Supernasen am Boden: Foxcatcher

Ein Film über Sport ohne Sport – aber mit viel (An)spannung anderer Art: Bennett Millers Oscar-Anwärter Foxcatcher startet am Donnerstag in den Kinos.

Eine Trophäe darf sich Bennett Miller schon vor der diesjährigen Oscar-Verleihung ins Pokalregal stellen: den goldenen Ohrenstöpsel für den leisesten Film des Jahres. So formvollendet wie Steve Carell und Channing Tatum hat sich selbst im Arthauskunstkino lange niemand mehr angeschwiegen. Dafür war das Preisverleihungsgeklapper im Vorfeld des Kinostarts von Foxcatcher umso lauter. Nach der Auszeichung für die beste Regie in Cannes, diversen Jury-, Ensemble- und Schauspielpreisen ist der Film für fünf Oscars im Rennen.

Foxcatcher ist ein Nicht-Sportfilm, ein wenig schmeichelhaftes Porträt der USA und, nach Millers Filmen Capote und Moneyball, erneut ein Exemplar der Gattung based on a true story. Es geht um die Brüder Mark und David Schultz, aus einfachen Verhältnissen stammende Ringer-Champions, die in den Achtzigerjahren Weltmeisterschaften und olympisches Gold gewannen, und um ihre Beziehung zum Waffenmagnaten, Hobbyringer und Briefmarkensammler John Eleuthère du Pont. Du Pont (Carell) fördert mit seinem grenzenlosen Reichtum vor allem die Karriere von Mark Schultz (Tatum), kauft schließlich auch David Schultz (Mark Ruffalo) dessen Arbeiterklassestolz ab und schmückt sich und sein Foxcatcher-Wrestling-Team im Gegenzug mit den sportlichen Erfolgen des Brüderpaars.

Anfangs kommt nur sehr langsam Bewegung in das Beziehungsdreieck dieser Bewegungskünstler. Der Film wird dominiert von den auf der Stelle tretenden Gesprächen und Nullsätzen der Protagonisten und vor allem von den vielen Pausen dazwischen. Man fragt sich immer wieder, ob Ringer zu jener Art von Kopfmenschen gehören, die vor lauter Nachdenken gar nicht mehr zum Reden kommen, oder ob man sich ihr EEG eher wie eine endlos lange Nulllinie vorstellen kann. Man fragt sich aber sehr bald nicht mehr, worauf die Gemengelage aus unterdrückter Aggression, Sozialgefälle, Homoerotik und Ehrgeizzerfressenheit hinausläuft: Das kann kein gutes Ende nehmen.

Der Film funktioniert sozusagen über Körperanspannung. Diese Spannung über die ganzen zwei Stunden und 14 Minuten zu halten, gelingt nicht ganz – was auch ziemlich viel verlangt wäre. Dafür fehlt aber, ganz absichtsvoll, eine im Grunde zu erwartende andere Spannungsform: Regisseur Bennett Miller schafft es, einen Film über Sport quasi ohne Sport zu drehen, zumindest ohne die üblicherweise exzessiv ausgeschlachtete Wettkampfspannung. Die entscheidenden Kämpfe von Mark Schultz werden meist nur im Kontrast von vorher und nachher erzählt, der Ausgang wird durch expressionistisch verwischte Bilder vermittelt – die Kamera ist zu nah dran, die Bewegung jetzt doch zu hektisch –, nicht aber im Detail vorgeführt.

Um Höchstleistung geht es natürlich trotzdem. Foxcatcher ist ein Schauspiel-Oscar-Anforderungen gehorchender Film und wird in der Hinsicht zur sportlichen Leistungsschau, markant zugespitzt in den Zinken, die sich Steve Carell und Channing Tatum haben ankleben lassen und die sie immer wieder, bevorzugt im kunstvoll ausgeleuchteten Profil, in die Kamera halten – ein Wettkampf der Supernasen, der in skurriler Mimik erstarrten Fressen. Es ist zweifellos große Kunst, was die beiden in diesem Duell zeigen, das allerdings eher an Steherradrennen erinnert als an Ringkämpfe. Wer sich zuerst bewegt, wer seinen schiefen Mundwinkel noch ein Stückchen weiter verzieht, verliert.

(For the record: Es gewinnt ohnehin der Dritte im Bunde, Mark Ruffalo in seiner Nebenrolle als David Schultz, der sich im Vergleich extrem locker macht und ein grandioses Mienenspiel zeigt – dessen Filmfigur für diesen Triumph aber auch bitter bezahlen muss.)

Der in Richtung Versteinerung tendierende Stumpfsinn dieser Männer – tumb-verstockt der eine, überheblich-irre-verstockt der andere, ohne dass die Erklärungsmuster dahinter über Küchentischpsychologie hinauskämen (die Trennung der Eltern, die übermächtige Mutter) – ärgert umso mehr, als der Film tatsächlich eine Ahnung davon vermittelt, dass der Ringkampf alles andere als stumpfsinnig ist. Nämlich eine intelligente, durch endlosen Detailreichtum bestimmte Sportart.

Wie so oft in allzu selbstsicher auftrumpfenden Filmen sind das beste die geilen Skurrilitäten, die den Rahmen sprengen. Das Kurzgedicht »Ornithologist / Philatelist / Philanthropist« etwa, das Meister Carell seinem Schützling Tatum vorbetet, während sie koksend zu einem Festmahl in Washington, DC hubschraubern, wird in die Annalen der Film- und Literaturgeschichte eingehen.

Zuvor, am Anfang ihrer wundervollen Freundschaft, will der Mäzen seinen Gast mit der historisch aufgeladenen Aura seines Anwesens beeindrucken. Auf den Feldern ringsum hätten seine Ahnen mit Du-Pont-Waffen eine wichtige Schlacht im Amerikanischen Bürgerkrieg geschlagen, erklärt er und gibt zu verstehen: Es geht hier um alles. Es geht um Amerika. Wir schreiben Geschichte. Wenig später wälzen sich die Nachfahren dieser stolzen Kämpfer über den Plastikboden von Turnhallen, die nach Fuß und Schweiß riechen, zum Freizeitvergnügen lassen sie sich Panzer in den Garten stellen oder eben als Vogelkundler und Menschenfreunde lobpreisen.

Foxcatcher zeigt ein Amerika, das dermaßen in seine eigene Dekadenz verliebt ist, dass es den Niedergang vor lauter Narzissmus noch nicht mal wahrnimmt. Am Ende hört man die Meute johlen: »USA! USA!«

Foxcatcher
USA 2014
Regie: Bennett Miller
Mit Channing Tatum, Steve Carell, Mark Ruffalo u. a.

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