Stürz ab und werde!

Die Überlebenden sind ›Geworfene‹, ihre Freiheit besteht darin, ein Leben zu beginnen, das mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun hat: Thomas Hübener erläutert, wie sich anhand der amerikanischen Mystery-Serie »Lost« der Existenzialismus erklären lässt.

Lost Spex #314 HBO Serie

Es ist ein bisschen erstaunlich, dass in den bisherigen drei in Deutschland gezeigten Staffeln der amerikanischen TV-Serie »Lost«, welche die Erlebnisse von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer geheimnisvollen Insel schildert, noch kein Charakter namens Sartre, Camus, Heidegger oder Kierkegaard aufgetaucht ist. Denn die Macher der Serie haben eine etwas plakative Vorliebe für Namensallegorisierungen, deren Fährten häufiger in die Geschichte der Philosophie weisen.

    So heißt eine Figur wie der englische Aufklärungsphilosoph und Erkenntniskritiker John Locke. Eine weitere, die der Einsiedlerin Danielle, trägt den zivilisationskritischen Franzosen Jean-Jacques Rousseau in ihrem Nachnamen. Es gibt eine Figur, die Desmond David Hume heißt, also nach dem schottischen Empiristen David Hume benannt wurde, während ein bösartiger einäugiger Helfershelfer der »Anderen« tatsächlich Mikhail Bakunin heißt – wie jener russische Revolutionär also, der als bedeutendster Theoretiker des Anarchismus in die Geschichte einging. Auch der konservative irische Staatsphilosoph und Gegner der Französischen Revolution, Edmund Burke, findet in Gestalt des Ex-Mannes der Reproduktionsmedizinerin Dr. Juliet Burke einen schnell an einem ›Unfall‹ sterbenden Namensvetter. Vielleicht ist das Fehlen von Figuren mit Namen existenzialistischer Philosophen aber nicht ganz so verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, dass die bisherigen philosophischen Namensgebungen der »Lost«-Charaktere auch nicht gerade auf der Hand liegen.

    Was hat beispielsweise John Locke mit Aufklärung zu tun? Er ist geradezu das wandelnde Gegenteil von Erkenntniskritik. In entscheidenden Situationen folgt er seiner Intuition, seinem Glaubenswillen, der unberechenbaren Logik eines spirituellen Fundamentalismus, der wohl auf das Wunder seiner fleischlichen ›Wiedergeburt‹ durch den Flugzeugabsturz zurückgeführt werden muss: Seit dem Aufprall auf der Insel kann der als gelähmter Rollstuhlfahrer an Bord von Flug 815 der Oceanic Airlines gerollte Locke wieder laufen. Nachdem er sich im Dschungel zunächst als mit Anflügen von Altersweisheit versehener Besitzer entlegener Survivalkenntnisse profilierte, wird er im Verlauf der Geschehnisse durch seinen grenzenlosen Glaubensegoismus zum ernsten Sicherheitsrisiko für die Mitüberlebenden.

    Auch Desmond David Hume scheint seinem aufklärerischen Namensgeber zunächst wenig Ehre zu erweisen, wenn er von Zukunftsvisionen heimgesucht wird, die sich noch dazu in der Wirklichkeit erfüllen. Der des Klosters verwiesene Ex-Mönch und nach einem Gefängnisaufenthalt unehrenhaft aus dem Militär entlassene Soldat besitzt zudem die Kraft, diese Realität zu beeinflussen. Er kann gesehene Geschehnisse zwar nicht komplett verhindern, sie aber zumindest aufschieben. So rettet Desmond Hume dem Ex-Heroinisten Charlie, dessen Tod er mehrmals voraussah, wiederholt das Leben. Machte der kausalitätskritische Philosoph Hume die Kraft der vom Menschen erfahrenen Impressionen gegenüber einer Realität stark, über deren Vorhandenheit er – Immanuel Kant vorwegnehmend – nichts sagen zu können glaubte, so werden in Gestalt der Visionen Desmonds ebenfalls innere Vorgänge in ihrer Relevanz aufgewertet.

