Swans The Seer

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Young God Records — 28.08.2012

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Das zwölfte Studioalbum von Michael Giras Katharsisprojekt Swans – das zweite nach seinem 13-jährigen Intermezzo als Angels Of Light – eröffnet mit einer nachgerade werkgetreuen Umsetzung des Jüngsten Gerichts. »Lunacy« besteht aus einem unter unerbittlichem Stampfen anschwellenden Feedback-Schwirren, das nach einigen Minuten in die mit religiösem Eifer skandierten Mantragesänge des Mormonenpärchens Alan Sparhawk und Mimi Parker, auch bekannt als Slowcore-Duo Low, ausläuft. Wahn und Wahnvorstellung als ultimative spirituelle Erfahrung gehören seit den Anfängen der Swans im New Yorker Noise-Untergrund sozusagen zum Repertoir von Gira, der sich auch solo immer öfter wie ein fanatischer Wanderprediger aufführt. Auf dem Reunion-Album My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky diente das Eröffnungsstück noch als brachiales Präludium, das die Grundstimmung des eigentlich akustisch konzipierten Albums huldvoll einfasste. »Lunacy« mit seinen stumpfen, auf beklemmende Weise erhabenen Drone-Kreiseln ist nun so etwas wie der Reset-Button für die Swans und Gira. Ein Neuanfang und gleichzeitig die Quintessenz einer 30 Jahre währenden Karriere.

   Mit ähnlichen Worten hat Gira bereits im Vorfeld seine Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht. Der Mann ist um große Worte nie verlegen, und doch konnte nichts auf die epochale Größe dieses Werks vorbereiten. The Seer ist selbst nach den hoch angelegten Maßstäben der Swans ein Meilenstein, der unmittelbar an ihr Abschiedsalbum Soundtracks For The Blind (1996) anknüpft, gleichzeitig aber die mahlende Brachialität des Frühwerks weiter verfeinert. Auch Sängerin und Keyboarderin Jarboe stößt nach einer Auszeit auf My Father … wieder dazu, steuert allerdings nur zu zwei Stücken den Gesang bei. Die Swans präsentieren sich 2012 mehr denn je als Personality-Projekt Michael Giras. Der Spiritus Rector verfügt jedoch über ein Netzwerk von Gleichgesinnten (außer dem Low-Couple und alten Swans-Mitstreitern auch Karen OAkron/Family, Big Blood, der Avantgardestahlwerker Bob Rutman und Sean Mackowiak von Mercury Rev), die seinen skizzenartigen Entwürfen Leben einhauchen. Fleisch und Blut.

   Allein das Titelstück könnte auf jedem anderen Album mit einer Länge von 32 Minuten als grandioser Schlussakt herhalten. In der Dramaturgie von The Seer ist es schon im ersten Drittel platziert: ein schwarmartiges Dudelsack- und Stahlcello-Tremolo, das zu einem kathedralischen Drone-Korpus expandiert und schließlich als akustische Apokalyptik-Folk-Nummer im Geiste britischer Psychedelia ausklingt. (Was theatralische Gesten betrifft, steht Gira Current-93-Mastermind David Tibet in nichts nach.) Repetition und Immersion sind die beiden vorherrschenden Prinzipien; Qualitäten, die seit jeher jede Form sakraler Musik auszeichnen: Gospel, Trance, Kapuzenmänner-Metal. Michael Gira meint es verdammt ernst mit seiner Forderung nach kosmischer Ekstase.

  The Seer wird derzeit hier von NPR in voller Länge als Stream angeboten.

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