Subkultur / Berlin 80

Subkultur / Berlin 80  FlyerOb Blixa Bargeld, Lydia Lunch oder Michael Gira: im aktuell in SPEX N°343 auch sehr präsenten Westberlin der Achtziger landeten sie alle vor den Kameras von STU!O K7 bzw. !K7. Was als Filmproduktionsfirma begann, ist heute vor allem als Musiklabel gleichen Namens und Vertrieb bekannt. Nun feierte man im letzten Jahr den 27. Geburtstag und hat dafür eigens die Bänder der Anfangstage digitalisieren lassen, um neben einer Jubiläumsveröffentlichung aktueller Künstler wie When Saints Go Machine oder Hercules & Love Affair auch das Material der Anfangstage wieder verfügbar zu machen. Neben einer DVD-Veröffentlichung und Webseite gibt es nun mit der Ausstellung Subkultur / Berlin 80 auch eine 360°-Videoinstallation, die heute und morgen im Stattbad, Berlin, gezeigt wird. Zahlreiche Gäste aus der Geschichte rund um das Label – darunter VJ MOX oder Mark Reeder – werden dabei die Originalaufnahmen steuern und mischen. Bereits im Rahmen des Berlin Festivals hatte SPEX !K7-Mitgründer Horst Weidenmüller getroffen, um über das Installationskonzept und die Anfänge des Unternehmens zu sprechen. Das Interview findet unterhalb des Trailers zur Veranstaltung.

Horst Weidenmüller, wir treffen uns im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Waren Sie früher öfters hier? Immerhin gab es in dem Gebäude in den 80ern auch rege genutzte Proberäume.
Ich wusste nichts von diesen Proberäumen. Aber als Berliner flog ich oft von hier, als der Flughafen noch in Betrieb war, und sorgte mich immer um die Anwohner, in deren Wohnzimmer man bei Start und Landung immer schauen konnte. Aber wahrscheinlich weiß Mark Reeder (1978 nach Westberlin gezogener britischer Produzent, Musiker und Labelbetreiber) am besten Bescheid, der war in den 80ern schließlich überall. Und wir haben eine gemeinsame Geschichte: ich habe eine Videodokumentation über all die damals gefilmten Konzerte gemacht, und wusste nicht mehr, wo ich all diese Tonnen Material gedreht hatte. Und plötzliche tauchten Mark Reeder und Shark Vegas auf dem Schirm auf, und zur selben Zeit erklang ihr Stück »Pretenders Of Love« auf der Kompilation Fac. Dance von Strut Records. Alles fügte sich wieder zusammen.

In welchem Zustand war das Filmarchiv?
Ich kam im Alter von 17 Jahren nach Berlin, war ein Punk und sah das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten. Etwas Neues, Unbekanntes passierte mit mir. Von da an begann ich derlei Shows zu dokumentieren und gründete später, 1985, mit drei weiteren Leuten (Reiner Bumse, Stephan Guntli, Michael Huse), die ebenfalls Equipment besaßen und schon beim Festival Berlin Atonal gefilmt hatten, die Produktionsfirma STU!O K7. Die machte ihr Geld zwar mit TV-Produktionen, aber wir begleiteten weiterhin Konzerte, mit deren Aufnahmen wir allerdings nichts anzufangen wussten. So entstand das Archiv. Dann trennten wir uns und ich widmete mich der X-Mix-Serie (eine Verbindung von Video- und DJ-Mixen) und gründete das Musiklabel !K7. Da stand zwar noch immer dieses metallene Regal, dessen Inhalt ich ungefähr erinnerte, aber das über Jahre hinweg niemand anrührte. Schließlich hieß es bei uns immer: Hey, let's move on! We've got other things to do! Erst mit der Entscheidung, unseren 27. Geburtstag zu feiern, und der damit verbundenen Suche nach Material aus der Anfangszeit, kamen wir wieder auf die Bänder zurück. Bei der Digitalisierung stellte sich dann heraus, dass einige Konzerte, darunter auch eines der Neubauten, sich bereits in Staub aufgelöst hatten. Andere wie das erste Konzert von Mudhoney außerhalb Seattles, gleichzeitig das erste Grungekonzert innerhalb Europas, anno 1988 waren erhalten geblieben.

Wie groß ist der Unterschied zwischen den Aufnahmen von damals und der heute auf !K7 veröffentlichten Musik?
Zugegeben, wer wegen der elektronischen Musik zu !K7 gekommen ist, wird sich sicherlich über ein Test Dept.-Konzert wundern, andererseits glauben wir auch, dass unsere Anhängern vor allem nach anspruchsvoller und eigenständiger Musik suchen – und genau das war das ja damals. Deshalb gehören auch die Label Strut oder Ghostly zu unserer Firmenfamilie. Mit dem aktuellen Projekt geht es uns aber nicht vorrangig um die DVD-Veröffentlichung, sondern um das Erschaffen einer 80er-Jahre-Umgebung (wie nun Stattbad). Etwas Begehbares, mit originalem Look und Sound, in dem man sich trotzdem noch unterhalten kann, und all diese damals vollkommen neuartigen Bands kennenlernen kann, von denen einige heute leider wieder bereits vergessen sind. Das ist schließlich unser Erbe, was da gezeigt wird.

Berlin in den frühen Achtzigern war die Zeit, in der jede und jeder, auch ohne Können, zum jedwedem Instrument greifen konnten. Warum entschieden Sie sich stattdessen für die Kamera?
Ich war verängstigt von meiner Landjungend. Wir fuhren mit unseren Rädern herum, hatten Gitarren und Bongos dabei, und immer, wenn ich mich einer annahm, rief jemand: Horst, lass es sein, roll lieber einen Joint oder kümmere dich um das Lagerfeuer! Ich dachte also nicht wirklich daran. Aber es blieb ja nicht nur beim Bild, das entwickelte sich auch. Da war auch immer eine Interpretation dabei, etwa bei den Aufnahmen von Jim Foetus. Da begannen wir bereits mit der Visualisierung von Musik, die sich später mit X-Mix fortsetzte. Ich habe also nicht das Gefühl, weniger Werte geschaffen zu haben, denn wir haben die 80er und ihr Gefühl interpretiert und wiedergegeben.

Heutzutage werden Konzerte und selbst DJ-Sets live übertragen. Inwiefern waren Sie mit Ihren späteren Projekten Vorreiter dieser Entwicklung?
Wir haben damals in den 90ern mit den X-Mix-Videos bereits etwas vorweggenommen. Diese Videos liefen bei zahlreichen Raves, auf Parties und in Clubs. Da gibt es Ähnlichkeiten etwa zu heutigen Formaten wie Boiler Room. Wie waren dabei aber keineswegs Vorreiter, sondern haben einfach stets und immerfort experimentiert. Dabei entstanden natürlich auch viele schreckliche Sachen.

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