    Im Fall Desmonds mag also die Namensgebung der »Lost«-Macher nach ein paar interpretatorischen Dehnübungen nicht gar so abwegig scheinen – aber was ist mit Danielle Rousseau? Jean-Jacques Rousseau ist heute vornehmlich für seinen Ruf »Zurück zur Natur« bekannt, der eher als Kritik an seiner heuchelnden, verbildeten und verkünstelten Rokoko-Zeitgenossenschaft zu verstehen ist denn als wahrhafte Aufforderung. Rousseau wusste, dass es mit einer Flucht in die Büsche keineswegs getan sein würde. Er spielte den ›edlen Wilden‹ gegen den Zivilisationsmenschen aus, der zu keiner Herzensregung mehr in der Lage sei. Von Natur aus sei der Mensch gut, korrumpiert werde er durch die falschen gesellschaftlichen Prägungen.

    In Bezug auf Danielle Rousseau, die seit 16 Jahren im Dschungel isoliert ist und deren Tochter Alex von den »Anderen« entführt wurde, ist dieses philosophiegeschichtliche Namenserbe blanker Hohn. Sie überlebt dank ihrer Waffen und ihrer Vorsicht. Sie ist misstrauisch, und dieses Misstrauen ist narrativ völlig gerechtfertigt. Statt auf ›noble savages‹ traf sie auf Feinde. Was ihr empfindsamer Namensgeber Jean-Jacques nicht wahrhaben wollte, nämlich dass sich auch in der Natur brutale Überlebenskämpfe und Selektionsprozesse abspielen, dass diese keinesfalls ein Paradies der Friedlichkeit ist, erfährt Danielle tagtäglich auf ihrer Nahrungssuche. Sie hat den Erkenntnisvorsprung der Praxis. Am Ende von Staffel drei äußert sie den Wunsch, auf der Insel zu verbleiben, aber nicht, weil diese eine ernsthafte Alternative zu der Gesellschaft wäre, die sie vor mehr als anderthalb Jahrzehnten zurückliess, sondern weil sie sich in dieser, wie sie glaubt, nicht mehr zurechtfinden würde.

    Weshalb aber müssten nun bei etwas mehr Stimmigkeit dieser philosophischen Figurennamen dringend auch Existenzialisten mit von der Partie sein? Weil, erstens, »Lost« wie keine TV-Serie zuvor das Thema der sogenannten ›Geworfenheit‹ des Subjekts illustriert. Und weil, zweitens, in ihr das zentrale existenzialistische Theorem der unhintergehbaren ontologischen Freiheit des Menschen durchdekliniert wird.

    Geworfenheit meint den Umstand, dass sich kein Mensch das Ob und das Wann seiner Geburt ausgesucht hat. Das menschliche Dasein ist, um mit Heidegger zu sprechen, »nicht von ihm selbst in sein Da gebracht«. Das klingt zunächst trivial, aber ein Hauptanliegen der Existenzialisten besteht darin, das gerade aufgrund seiner vermeintlichen Selbstverständlichkeit nicht Wahrgenommene sichtbar zu machen – das dadurch fern erscheint, weil es uns so nah ist. Der Mensch also ist nicht Ursache seines Hierseins, das vielmehr erlitten ist. Eine ziemliche Kränkung für jeden Glauben an ein selbst bestimmtes autonomes Subjekt.

    Solche Geworfenheit, die Geworfenheit in den Tod ist, gilt für alle. Und alle leben so, als ob sie davon nicht wüssten. Den Insassen von Flug 815 aber wird ihre grundlegende Geworfenheit dadurch sinnfällig, dass sie gleichsam in Gestalt eines dramatischen Absturzes eine Wiederholung erfährt: Die überlebenden Passagiere sind sozusagen noch einmal geworfen, noch einmal geboren.

