Suzanne Vega »Lover, Beloved: Songs From An Evening With Carson McCullers« / Review

Wie stark hätte Vegas Projekt ohne die albernen Musical-Arrangements werden können?

Man möchte Lover, Beloved sofort sehr mögen: Wenn die Lieblings-Singer/Songwriterin ein Theaterstück inklusive zehn Songs über die Lieblingsschriftstellerin schreibt, klingt das zunächst total reizvoll. Doch schnell regen sich Vorbehalte: Vor einiger Zeit bekundete Suzanne Vega, wenn sie jemals einen anderen Menschen spielen würde, dann könnte es diese Frau sein. »Diese Frau« ist Carson McCullers, deren Biografie in der Tat bühnen- und filmreif ist. Aber eben nicht dazu geeignet, dass sich jemand dieser Geschichte bedient, um sich selbst zu verwirklichen oder gar Theaterapplaus dafür einzuheimsen.

Carson McCullers wurde 1917 in Columbus, Georgia geboren, zog mit 18 nach New York und galt mit Büchern wie Das Herz ist ein einsamer Jäger als eins der größten schriftstellerischen Talente ihrer Generation – neben Literaturstars wie Tennessee Williams oder Ernest Hemingway. McCullers schrieb über Outlaws und deren verzweifelte Kämpfe, ihren Platz auf der Welt zu finden; ihr eigenes Leben war geprägt von kräftezehrenden Krankheiten, verschiedenen Süchten und bisexuellem Begehren. Sie sagte, sie sei »als Mann geboren«, heiratete indes zweimal denselben Mann und starb mit 50 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

überbetont und enervierend.

Großer Dramenstoff, keine Frage, aber was Suzanne Vega 2011 mit Unterstützung der Regisseurin Kay Matschullat in einem New Yorker Theater aufführte, war wohl eher Varieté, wenn man den Kritiken glaubt. Doch auch allein anhand der Songs wird klar, dass Lover, Beloved irgendwie danebengegangen ist. Suzanne Vega verantwortet nämlich leider nicht allein die Musik: in punkto Komposition und Arrangements überließ sie Singer/Songwriter-Kollege Duncan Sheik und dem Pianisten Michael Jefry Stevens das Ruder. Die beiden schwelgen in Musical- und Revue-Klischees: grotesk wirkt das trötende, spazierstockschwenkende Honkytonk »Harper Lee«, man wähnt sich glatt auf Lindenbergs »Andrea Doria«.

In den anderen Stücken soll 40er-Jahre-Südstaaten- oder Metropolen-Atmosphäre erzeugt werden, überbetont und enervierend. Vega nimmt – auf der Bühne und in den Songs – die Rolle McCullers’ ein und fabuliert aus ihrem Leben (»Carson’s Blues«); oder greift Romanstoffe auf, was viel besser funktioniert (»The Ballad of Miss Amelia«, »12 Mortal Men«). Sehr berührend ist die Ballade »Annemarie«, die von McCullers unerfüllter Liebe zur androgynen Schweizer Journalistin Annemarie Schwarzenbach handelt (der Schwarzenbach, nach der Dietmar Dath seine Band benannte) – hier ist Vega ganz bei sich und der bewunderten Schriftstellerin, findet ohne Banjo und Akkordeon zu ihrem charakteristischen Erzählton.

Dieses Stück macht schmerzhaft klar, wie stark Vegas Projekt hätte werden können ohne die albernen Musical-Arrangements. Suzanne Vega will »der Jugend zeigen, wie cool Carson McCullers’ Arbeit auch heute noch ist« – ein mehr als löblicher Ansatz. Doch mit Lover, Beloved wird sie weder sich selbst noch McCullers gerecht.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.