Studio Braun: Die Elbphilharmonie der Herzen

Foto: Jens Kaesemann

Am 1. Oktober erscheint Drei Farben Braun – Das große Studio-Braun-Buch. Größer ist nur noch unsere Studio-Braun-Titelgeschichte aus SPEX N° 365, die wir zu diesem Anlass gerne noch mal aufleben lassen.

Sie fühlen sich wohl im Dazwischen: Unter dem Namen Studio Braun gießen die drei Actionfiguren Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk schon seit mehr als 20 Jahren einen aus Melancholie geborenen Humor in die unterschiedlichsten Formen, aktuell mit dem zweiten Album ihrer Kraftwerk-Persiflage Fraktus. Allerdings sind die Hamburger mitnichten ständig nur witzig, seit neuestem weht auch mal ein anderer Wind im Studio. Über dunkle Geister, aufgeblasene Binsen, Freundschaften im Tresor und, klar: Hamburg.

Hansa, die alte Chefin hat von da oben alles im Blick. Sie trägt einen goldenen Dreizack und steht in der Höh’ für den Hansebund, jene mächtige europäische Kaufmannsvereinigung. Ein vor über 300 Jahren vergangener Mythos – aber auch heute noch lassen sich zu Frau Hansas Füßen Kaufleute und Kunden, Geschäfte und Transaktionen beobachten. Sie krönt den Brunnen auf dem Hansaplatz in Hamburg-St. Georg, der zwar vor ein paar Jahren komplett saniert und verkehrsberuhigt wurde – langsam, mühselig noch kriechen erste Latte-Bio-Fashion-Flecken in das sogenannte Problemviertel –, das Gros der lokalen Wirtschaft schafft aber immer noch die alte Schule zusammen: muskulöse Männer, die einen eingefangenen Blick anbietend erwidern, Frauen in zu dünnen Klamotten, die mit leerem Gesicht zwischen Autos am Straßenrand warten. Leute drücken sich vorbei, schwarze Geländewagen stoppen kurz im absoluten Halteverbot, das »Erotik Tausch Center« schützt seine Kunden mit Perlenvorhängen, die Mittagspause verbringen alle in Souterrain-Kneipen mit Sky-Logo im Fenster, bei manchen dauert diese Mittagspause ein ganzes Leben. Als wäre all dies noch nicht genug Tristesse, bestätigt sprühender Dauerregen das Wort vom Hamburger Schietwetter.

Drogen, Nutten, Niederschlag: klar ist das eine Aneinanderreihung von Hamburg-Klischees. Aber genau diese Klischees verschwinden seit einigen Jahren so rasant aus dem Stadtbild, dass man inzwischen schon nach ihnen suchen muss. Nur der Sprühregen bleibt, das Wetter lässt sich leider noch nicht gentrifizieren. Besonders lautstark beklagen diesen Wandel die drei Typen, die hier gerade mit hochgezogenen Schultern durchs Bild huschen, raus aus der Suppe, rein in die Schänke. Drinnen erst mal Jacken aus, Fruchtsaftschorlen bestellen. Auf der Karte Scholle, Matjes, Labskaus, an den Wänden Meerjungfrauen, Steuerräder, dunkles Holz, fein inszenierte Patina, kein Stück älter als 40 Jahre.