    Aber Geworfenheit ist nicht alles. Der Mensch ist auch zum Entwurf gezwungen. Heidegger spricht vom »geworfen-entwerfenden In-der-Welt-Sein« des Menschen. Der Mensch ist frei, »zur Freiheit verdammt«, wie es Jean-Paul Sartre in einer berühmten Formulierung ausdrückte. In »Das Sein und das Nichts« (1943) schrieb er: »Der Mensch ist keineswegs zunächst, um dann frei zu sein, sondern es gibt keinen Unterschied zwischen dem Sein des Menschen und seinem ›Freisein‹.« Das Wesen des Menschen ist es, kein solches Wesen zu haben. Anders als der Stein oder der Strauch hat er keine zuvor festgelegte Lebenswelt, er ist, wie Nietzsche sagt, das »nicht festgestellte Tier«. Solche Freiheit ist eine Last, weil sie bedeutet, immer wählen zu müssen und für sich selbst verantwortlich zu sein. So ist man kein Kellner, Mörder oder Trinker, sondern entscheidet sich mit jedem Arbeitstag, Mord oder Schluck, einer zu sein. Naheliegende Ausflüchte, die darauf hinauslaufen, sich, beispielsweise unter Berufung auf Erziehung oder Milieu, als Teil einer Kausalkette wahrzunehmen, lässt Sartre nicht gelten. Er nennt solche Leugnungsversuche »mauvaise foi« (unaufrichtig).

    Die Last der Freiheit besteht darin, ihr nie entgehen zu können. Andererseits bietet sie den Vorteil, dass es, egal, was man getan hat, nie zu spät ist, um sein Leben zu ändern. So wie die gute Tat der Vergangenheit kein Garant für automatische (also freiheitslose) Kontinuität des Guten ist, so begründen auch schlechte Taten der Vergangenheit keine Vorbestimmung für das Jetzt. It’s never too late!

    So auch die »Lost«-Figuren: Charlie ist frei, dem Ozean Heroinvorräte zu übergeben. Shannon, die sich zunächst als giftig-zickige Leisure-Class-Highschool-Beauty einführt – in einer der schönsten Szenen des Pilotfilms sonnt sie sich leicht bekleidet auf einem Badehandtuch, während im Hintergrund die Flugzeugtrümmer rauchen –, unternimmt die ersten Schritte zu ihrer Verwandlung mit der Übersetzung des vor 16 Jahren von Danielle auf Französisch gesendeten Notrufes. Mit der Liebesbeziehung zum Moslem Sayid, einem mit Foltertechniken vertrauten ehemaligen Kommunikationsoffizier der Irakischen Republikanischen Garde, überwindet sie die Begrenzungen ihres eigenen kulturellen Horizontes und agiert das erste Mal in ihrem Leben auf reife, selbstbestimmte Weise. Selbst das selten zu Sentimentalitäten aufgelegte betrügerische Rauhbein Sawyer hört immer häufiger auf, ›bad boy‹ zu sein, und ist eines Tages gar babywiegend zu sehen – eine Szene, so schön und ambivalent wie die in Werner Herzogs Dokumentation »Mein liebster Feind« (1999), in der sich ein bunter Schmetterling zu Klaus Kinskis großer Verlegenheit partout auf ihm niederlassen will.


VIDEO: Lost Flight 815 Crash in Real Time (2010)

