»Bei Schmetterlingen fragt niemand nach der Raupe«

Vor kurzem erschien »Popsongs« – für Klavierquartett arrangierte, vom Fauré Quartett eingespielte Coverversionen von Popsongs von Künstlern wie Pet Shop Boys, Elliott Smith oder Prefab Sprout. Das Projekt entstand auf Anregung der Klassikabteilung von Universal Music, die Umsetzung übernahm Produzent, Komponist und Musikvideo-Regisseur Sven Helbig.

    Der in Eisenhüttenstadt geborene Helbig gründete 1996 die Dresdner Sinfoniker, nachdem er zuvor sieben Jahre lang einen Weinberg besessen und Schlagzeug und Klavier studiert hatte. Neil Tennant, Sänger der Pet Shop Boys, wurde auf dessen Rammstein-Projekt »Mein Herz brennt« durch eine Rezension aufmerksam, kontaktierte Helbig per E-Mail und lud ihn ein, zusammen mit Chris Lowe an »Battleship Potemkin« zu arbeiten, das ein Jahr später seine Uraufführung auf dem Londoner Trafalgar Square hatte. Für die deutsche Band Polarkreis 18 drehte Helbig Musikvideos, auf dem neuen Rammstein-Album »Liebe ist für alle da« zeichnet er für Orchester- und Chorarrangements verantwortlich. In diesen Tagen beginnt er eine neue Zusammenarbeit mit den Pet Shop Boys im Rahmen ihres noch unbetitelten Ballets, das 2010/11 in London in Produktion gehen wird.

    In seiner Rezension in Spex #323 lobte Spex-Autor Björn Gottstein das Spiel des Fauré Quartetts, den »funkelnden, nie aufdringlichen Klavierklang« und die »drei Streicher, die genau wissen, wann sie samtig im Ensembleklang verschmelzen und wann sie solistisch hervorzutreten haben, wann sie das Klavier begleiten und wann sie es herausfordern«. Gottstein kritisiert später aber, dass den Bearbeitungen die »Aura der Stimme, die Bedeutungsebene des Texts, das Sounddesign« fehlen. Gottstein findet die Einspielungen »harmlos… regelrecht restaurativ« und bezeichnet sie als »Fahrstuhlmusik«.

    Im Gespräch in einem türkischen Restaurant in Kreuzberg äußerst sich Helbig zu Gottsteins Kritik, welche er aber erst nach dem Interview liest.

 

Faure Quartett Popsongs CoverWie kam es zur Auswahl der Songs?
    Sven Helbig: Ich ging zu meinem CD-Regal. Es sollte ja um Popsongs gehen, also suchte ich meine Pop-CDs raus. Wie definierte ich Pop? Erstmal ganz banal: einfache Melodien, tanzbar, Synthesizer. Aber da ging es schon los: Pet Shop Boys’ »Dreaming of the Queen« ist zwar Popmusik, aber recht komplex, kompositorisch und textlich. Beim nächsten Stück einer anderen Band spielte im Hintergrund eine Gitarre. Gitarren, besonders ›verzerrte‹, hatte ich mir eigentlich verboten, aber das hätte dann auch die Beatles ausgeschlossen, die Popgruppe schlechthin … Und bei verzerrten Gitarren war ich plötzlich bei System of a Down. Ich definierte Pop für mich also neu. Ich fand den Schlüssel in den Ästhetiken des Bauhaus, der Pop Art. Das bedeutet: Design in serieller Fertigung mit hohem Verbreitungsgrad.

Was sind die Probleme bei der Übertragung von Popstücken in ›klassische‹ Arrangements?
    Es gibt Stücke, die lassen sich leicht übertragen, und bei anderen ist es unmöglich. Um einen Vergleich in der Bildenden Kunst zu suchen: Einen Mondrian kann ich nicht adaptieren, der ist wie er ist mit seinen Farbflächen. Einen Raffael, einen Alten Meister hingegen, der eine liegende Frau abbildet, kann ich immer zitieren – da muss ich mich hier nur auf die Holzbank dieses Restaurants legen… Zurück zur Popmusik: den Sound einer Zeit, z.B. bestimmte Drum- oder Synthesizerklänge, kann ich nicht arrangieren. Die Geschichte, in diesem Fall die Geschichte Elliott Smiths, der sich vor einigen Jahren umgebracht hat, die auch zur Aura eines Songs gehört, kann ich ebenfalls nicht adaptieren – Ausschlusskriterien, warum ich bestimmte Songs nicht verwenden konnte.