Rocko Schamoni, Jacques Palminger und Heinz Strunk, die drei Typen, zusammen besser bekannt als das Trio Studio Braun, sind eben aus dem Regen reingekommen, und man stellt wohl besser erst mal klar, was Studio Braun, also Schamoni, Palminger und Strunk, alles nicht sind: keine »Universalgelehrten des Pop« und auch keine »Trash-Kultfiguren«, nicht einfach Komiker, und schon gar keine sogenannten Comedians. Sie sind nicht mal immer witzig. Am ehesten könnte man sie wohl als Entertainer im ursprünglichen Sinne des Wortes bezeichnen: Unterhalter. Angefangen haben sie zwar mit Dada-Telefonscherzen. Seit längerem schon drücken sie sich aber hyperaktiv in allen denkbaren Formaten aus, von Platten und Büchern über Hörspiele und Magazinkolumnen, bis zu Theater und Filmen. Sie sind da, wo das Dazwischen flirrt, wie sie sagen würden. Zwischen den Formen, aber auch zwischen lustig und trist, tiefsinnig und schwachsinnig, abgründig und albern. Vielleicht kann man es einfach so sagen: Sie sind drei Kulturschaffende, die Ideen umsetzen, wie sie hierzulande wohl nur in Hamburg in die Köpfe kommen. Aber dazu später mehr.

Nun sind die drei eigentlich hier, um das neue Musikalbum Welcome To The Internet zu promoten, das sie als Fraktus eingespielt haben. Und weil sie dafür gerade zwei Tage lang Interviews gegeben haben, in ihren Rollen als Fraktus-Mitglieder, in ihren Kostümen, fangen sie erst mal an loszukalauern und sich gegenseitig hopszunehmen. Begriffe werden in die Welt gesetzt und Titel, Phrasen, Sätze hin und her geschoben. Wenn man dann aber durch beharrliches Ernstsein die Gag-Umdrehungen runterbremst, erweisen sie sich als ganz froh, mal nicht witzig sein zu müssen. So froh, dass der Rest des Gesprächs beinahe zu ernsthaft verläuft.

»Unsere freundschaft ist die kleine nuss, die wir vor jahren in einen tresor geschlossen haben.« – jacques palminger

Da sitzen dann also: Rocko Schamoni, 1966 geboren, der breitschultrige, verständnisvoll zwinkernde Sympath im Strickpullover. Jacques Palminger, Jahrgang 1964, mit Menjou-Bärtchen und Boheme-hager, im positiven Sinne rätselhaft, starrt er einen bisweilen unverwandt freundlich forschend an. Und schließlich noch Heinz Strunk, 1962, der manchmal misanthropische Grantler, der zur silbernen Haartolle mit Vorliebe eine smart getönte Brille trägt, die er durch Nase-Krausziehen zurechtrückt. Drei vollkommen unterschiedliche Typen, wie drei Superhelden-Actionfiguren, die auf den ersten Blick eigentlich nur ihre überdurchschnittliche Körpergröße eint. Kein Wunder, dass sie sich häufiger mal uneins sind, gelinde gesagt. Da wirken alte Kräfte, anziehend wie abstoßend. So wurden sie mal von der Dramaturgin im Hamburger Deutschen Schauspielhaus zur Seite genommen, als sie dort zu dritt als Regisseure inszenierten. Weil die Frau sie darauf hinweisen wollte, dass sie sich nicht jeden Tag streiten können. Auf der Bühne. Vor den Schauspielern.

Heinz Strunk: Wenn jemand von uns von einer Idee überzeugt war, versuchte er das durchzudrücken. Nicht aus Egomanie, sondern weil er das für wirklich richtig hielt. Da kam es zu enormen, wie ich finde aufreibenden Psychostreitereien.

 Was hält Sie in solchen Situationen zusammen? Freundschaft?

Jacques Palminger: Unsere Freundschaft ist die kleine Nuss, die wir vor Jahren in einen Tresor geschlossen haben. Die liegt da schön sicher und muss gar nicht angetastet werden.

 Schönes Bild. Aber ständiger Streit sickert doch auch in den Tresor.

Rocko Schamoni: Arbeit essen Freundschaft auf. Das ist bei uns nicht anders als bei vielen Bands. Dann muss man sich Zeit nehmen, damit sich alles wieder beruhigen und man über die Bedeutung dieser Freundschaft nachdenken kann.

