Suche nach Liebe im Bassgewummer: Tauron Nowa Muzyka Festival in der Rückblende

Foto: Radoslaw Kazmierczak

Das Tauron Nowa Muzyka Festival steht exemplarisch für den Strukturwandel des süpolnischen Katowice, das sich von der Industrie- zur Kulturmetropole mausert. SPEX stürzte sich in das musikalische Geschehen zwischen Pop, Jazz und allen möglichen Spielarten elektronischer Clubmusik.

Zum elften Mal fand im südpolnischen Katowice in diesem Jahr das Tauron Nowa Muzyka Festival statt. Der Hauptsponsor Tauron, ansässig in der 300.000-Einwohner-Stadt, ist einer der größten Energiekonzerne in Polen und betreibt mehrere Kohleminen und Kraftwerke in der Region. Das Festival selbst findet auf dem Gelände einer alten Steinkohlemine statt. Auf und neben dem Gelände und in das Festivalgeschehen involviert sind das Schlesische Museum, die erst vor zwei Jahren fertiggestellte Konzerthalle des Nationalen Sinfonieorchesters sowie das architektonisch gewagte neue Kongresszentrum.

Die Idee, ein Festival auf einem alten Industriegelände zu veranstalten, ist an sich nicht sonderlich neu. In Katowice, wo sich das Gelände quasi mitten im Stadtzentrum befindet und man von dort die sozialistischen Wohnblocks überblickt, ist es jedoch gleichzeitig Symbol für den radikalen Wandel der Industriestadt zur Kultur- und Musikstadt. An einem Ort, an dem sich Gründerzeitarchitektur mit gigantischen Plattenbauten und umgenutzte Industrieanlagen mit mutigen Neubauten zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen zusammenfügen. Auch der hippe Kleiderladen Geszeft (sprich: Geschäft) weiß das zu nutzen: Auf dem Festivalgelände verkauft er Papiermodelle markanter Gebäude zum Nachbasteln sowie T-Shirts, Taschen und Plakate, die die Bauwerke der Moderne zur Marke der Stadt umcodieren.

IMG_2694
Foto: Steffen Kolberg

Zur Einstimmung bespielt Piotr Orzechowski alias Pianohooligan zusammen mit dem Nationalen Sinfonieorchester den optisch und akustisch beeindruckenden Großen Konzertsaal. Interpretiert werden Stücke von Henryk Górecki, Philip Glass und Steve Reich, der Saal verliert sich in repetitiven Rhythmuspatterns, gespielt auf mehreren Flügeln, Xylophonen und Marimbas. Auch der Ausklang des Wochenendes mit einem Konzert Kamasi Washingtons wird am Sonntag im Großen Konzertsaal stattfinden. Gegen die Räume des Konzerthauses haben die anderen Bühnen des Festivals soundtechnisch wenig Chancen, was einer der Gründe dafür sein wird, warum sich vor den Auftritten im Kammersaal des Gebäudes lange Schlangen bilden. Lubomyr Melnyk sehen? Keine Chance. Und auch für die polnischen Experimentalrhythmiker Slalom fasst der kleine Saal zu wenige Zuschauer. Bei Masayoshi Fujita hat man aber noch Glück. Der japanische Vibraphonist setzt nicht bloß Klöppel ein, sondern auch einen Bogen sowie Alufolie(!). So entlockt er seinem Instrument Klänge, die man bisher gar nicht kannte. Zwischen den Stücken erklärt er die Funktionsweise des Vibraphons und erzählt mehr oder weniger interessante Geschichten von Einhörnern und Bergbächen: die Bilder, auf denen seine Kompositionen basieren.

