Swans »The Glowing Man« / Review

Swans verstehen es, das Krachige mit dem Filigranen zu verbinden, und zwar nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.

Es gibt Extrembergsteiger, die ihre erfrorenen Zehen qua Amputation auf dem Altar der Selbstüberwindungslust opfern. Es gibt Extremregisseure wie Werner Herzog, die im Dschungel 340 Tonnen schwere Flussdampfer über Berge ziehen lassen oder ihre Schuhe verspeisen. Und es gibt Extremmusiker wie den Swans-Kopf Michael Gira, dessen unergründliches Lächeln manchmal an Hannibal Lecter erinnert, wenn er mal wieder jemanden kalt- oder genauer: warmgemacht hat. Für den nicht an Gott glaubenden Gira ist Musik weder Mittel des Selbstausdrucks noch Trägermedium irgendwelcher Botschaften, sondern die Möglichkeit, in einer entgötterten Welt der Immanenz einen Zipfel vom Mantel des Unendlichen zu erwischen.

Wer auf einem der Konzerte der späten Swans war, vor denen verantwortungsbewusste Veranstalter aufgrund der innenohrschädigenden Schallemissionen kostenfreien Gehörschutz abgeben, dürfte zu der Einsicht gelangen: Mehr Religion ohne Religion geht kaum. Zu wummernden Bässen und fräsenden Riffs, die dem Begriff der Wiederholung ganz neue Bedeutungen verleihen, wird in einer kollektiven Messe der alte Adam abgestreift. Swans-Performances sind zugleich Teufelsaustreibungen, Reinigungsrituale und evangelikale Bußpredigten. Gira fungiert dabei als Hohepriester und Gottseibeiuns in Personalunion. Good old Coincidentia Oppositorum. Die rocken wollenden Songs dahergelaufener Bands mit irgendwelchen Post- oder No-Präfixen vorm Genre nehmen sich gegen die schiere Gewalt dieser Schwanengesänge wie menschentümelnde Margot-Käßmann-Predigten aus.

Mehr Religion ohne Religion geht kaum.

Man darf seinen Arsch darauf verwetten, dass Giras Lieblings-Jesus-Zitat keineswegs effeminiert-appeasementhaftes Gesäusel über Feindesliebe ist, sondern sein: »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« (Mt 10,34) The Glowing Man soll das letzte Album der Band in ihrer bisherigen Besetzung sein, nicht aber das letzte Wort der Swans. Gira wird im Anschluss, wie schon bei seinem Projekt Angels Of Light, mit wechselnden Kollaborateuren weiterarbeiten. Hört man das monumentalistische Werk mit seinen an der 30-Minuten-Grenze kratzenden Epen, kommt man zu dem Schluss, dass hier ein Endpunkt erreicht ist.

Der Nachfolger von To Be Kind (2014) versteht es dabei noch besser, das Krachige mit dem Filigranen zu verbinden, und zwar nicht nacheinander, sondern verblüffenderweise gleichzeitig. Dulcimer, Mellotron, Akustikgitarren, Klavier und Glocken ziselieren die gusseiserne Noise-Brachialität der auf zwei CDs verteilten acht Stücke. Sie bilden ein atavistisches, krautig groovendes Meisterwerk, welches ein Schlag ins Gesicht der im digitalen Zeitalter herrschenden Aufmerksamkeitsspannen ist und daran erinnert, dass die Welt eher Kampfstätte als Habermas’sches Ausdiskutiersofa ist. Erschöpft, aber keineswegs unglücklich, vernimmt man zu guter Letzt den hippiesk-sektoiden Chor des schließenden Stückes, welches das Aufgeräumte geschickt mit dem Postapokalyptischen verbindet. Es heißt treffenderweise »Finally, Peace«.

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