Immerhin ist diese Freundschaft schon mehr als 20 Jahre alt. Im Jahre 1994 hatte der Musikmanager Alexander von Oswald, Bruder des Technoproduzenten Moritz, einige Hamburger Köpfe für ein Projekt an einen Tisch geholt. Sein Vorbild: die Jerky Boys, die schon im New York der Achtziger Menschen mit Telefonscherzen hopsgenommen und das dann veröffentlicht haben. Studio Braun: eine gecastete Band. Doch nachdem Schamoni, Palminger und Strunk irgendwann die Konfrontation mit den Arglosen nicht mehr ertragen konnten und seit vor allem die Privatsender beschämend schlechte »Telefoncomedy« aufgelegt hatten, war das Thema durch für sie. Heute heißt es dazu nur noch: »Von Braun’schem Boden wird niemals wieder ein Telefonat ausgehen.« Jedenfalls kein Scherztelefonat.

In einem scharfen Richtungswechsel gingen die drei, eingefädelt von Schamoni, als Regisseure ans Deutsche Schauspielhaus, wo sie im Rahmen ihres »psychedelischen Volkstheaters« Kleists Michael Kohlhaas zusammen mit Charles Bronson gegen den Staat kämpfen lassen und Goethe die Vorlage für LSD-Trips von Dorfpunks liefert. Sie bauten das Ganze aus, begannen, Bücher zu schreiben, eine Art von Popliteratur im direkten Gefolge von Herr Lehmann (2001), und veröffentlichten alle drei immerfort Platten mit Wort oder Musik, teils auf ihrem eigenen Label Nobistor. Nur im TV hielten und halten sie sich größtenteils zurück, denn da funktioniert die Braun’sche »Unschärfe«, wie Schamoni das nennt, nicht so gut.

Unterm Strich stehen bis heute sieben gemeinsame Wort- und Musik-CDs auf der Liste. Mehrere Hörspiele und noch viel, viel mehr Soloalben. Dazu Theaterinszenierungen, Theatermusiken, Musicals und Operetten, zwölf Bücher, passende Hörbücher, diverse Verfilmungen und noch mehr Filmauftritte. Eine Menge Holz. Und natürlich nicht alles supergut. In den Theaterproduktionen regieren auch mal König Flachwitz und Königin Zote. Die Soloalben sind zwar immer schlau, aber vielleicht manchmal etwas brav für (Ex-)Punks. Und die Bücher sind auch nicht alle so tiefgründig durchdacht, wie man sich das wünschen würde. Aber sie probieren es wenigstens, immer wieder aufs Neue.

Bei Rocko Schamoni begann alles in Lütjenburg an der Ostsee, unweit von Kiel, wo er im örtlichen Jugendzentrum die Buzzcocks-Akkordschule absolvierte. 1986, als er als erster aus der Runde nach Hamburg zog, nahm er sehr konsequent Punk, die »Antihaltung zur Antihaltung«, ein, sang den hanseatischen Punks deutsche Schlager vor und schmetterte sogar mit dem leibhaftigen Michael Holm im Duett »Mendocino«.

»ich will nicht die marmorstatue auf dem kamin des hamburger wohnzimmers werden.« – rocko schamoni

RS: Es war interessant für mich, in den eigenen Kreisen mit etwas

für Aufruhr zu sorgen, das dort nicht verstanden wurde. Und da gab es in der Hafenstraße ziemlich aggressive Abende, weil die eine Hälfte mich von der Bühne haben und die andere mich schützen wollte. Das hat für angenehmen Ärger gesorgt.

Was sollte das?

RS: Ich fand es schon immer gut, wenn Kunst ins Flimmern, Flackern und Flirren gerät. Wenn also etwas eine Glattheit hat, bei der man aber spürt, dass dahinter etwas anderes ist, das nicht so leicht festzulegen ist. Das Schönste für mich ist, wenn ich beim Betrachter ein Fragezeichen erzeuge, das so schnell nicht mehr loszuwerden ist.