    Natürlich ist ein solcher positiver Durchbruch zivilisatorischer Beschränkungen und Tabus ein typisches Muster der Robinsonade: Postkatastrophische bunte Zusammengewürfeltheit mit ihrem resultierenden Ego-Clash (aber ohne den typischen US-Quotenschwulen) plus eine gemeinsam zu lösende Aufgabe plus Isoliertheit von der Außenwelt plus ein oder mehrere Feinde sind einem solchen Durchbruch günstig. Es ist im Übrigen interessant, dass es zu keinem Abdriften der Gruppe in die Barbarei kommt, wie es William Golding stilbildend in seiner von einem ganz ähnlichen Nullpunkt ausgehenden pessimistischen Studie »Herr der Fliegen« (1954) beschrieb. Die Anspielungen auf Golding in »Lost« machen durch den Kontrast deutlich, dass der Firnis der Zivilisation zwar dünn sein mag, in der amerikanischen Serie aber keineswegs reißt. Der Krieg aller gegen alle, den der englische Philosoph Thomas Hobbes in seiner nachtschwarzen Anthropologie für den Fall befürchtete, dass man den menschlichen Machtdynamismen keinen Einhalt geböte, findet auch in der dritten Staffel von »Lost« nicht statt. Das liegt daran, dass sich die meisten auf die Autorität des charismatischen Arztes Jack einigen konnten, der die Anführerschaft schon im Namen trägt: Dr. Jack Shephard ist der ›shepherd‹, der Gute Hirte der Überlebenden. Bezeichnenderweise ist die latente Kehrseite seiner Entschlossenheit und seiner Aufopferungsbereitschaft die Tendenz zu einer hitzköpfigen Wir-gegen-sie-Logik, die sich namentlich im Verhältnis zu den mysteriösen »Anderen«, den anderen Bewohnern der Insel, äußert. Die Interaktion der Überlebenden des Absturzes – dessen tiefere (oder höhere) Ursachen auch nach 69 mittlerweile auf DVD erhältlichen Episoden völlig unklar sind – mit diesen »Anderen« tritt im Verlauf der Serie mehr und mehr in den Vordergrund.

    Die präinsulare Vergangenheit der Überlebenden ist in Gestalt von als Flashbacks dargestellten Erinnerungen immer präsent. Doch einen Fluch des Wiederholungszwanges in der Gegenwart bedeutet diese Vergangenheit nicht. Gerade weil die Figuren (wie alle Menschen) ›lost‹ sind, haben sie – frei nach Sartre – die Chance, alles zu gewinnen. Das ist eine frohe und, falls man dem Christentum anhängt, vielleicht gar eine Frohe Botschaft. Sie stellt sich quer zu einem Zeitgeist, der den Menschen gern als unfreies und determiniertes Produkt seiner Verhältnisse und genetischen Anlagen darstellt, ohne dabei ins andere Extrem eines ins Gewand des American Dream gekleideten Neoliberalismus zu verfallen. Dass die Serie mit amerikanischem Patriotismus wenig zu tun hat, zeigt einer der wichtigsten Subtexte von »Lost«: die dilemmatische Herausbildung von Identität mittels der Konstruktion eines feindlichen Außen am Beispiel der Konfrontation der Überlebenden mit den »Anderen«. Dass ein möglichst entmenschlichter Feind hilfreich sein kann, um das eigene Selbstbild zu stabilisieren, hatten die USA kurze Zeit vor dem Start der Serie im September 2004 durch ihre federführende Rolle bei der propagandistischen und militärischen Irak-Offensive vorgeführt. Es liegt daher nahe, »Lost« auch als kritischen Kommentar zur chauvinistischen US-Außenpolitik zu lesen.

    Drei eher allgemein-menschliche Botschaften von »Lost« dagegen lauten: »Es ist nie zu spät.« »Alles ist offen.« »Du musst dich entschließen.« Sie klingen vielleicht ein wenig nach New-Age-Kitsch und dürfen auch nicht auf einen Preis für gesteigerte Komplexität hoffen. Vor allem aber aktualisieren sie einen Existenzialismus, der selten so hinreißend und untheoretisch war.

 

»Lost – Die komplette 3. Staffel«
USA 2006. Mit Naveen Andrews, Emilie de Ravin, Matthew Fox, Jorge Garcia u.a., 7 DVDs, 946 Min. (Buena Vista Home Entertainment)

3 KOMMENTARE

  1. […] Überhaupt Bücher: Man könnte den Spieß ja mal umdrehen. Statt dieser schicken Designs von Facebook, YouTube, Tumblr & co im Vintage Look, könnte man auch die aktuellen Startseiten dieser Webservices ausdrucken und sich daraus Schutzumschläge für Literaturklassiker basteln. Wird man in der Straßenbahn auch nicht schräger für angeguckt. Geht aber auch anders. […]

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