Sympathie durch Naivität

Wo Hans-Christian Schmids Thriller »Sturm« die Arbeit am Interationalen Strafgerichtshof Den Haag thematisiert, beschäftigt sich George Tillman Jrs Biopic »Notorious« mit Leben und Tod des wichtigsten Rapper New Yorks. Alexis Waltz sah beide Filme im Rahmen der Berlinale 09.

Hans-Christian Schmid Storm
Jamal Woolard versucht in George Tillman Jr.s Biopic »Notorious« jene Lücke zu füllen, die Biggie mit seinem Tod am 09. März 1997 hinterließ.

(Still: © George Tillman Jr. / Fox Searchlight)

Notorious B.I.G. war einer der einflussreichsten New Yorker Rapper der neunziger Jahre. Zusammen mit seinem Produzenten Puff Daddy gilt er als einer der Erfinder des Gangsta-Rap, der den Mainstream-Hiphop bis heute bestimmt. Biggies Raps gingen aber weniger in den medialisierten Standards auf, als die des Heeres von Nachahmern. Der Film von Regisseur George Tillman Jr. verfolgt die Karriere-Stationen des 1972 als Christopher Wallace in Brooklyn geborenen B.I.G.s von der Lektüre von Hiphop-Magazinen auf dem Schulhof in den frühen achtziger Jahren bis zu seiner spektakulären Beerdigung in New York vor zwölf Jahren.

    Das Geheimnis der herausragenden Musikerpersönlichkeit eröffnet sich dem Zuschauer nicht, Biggie wirkt eigentümlich normal. Wir erleben ihn als geradlinigen Drogendealer und als hilfloses, auf Frauen fixiertes, plumpes Riesenbaby. Biggie erscheint als schwerfälliger Typ, dessen massige Erscheinung im krassen Kontrast zu seiner sprachlichen Gewandtheit und seinem Rhythmusgefühl steht. Sympathie für Biggie entwickelt man wegen seiner Naivität, mit der er sich in Affären, Beziehungen und Freundschaften begibt. Die Darstellung der einzelnen Stationen seiner Karriere ist unterschiedlich gut gelungen: Der erste Teil des Films erzählt in einer Serie aus extrem stumpfen Bildern Biggies Aufstieg zum Dealer. Mit elf beginnt er zu dealen, mit siebzehn zählt er allein noch das Geld. Welche Auseinandersetzungen notwendig waren, um diese Position zu erlangen, erfahren wir nicht. Diverse spannende Situationen – etwa Biggies erste ambitionierte Auseinandersetzung mit dem Rappen im Gefängnis – verschenkt der Film. Ebenso verpufft die Reibung zwischen dem Universitätsabsolventen Puff Daddy und dem ›street kid‹ Biggie.

    Aussagekräftiger wird der Film im Mittelteil, kurz vor Biggies einsetzendem Weltruhm. Gelungen ist die bösartige, versehrte Lil’ Kim, die von Biggie zur Männerphantasie hochstilisiert wird. Die besten Momente handeln von dem dumpfen Rockstargestus der Posse um Biggie. Eine Szene zeigt die Aufnahmen zu seinem Debütalbum »Ready to Die« von 1994, das bereits mit zahllosen mächtigen Tunes aufwartete. Puffy ist dennoch unzufrieden: die radiotaugliche Single ist noch nicht dabei. So muss sich Biggie zu einer Sex- und Weed-Orgie ins Hinterzimmer des Studios zurückziehen, um sich in die Stimmung für den mainstreamtauglichen Rap zu ficken und kiffen. Der letzte Teil des Films fällt wieder ab: Die Rivalität von Eastcoast und Westcoast, der 2Pac und Biggie zum Opfer fallen, ist auf einem diffusen journalistischen Niveau abgehandelt. Die Re-Inszinierung von Biggies Beerdigung in New York wirkt schwächer als die auf Youtube verfügbaren Videomitschnitte des Ereignisses. Im Ganzen wirkt »Notorious« wie eine inszenierte MTV-Dokumentation. Biggies Größe findet in diesem Film vor allem in der Musik statt.