Aber was ist der Antrieb dahinter?

RS: Punkrock.

Mehr noch als der Schlagerpunk Schamoni flirrt der im münsterländischen Borken aufgewachsene Jacques Palminger, der mit 18 gemeinsam mit seiner Cowpunk-Band The Waltons nach Berlin zog. Seine Zeit, seine Orte, seine Szene kann man momentan im Film B-Movie bestaunen, bei dem er nach eigener Aussage mehrmals im Bild rumsteht. Als er irgendwann während einer Tour bei Schamoni übernachtete, verliebte er sich in dessen Mitbewohnerin, zog nach Hamburg und spielte in der Folge unter anderem bei den Bands Dackelblut und Universal Gonzáles. Bis heute konzentriert Palminger seinen kulturellen Ausstoß vor allem auf Musik, und seine surrealistisch mäandernden Textrezitationen auf Dub-Basis, die klingen wie ein deutscher U-Roy auf Dada, machen ihn zum musikalisch wohl interessantesten Mitglied von Studio Braun.

Gemeinsam mit seinem neuen Freund Schamoni hielt Palminger Ende der Achtziger absurd-dadaistische Diavorträge im Hamburger Parkcafé Schöne Aussichten. Schon damals wandten die beiden dabei eine ästhetische Strategie an, mit der Studio Braun auch heute noch arbeitet: Sie bliesen Klischees, Sprachbinsen oder alles, was nervt, überaffirmativ so groß auf, bis es mit einem lauten Plopp zerplatzte. Studio Braun sind eine »Sinnvernichtungsmaschine«, wie sie der Deutschlandfunk mal genannt hat, weil sie alles in Frage stellen, Verlogenheiten aufdecken, Gewissheiten zerstören und so Dinge in Schwingungen versetzen. Jedenfalls landete an einem jener Tage zufällig auch Heinz Strunk im Café Schöne Aussichten. Den Abend zählt er heute noch zu seinen »humoristischen Initialisierungen«.

RS: Das wusste ich gar nicht! Du hast das gesehen und fandest es auch lustig?

HS: Irre lustig, ich habe Tränen gelacht! Da war mir klar, so etwas möchte ich auch machen.

Strunk ist anders (musik-)sozialisiert als seine beiden Kollegen. Seine triste zwölf Jahre dauernde Erstkarriere als Saxofonist bei der Schützenfest-Tingelkombo Tiffanys hat der gebürtige Hamburg-Harburger ausgiebig in seinem Bestseller Fleisch ist mein Gemüse (2004) verarbeitet. Er lernte (ziemlich gut) Saxofon und die Ian-Anderson-Gedenk-Querflöte, spielte in den Achtzigern sogar mal auf einer Platte von Howard Carpendale mit und versuchte 1989 mit dem Synthiepop-Projekt Dis Noir einen ersten Ausbruchsversuch. Schamoni, zwischen ernsthaft vorwurfsvoll und amüsiert: »Das sind lauter Sachen, die du uns bislang verschwiegen hast, Heinz!« Strunk, bürgerlich Mathias Halfpape, veröffentlichte 1993, unter dem Einfluss seines langjährigen Titanic-Abos, Sketche und Kurzhörspiele auf der CD Spaß Mit Heinz, erstmals unter dem Künstlernamen Heinz Strunk. Ein Bekannter aus der Schlagerpop-Szene reichte die Aufnahmen an Schamoni und Palminger weiter, die ihn anriefen. Beim ersten Treffen haben sie sich noch gesiezt.

HS: Bei dieser CD hatte ich mit nichts gerechnet. Sonst hätte ich mir auch so einen schönen Künstlernamen gegeben wie die beiden, Jacques Palminger, Rocko Schamoni (bürgerlich Heinrich Ebber und Tobias Albrecht), und müsste jetzt hier nicht mit so einem Metzgernamen rumsitzen.