Was zeichnete die Songs auf »Popsongs« also aus?
    Wenn die Erbinformationen Melodie und Harmonie stark genug waren, konnte ich sie in ein anderes Biotop, dem des Klavierquartetts, verpflanzen und musste erreichen, dass eine Metamorphose – zu einem neuen Organismus hin – entstand. Wenn das gelingt muss niemand mehr nach der Quelle suchen. Bei einem Schmetterling fragt ja auch niemand nach der Raupe. In der langen Geschichte der Musik hat man stets Lieder weitergegeben. Im Jazz gibt es ›Song Books‹, aus denen sich Musiker bedienen und Klassiker nach ihrem Geschmack neu interpretieren. In dieser Tradition sah ich mich bei der Arbeit an den »Popsongs«.

Wenn unser Autor Björn Gottstein schreibt, dass Ihrer Version von Elliott Smiths »Behind the Bars« die Stimme fehle und so die Einspielung zur »Fahrstuhlmusik« würde, wie reagieren sie darauf?
    Wie gesagt: Wenn die Metamorphose gelungen ist interessiert mich die Quelle nicht mehr. Wem Smiths Stimme fehlt, dem rate ich, sich eine Smith-CD zu kaufen – wie ich es ja vor vielen Jahren auch getan habe. Ansonsten: Wir sind doch hier nicht im Museum! Ich kann mit jedem guten Song machen, was mir gefällt – ich kann ihn mit jedem Musikinstrument spielen, das mir gerade zur Hand ist. So wurden Lieder über Jahrtausende weitergegeben.

Das Original ist also irrelevant?
    Wer die Originale nicht kennt, sich aber für sie interessiert, wird sich vielleicht nach dem Anhören der »Popsongs« auf die Suche nach ihnen machen. Aber dann ist sie oder er schon ein Forscher. Nicht jeder Mensch will beim Musikhören Forscher sein. »Popsongs« ist nicht für Pop-Kenner gemacht, die alle Originale besitzen und vergleichen, sondern für Freunde guter Musik!

›Gefällig‹ ist »Popsongs« in Ihren Ohren nicht?
    Ich liebe ›gefällige‹ Musik und auch monochrome Alben, die in einer Stimmung verbleiben. Seit Beethoven wurde Musik immer mehr zu einer Sache auf Leben und Tod, zu Mozart, Bach und Palestrina hingegen, konnte man sich entspannen. Ich habe überhaupt nichts gegen Musik, die »gut zum Essen funktioniert« – oder von mir aus »gut im Fahrstuhl« – das ist für mich ein Kompliment! Qualität hat nichts mit dem Grad an Anstrengung zu tun, den der Hörer aufwenden muss, um sich Musik anzuhören. »Air« aus Bachs »3. Suite für Orchester« oder Mozarts »Kleine Nachtmusik« sind doch keine schlechten Musiken, das kann mir doch niemand erzählen!

Warum macht man so ein sogenanntes Crossover-Projekt überhaupt?
    Die Frage kann ich nicht beantworten, weil sie sich mir nicht stellt. Für mich gibt es dieses ›Brückenbauen‹ nicht. Ich bin mit so viel verschiedener Musik groß geworden, klassischer Musik aller Zeiten, Neue Musik, Synthiepop, Hiphop, Jazz. Alle Stile einen die gleichen Ängste und Sehnsüchte. Für mich sind das alles verschiedene Blätter am gleichen Baum. Für andere Hörer wiederum sind es weit voneinander wurzelnde, einzelne Bäume.

 


STREAM: Fauré Quartett – River Loves the Ocean (Polarkreis 18 Cover)

Sven Helbigs Kommentare zu den einzelnen Stücken auf »Popsongs« sind auf Klassikakzente.de zu finden, »Popsongs« von Fauré Quartett ist soeben erschienen (Deutsche Grammophon / Universal Classics)

Foto: © Harald Hoffmann

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