Foto: Radoslaw Kazmierczak
Pianohooligan mit dem Nationalen Sinfonieorchester, Foto: Radoslaw Kazmierczak

Ein weiterer Höhepunkt im Kammersaal: Tarwater. Auch hier bildet sich bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Konzerts eine lange Schlange vor dem Eingang und man fragt sich: Wie kann ein Berliner Elektronik-Duo, das selbst in Deutschland (sträflicherweise!) kein Mensch kennt, so viele Fans in Polen haben? Die Antwort liefert Ronald Lippok am Ende des Auftritts selbst: Die Reissues alter Tarwater-Alben übernimmt seit einigen Jahren das polnische Label Gusstaff Records, auch Neues erscheint dort. In der Schlange vor dem Konzertsaal begeistern Kid Simius eine beachtliche Menschenmenge im direkt nebenan gelegenen Amphitheater mit Dance-Sounds des vergangenen Jahrzehnts. Tarwater dagegen zeitlos: Auf grandiose Weise schieben sie Rhythmuspatterns, Geräuschsamples und Synthesizermelodien ineinander, Lippok hält zwischendurch sogar ein Stylophone vors Mikrofon.

IMG_2884
Tarwater, Foto: Steffen Kolberg

Auf der Hauptbühne, der großen Mehrzweckhalle des neuen Kongresszentrums, wirkt die audiovisuelle »Double Vision«-Show von Atom™ mit Robin Fox ein wenig verloren: Von der Bühne herab donnern gewaltige Sounds und Animationen, in gefühlten zehn Metern Sicherheitsabstand tanzen die Menschen. Bei Battles wird das Publikum dann aber nach vorne gelassen. Die drei Herren hauen wie gewohnt wuchtig in die Saiten, Tasten, Trommeln und Becken. Besonders Schlagzeuger John Stanier holt alles aus sich heraus, der Schweiß fließt in Strömen. Roots Manuva hat seinen Auftritt beim Festival abgesagt, so bleibt Zeit, den Leipziger House-Erneuerer Kassem Mosse zu entdecken, dessen Clubsound die Leute sofort in einen Sog zieht, als wäre es vier Uhr nachts in einem düsteren Kellerclub und nicht 22 Uhr auf einem Hügel über Katowice. Ihm folgt Jamal Moss aka Insane Black Man aka Hieroglyphic Being. Er überzieht das Publikum mit einem Gewitter aus Bässen und verschachtelten Samples – die Menschen lieben es.

IMG_2796
Battles verausgaben sich, Foto: Steffen Kolberg

Auch The Orb wissen zu begeistern. Zwar sind Alex Paterson und Thomas Fehlmann gut doppelt so alt sind wie die Leute vor der Bühne. Dennoch: Die Bässe ballern, die Visuals flimmern zackig daher, es wird ausgiebig getanzt. Entdeckung des Festivals: Jamie Teasdale alias Kuedo, der einen haunting Basssound über das Festivalgelände wabern lässt, während die Sonne langsam verschwindet. Die von Werkflow beigesteuerten Visuals werden deshalb leider mit Missachtung gestraft. Das Experimental-Düster-Elektronik-Programm des Festivals wird komplettiert mit dem Auftritt von Actress, der unter scharf kontrastreichen Visuals mit kryptischen Zahlen und Symbolen im Schatten verschwindet.

Foto: Steffen Kolberg
Beschallung auch am Campingplatz, Foto: Steffen Kolberg

Was dagegen so gar nicht in das Festivalprogramm passt, dafür aber die Zuschauer am heftigsten zum Ausrasten bringt, ist die Gruppe DMK. Ein kolumbianischer Vater, der mit seiner zwölfjährigen Tochter und seinem neunjährigen Sohn Depeche Mode covert. Das ist so schräg und fragwürdig, wie es sich anhört: Die Kids spielen Flöte und Mini-Akkordeon, Mama filmt am Bühnenrand, bunte Rasselbälle werden ins Publikum geworfen, zum Abschied die Hände kollektiv zu Herzchen geformt. Vielleicht sehnen sich die Leute in all dem düsteren Bassgewummer auch nur nach ein bisschen Liebe.

Tauron Nowa Muzyka Festiwal 2017
06.07. – 09.07. Katowice – Muzeum Śląskie

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.