»Notorious«, USA 2009, Regie: George Tillman Jr., mit Angela Bassett, Derek Luke, Antonique Smith, Naturi Naughton, Dennis White, 123 Min., Fox Searchlight / Bystorm Films

Hans-Christian Schmid Storm
»Sturm« ist ein kunstvoll gebautes Drama: In der Figur der Hannah (Kerry Fox) werden Karriere, Ideale und Liebe in Beziehung gesetzt. Ebenso begreift man Miras (Anamaria Marinca, im Vordergrund) Spannung zwischen der Verdrängung und der Aufarbeitung ihres Traumas.

(Foto: © Hans-Christian Schmid / 23/5 Filmproduktion)

Hans-Christian Schmid ist ein herausragender Regisseur. Eine besondere Qualität seiner Filme liegt in der Nähe, die er gegenüber seinen Figuren entwickelt, die niemals zu intim oder respektlos wirkt. »Sturm« ist ein handlungsgetriebener Thriller, der in den Niederlanden, Spanien, Bosnien und Deutschland spielt. Hannah Maynard (Kerry Fox) ist Staatsanwältin am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

    In den ersten Szenen des Films wird der Kriegsverbrecher Goran Duric (Drazen Kuhn) verhaftet, der für ethnische Säuberungen in Bosnien verantwortlich gewesen sein soll. Nachdem sich im irritierend kleinen, zuschauerlosen Gerichtsaaal Hannahs Zeuge Alen Hajdarevic (Kresimir Mikic) in Widersprüche verstrickt, bricht ihre Anklage zusammen. Sie beschimpft den Zeugen grob, dieser erhängt sich schließlich. Verstört macht sie sich in Bosnien auf die Suche nach neuen Zeugen, und trifft dort die Schwester Alens, Mira (Anamaria Marinca), die die tatsächliche Zeugin der Säuberungen war – ihr Bruder wollte für sie aussagen. Ferner gehörte sie zu den Opfern systematischer Vergewaltigungen, die von Duric organisiert wurden. Obwohl sie auch nach ihrem Umzug nach Berlin noch von den früheren Kriegsverbrechern bedroht wird, entschließt sie sich auf Hannahs Drängen hin auszusagen. Bald spitzt sich für Hannah die Situation aber weiter zu, denn plötzlich kommt die Politik ins Spiel: Der Prozess droht den EU-Eintritt von Srpska zu behindern, deshalb soll er schnellstmöglich abgeschlossen werden. Die von Mira ans Tageslicht gebrachten Verbrechen würden das aber verhindern. Deshalb muss Hannah Mira erklären, dass sie nur zum ursprünglichen Anklagepunkt der ethnischen Säuberung aussagen darf. Indem Hannah im Prozess gegen die Weisung ihrer Vorgesetzten die verbotenen Themen anspricht, riskiert sie ihre Karriere. Am Ende des Films versöhnen sich die beiden Frauen am Strand.

    »Sturm« ist ein kunstvoll gebautes Drama: In der Figur der Hannah werden Karriere, Ideale und Liebe in Beziehung gesetzt. Ebenso begreift man Miras Spannung zwischen der Verdrängung und der Aufarbeitung ihres Traumas. Trotzdem wird sie Opfer der zu hermetischen Dramaturgie des Drehbuchs: Der Film suggeriert ein Happy End, obwohl Miras Ermordung zur Unterdrückung ihrer Zeugenaussage weiterhin möglich ist. Indem der Film das Tribunal idealisiert, versteht er es zweifach falsch. Er negiert den politischen Zusammenhang, in dem jedes Gericht steht: Es ist so beklemmend wie unvermeidbar zwischen der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und der politischen Zukunft eines Landes abzuwägen. Ferner übergeht der Film, dass die Arbeit des Den Haager Kriegsverbrechertribunals durchaus umstritten ist.

»Sturm«, Deutschland 2009, Regie: Hans-Christian Schmid, mit mit Kerry Fox, Anamaria Marinca, Stephen Dillane, Rolf Lassgård, Alexander Fehling, 110 Min., 23/5 Filmproduktion

Weitere Rückblicke auf die Berlinale 2009 finden sich hier im Überblick.

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