RS: Er sah damals aus wie ein Popper, mit Föhnwelle, und im Gespräch war er auch sehr steif und hat keinen einzigen Witz gemacht.

HS: Rocko Schamoni, das war für mich eine weit entfernte Hamburger Legende, und der Mann ruft mich plötzlich an. War ja klar, dass ich da etwas angespannt war.

RS: Ich dachte erst, wir haben uns vergriffen. Und dann haben wir uns noch mal getroffen und mit Alkohol gearbeitet. Da hat es funktioniert.

In Hamburg hat eine Gruppe von Kulturschaffenden, die sich überwiegend seit 20 Jahren und länger kennen, dafür gesorgt, dass die Stadt dem lähmenden Berlin-Sog lange Zeit besser widerstanden hat als Köln oder München, die anderen deutschen Städte in dieser Größenklasse. Egal ob Andreas Dorau, DJ Koze, Die Goldenen Zitronen oder Fünf Sterne Deluxe – oft, aber natürlich längst nicht immer, arbeiten diese Menschen mit einem sehr speziellen Humor, einem Hamburger Humor, der heute ein anderer ist als noch zu Zeiten von Fips Asmussen und Konsorten. Schon immer galt der Humor der Hansestadt als trocken und lakonisch. Inzwischen aber erwächst er auch aus Melancholie und Selbstzweifeln. »Humor ist die Antwort auf Melancholie, um diese zu überwinden«, sagt Heinz Strunk. Und vielleicht kann man darum als denkender Mensch auch besser über diese Art von Humor lachen als über deutsche »Comedians«. Weil diese Leute sich nicht selbst für die Geilsten halten und dann von oben herab Witze reißen.

»Wir haben uns eine Zeit lang sehr viel über Depressionen unterhalten«, sagt Palminger mit seiner unergründlichen Freundlichkeit. Er ist der einzige in der Runde, der von sich behauptet, meist mit guter Laune und Energie aufzuwachen. Die anderen beiden haben mit ihren dunklen Seiten zu kämpfen, Schamoni sogar mit handfesten Depressionen. Nicht nur deshalb ist das große Vorbild von Studio Braun der schmalschultrige Hamburger Maler und Satiriker Heino Jaeger, gestorben 1997, der zeitlebens ebenfalls von bösen Geistern heimgesucht wurde. Er wird von ihnen als Spiritus Rector verehrt, als Heiliger gesalbt, seinen Namen überreichen sie einem wie einen Schlüssel zu einer Schatzkammer »Unglaubliches Œuvre, unglaublicher Mensch«, sagt Palminger. So fingierte Jaeger schon in den Siebzigern absurde Telefongespräche. Er verzichtete auf Pointen, diesen billigen erlösenden Lachreiz am Ende, wie heute meist auch Studio Braun. Vor allem aber nahm er gnadenlos die grotesken Züge des deutschen Durchschnittspießers aufs Korn, mit einem Humor, der zum Lachen reizt und im nächsten Moment durch seine Boshaftigkeit verstört.

Und so tragen auch die Gags von Schamoni, Strunk und Palminger fast immer einen dunklen Kern in sich. Selbst Fraktus, diesen ziemlich komischen Film über eine verkrachte Legendenband, kann man auch als Geschichte gescheiterter Existenzen und Freundschaften sehen. Das neue Album Welcome To The Internet ist nun allerdings eine Nummer Chef-mäßiger geraten als sein Vorgänger. Dickie Schubert nennt sich jetzt glitzernd Dickie Starshine, und die Beats stammen vom Punktechno-Rabauken T.Raumschmiere – anstatt wie beim ersten Album vom verschmitzten Erobique. So werden Fraktus, die ursprünglich die Retromania aufs Korn genommen haben, gewissermaßen von einer Karikatur zu einer »richtigen« Band, die ernst genommen werden will. Nur: Geht das beides zusammen? Das neue Album ist auch ein Brückenpfeiler für ein Film-Sequel, das, so die Filmförderung will, ab 2017 gedreht werden könnte. Eine sehr gute Idee haben sie, sagen die drei.

