Sufjan Stevens Carrie & Lowell

Sufjan Stevens ist wieder da, wie man so sagt, aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie wenig von ihm wieder da ist: Carrie & Lowell.

Zuletzt bei Sufjan Stevens: Konfettikanonen und Hula-Hoop-Reifen, Luftballons und Luftschlangen, eine elaborierte Robotertanzchoreografie, Referate über den outsider artist Royal Robertson, Fahrradfahrer auf offener Bühne, Neonklebeband an allen Instrumenten und den meisten Körperteilen, Baseballmützen über Stirnbändern, Baseballmützen über Baseballmützen, Mentholzigaretten, Schwanenflügel, ein richtiger Flügel und elf bis 15 Musiker, die verkleidet waren wie die Junior-Highschool-Modellbauwochenprojekte ihrer eigenen Kinder. Wir schrieben das Age Of Adz (für Erdenbürger circa 2010/11). Stevens hatte die elektronische Musik für sich entdeckt, den Größenwahn kannte er vorher schon. Nach den Konzerten zu seinem sechsten Studioalbum veröffentlichte er 58 Weihnachtslieder auf fünf Schallplatten und gründete das White-Men-Can’t-Funk-Projekt Sisyphus. Andere Musiker waren möglicherweise besser, aber kein anderer Musiker war mehr.

Heute bei Sufjan Stevens: eine Akustikgitarre, die Voice-Memo-App seines iPhones und vielleicht noch eine Klimaanlage, die im Hintergrund mitrasselt. Stevens ist wieder da, wie man so sagt, aber das eigentlich Erstaunliche ist, wie wenig von ihm wieder da ist. Sein neues Album Carrie & Lowell ist nicht mal doppelt so lang wie der letzte Song auf seinem letzten Album, die verwendeten Saiten- und Tasteninstrumente kann man an einer Hand abzählen, es gäbe manchmal Chorgesang, wenn sich die Stimmen nicht gleich in Luft auflösten. Zu den Aufnahmeorten der elf Songs gehören Studios in New York, Oklahoma und Wisconsin, Stevens’ Büro in Brooklyn und verschiedene Schauplätze seiner Sommerferienjugend in Oregon. Eingespielt wurde dort, wo sich der Musiker gerade befand und einen Toningenieur auftreiben konnte. Oder auch nicht.

Carrie & Lowell ist Folk mit Ambient-Outros, die einen von Song zu Song tragen. Es ist aber kein Ambient-Folk und auch nicht die Rückkehr zu Stevens’ Folk-Wurzeln, von der vorab die Rede war. Nie zuvor war er flinker und flexibler auf dem Gitarrengriffbrett. Immer wieder gelingt es ihm, seine komplexen Pickings so hinzubiegen, dass Menschen mit Plektrensammlung im Portemonnaie und Freunde ewig gültiger Melodien sie gleichermaßen geil finden können. Wo Stevens früher als tapferer Dilettant durch den eigenhändig ausgehobenen Orchestergraben taumelte, strahlt er nun Konzentration und Können aus. Nein ehrlich: Sieht man über den Schönheitsfehler einiger in sich ruhender Klavierstücke hinweg, ist Carrie & Lowell das Sufjan-Stevens-Album für Gitarre-&-Bass-Leser.

Noch eine steile These: Während Michigan (2003) und Illinois (2005) mit ihrer superspezifischen, nicht immer den Fakten verpflichteten oral history von Provinzprotagonisten und -phänomenen beider Bundesstaaten eine leise Form der Vaterlandsliebe erfanden, ist Carrie & Lowell Stevens’ großer Amerika-Abgesang. Familie, Glaube, Geschichte, Erinnerung, Landschaft, Mythos, Macht, Medizin – alles ist angelegt in den Liedern, aber nichts taugt mehr als Wegweiser oder zum Festhalten. Carrie & Lowell sickert durch die Risse, die sich im Fundament von Stevens’ Heimatland abzeichnen. Es ist ein beunruhigendes Album, denn es lässt offen, was darunterliegen könnte.

Wenigstens weiß man ganz genau, wo es hersickert. Carrie und Lowell aus dem Plattentitel sind Mutter und Stiefvater des Künstlers, sie waren in den Achtzigern ein paar Jahre verheiratet. Während Lowell als väterlicher Freund und Geschäftspartner bei Asthmatic Kitty Records eine wichtige Person in Stevens’ Leben blieb, wurde die meist abwesende, unter Depressionen und Drogensucht leidende Mutter zu einer noch wichtigeren Person. Als Carrie im Dezember 2012 starb, flogen ihrem Sohn die bisherigen 40 Jahre seines Lebens um die Ohren. Er fühlte sich besessen von ihrem Geist, kopierte ihre selbstzerstörerischen Gewohnheiten und vollendete seinen meltdown mit Alkohol-, Drogen- und Sexgeschichten, die man normalerweise vor der Führerscheinprüfung erledigt.

Was sich liest wie der Entstehungsmythos der schlechtesten Dashboard-Confessional-Platte aller Zeiten, ist tatsächlich große Kunst, gerade weil es so kunstlos ist. Stevens stellt die Bezüge zwischen persönlicher Geschichte und bigger picture nicht selbst her, stellt keine der konzeptuellen Überbaugebilde und musikalischen Neonleuchtreklamen auf, die im Age Of Adz noch Teil der Unterhaltung waren. Gitarre, Voice-Memos, Klimaanlage. Ein Album, das nur von seinem Schöpfer handelt, stellt seinen Hörern damit die größtmögliche Assoziationsfreiheit zur Verfügung, die Popmusik bieten kann. Nicht jeder wird Carrie & Lowell deshalb lieben, aber jedes Kind wird es verstehen.

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