Suuns »Hold / Still« / Review

Auf ihrem dritten Album hört man zwar immer noch den Clinic-Einfluss heraus, doch haben Suuns auf Hold / Still darüber hinaus Songs für die Gegenwart geschaffen.

Kennt noch jemand Clinic? Diese Band aus Liverpool, die sich unter wechselnden Monikern schon seit Mitte der Achtziger am Rock’n’Roll abarbeitete und trotzdem erst 15 Jahre später Bekanntheit erlangte? Die live meist in grünen OP-Kitteln auftrat? Und passend dazu die nachtschattigen Auswüchse der Rockmusik mit chirurgischer Präzision in ihre Bestandteile zerlegte, wie Aorten- und Mitralklappe bei einer Herzoperation? Großartige Band.

Wie Clinic haben Suuns ein Faible für Akkordfolgen, die kein Gitarrenlehrer der Welt empfehlen würde.

Suuns gibt es erst seit 2007, und die Band aus Montreal hat weder modisch noch technisch etwas mit Operationssälen zu tun. Trotzdem klingt sie auffallend nach Clinic. Suuns-Sänger Ben Shemie säuselt ebenso Acid-intensiviert wie Clinic-Kopf Ade Blackburn. Der Duktus seiner Songs passt besser in den regnerischen Alltag des englischen Nordwestens als nach Kanada. Und wie Clinic haben Suuns ein Faible für Akkordfolgen, die kein Gitarrenlehrer der Welt empfehlen würde.

Auf den ersten zwei Alben von Suuns führte diese Nähe zum stilvollen Stillstand: Zeroes QC (2010) und Images Du Futur (2013) klangen wie eine zu grob geschnitzte Kopie ohne eigenen Anspruch. Mit Hold / Still ändert sich das. Zwar ist der Clinic-Einfluss nach wie vor unüberhörbar. Doch im Vergleich zu ihren bisherigen Alben erweitern Suuns darauf den Liverpool-Sound um ein entscheidendes Merkmal: Sie klingen elektronischer, kälter und damit zeitgeistiger. Vorzeige-Tracks wie »UN-NO«, »Resistance« und »Translate« saugen – wie schon in den Neunzigern Bands wie Clinic, Spiritualized oder Spacemen 3 – Einflüsse von Krautrock und Psychedelic auf und fermentieren sie zu Songs für die Gegenwart. Im Fall von Hold / Still bedeutet das: Clinic für Zeiten von Algorithmen und Datenautobahn. Das ist nicht bahnbrechend, aber auch nicht unwichtig. Denn jede Ära hat eine Band wie Clinic verdient.

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