»die chancen auf ein gemeinsames ende sind gross, weil wir ja keine erotischen verbindungen pflegen.« – heinz strunk 

HS: Es ist nicht so, wie einem viele erzählen, dass man nur das eine machen kann, lustig oder ernsthaft, um nicht die eigene Marke zu verwässern. Das alles interessiert mich, Helge Schneider und Louis de Funès genauso wie Imre Kertész oder Botho Strauß. Ich will das machen können, ohne als Hans Dampf in allen Gassen zu gelten.

RS: Es gibt für uns keine Notwendigkeit, das zu trennen. Aber man muss schon sagen, dass es gar nicht so viele gibt, die es so uneindeutig flirren lassen wie wir.

Sich nicht vereinnahmen zu lassen, das ist vielleicht besonders wichtig in der alten Pfeffersackstadt Hamburg, wo die Mischung aus Spektakelgesellschaft und Aufhübschung noch etwas gnadenloser zuzuschlagen scheint als andernorts. Wo sich Vorörtler am privatisierten Spielbudenplatz mit seinen variablen Bühnen tummeln, die angrenzende Reeperbahn zur abgesicherten Saufmeile ballermann’schen Zuschnitts auf- oder wahlweise abgewertet worden ist, und wo Musicals ringsum auf diejenigen warten, die sich zu Bier und Bratwurst noch etwas »Kultur« gönnen wollen. Zugleich machen sich an allen Ecken die üblichen deprimierenden Lofts und Lounges breit, vor allem natürlich im »HafenCity«-Ghetto mit dem milliardenteuren Luxusmenetekel Elbphilharmonie. Bei der selbsternannten »Elbphilharmonie der Herzen« dagegen, dem bescheidenen Häuschen des Golden Pudel Clubs, den Schamoni einst mitgegründet hat, steht nach langen Querelen bald eine Zwangsversteigerung an. Die jetzigen Betreiber wollen dafür kämpfen, dabei mitbieten zu können, wie auch immer, um den Club weiterzubetreiben, wenn 2024 der Pachtvertrag ausläuft.

Unabhängig davon denkt Schamoni schon seit längerem laut darüber nach, aus Hamburg wegzugehen. Oder auch den ganzen Kulturkrams langsam auslaufen zu lassen und dann nur noch Keramikfliesen zu produzieren. Kein Witz, er hat das mal gelernt, und er mag die Kontemplation von handwerklicher Arbeit abseits der Eitelkeiten des kräftezehrenden Kulturbetriebs. Er brennt nach eigener Aussage fast jeden Tag Fliesen und stattet gerade die Toiletten eines Restaurants damit aus. »Mich nervt die Inventarisierung von Betriebspersonal, ich will nicht die Marmorstatue auf dem Kamin des Hamburger Wohnzimmers werden«, sagt er, »ist aber vielleicht schon zu spät.«

Auch die anderen haben vermutlich Pläne, ihnen ist ja Bewegung ebenfalls lieber als Stillstand. Momentan aber hält die alte Ménage-à-trois noch. »Es ist noch ein lieber Wunsch, aber lass uns doch mal langsam in den Genussmodus kommen«, schlägt Palminger vor. »Ich sage immer, wie sind so etwas wie Lebensendpartner«, ergänzt Strunk: »Die Chancen auf ein gemeinsames Ende sind groß, weil wir ja keine erotischen Verbindungen pflegen.« Und Schamoni: »Was?!«

Dieser Text ist die Titelgeschichte aus SPEX N° 365. Das Heft ist weiterhin versandkostenfrei im SPEX-Shop erhältlich.

Studio Braun live
10.10. Berlin – Volksbühne

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