod eines schwarzen Studienfreundes, der im Vorjahr aufgrund einer Verwechslung von einem Polizisten erschossen worden war. Noch 14 Jahre nach 9/11 schrieb Coates deshalb, er habe diese Hilfskräfte nicht als Menschen wahrgenommen. »Ob schwarz, weiß oder was auch immer: Für mich waren sie Naturgewalten; das Feuer, der Komet und der Sturm, die meinen Körper ohne Begründung zerschmettern konnten.«

Coates‘ Worte wiegen umso schwerer, wenn man bedenkt, dass er Zwischen mir und der Welt – angelehnt an das literarische Vorbild James Baldwin – in Form eines Briefes für seinen 15-jährigen Sohn verfasst hat. Das dünne Buch, das Mitte November mit dem National Book Award der USA ausgezeichnet wurde, ist eine Mischung aus Autobiografie, Kampfschrift und Warnung vor dem Amerikanischen Traum. Es erzählt in trauervoller, bisweilen hochtrabender Sprache aus einem Leben, das seinen Autor hart gemacht hat. In einem Land der Schlafwandler, so Coates an seinen Sohn, ist der schwarze Körper nie weiter als einen Fehltritt von der Auslöschung entfernt. Es gilt, vorsichtig und misstrauisch zu sein – oder die Konsequenzen zu tragen. Es gilt aber auch zu bedenken, dass Vorsicht und Misstrauen keine Lebensversicherung sind.

Die Fortschritte, die Coates den USA seit ihrer Bürgerkriegszeit zugesteht, lassen sich durch den Unterschied zwischen Käfig- und Bodenhaltung beschreiben. Von echter Freiheit für Afroamerikaner kann jedenfalls keine Rede sein, denn diese Freiheit würde das Unten beseitigen, ohne das es kein Oben geben kann – sie würde dem Amerikanischen Traum den Boden unter den Füßen wegziehen. Es passt zu dieser trostlosen Analyse, dass sich Coates mit der bittersten seiner Erkenntnisse doch wieder an die Afroamerikaner wendet. Für die sieht er keine Hoffnung, sondern nur den struggle, ein Dasein in Gegenwehr, das einzig dem Überleben dient. Aufwecken können sich die Schlafwandler nur selbst. Sagen Sie das mal einem 15-Jährigen.

Zwischen mir und der Welt (Hanser; übersetzt von Miriam Mandelkow) ist ab sofort in einer deutschen Edition erhältlich, die auch Coates‘ Essay Plädoyer für Reparationen enthält. Der oben stehende Text stammt aus SPEX N° 366, die versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich ist.

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