Ryan Adams soll über Jahre Frauen psychisch misshandelt und sexuell bedrängt haben. Möglich gemacht hat das die gesellschaftliche Obsession mit dem Bild vom toxischen, aber genialen Mann.

Gestern Abend bestätigte die New York Times in einer aufwändigen Recherche, was wir eigentlich schon seit Jahren wissen. Die Musikindustrie ist ein Sammelbecken für toxisches Mackertum. Im Zentrum des umfangreichen Textes steht der US-amerikanische Musiker Ryan Adams, bekannt für in Moll vertonten Herzschmerz, ein Taylor-Swift-Coveralbum und die Fähigkeit, schneller als andere Musik zu produzieren.

Über Jahre hinweg soll er Frauen innerhalb und außerhalb von Beziehungen psychisch misshandelt haben, schreibt die Times in Berufung auf gleich sieben verschiedene Frauen. Er soll außerdem seine Machtposition gegenüber jungen Musikerinnen sexuell ausgenutzt haben. Das ging soweit, dass einige von ihnen danach keine eigene Musik mehr schreiben konnten und wollten.

Sieben Frauen erheben schwere Vorwürfe gegen Ryan Adams (Foto: Universal Music).

Auch eine junge Bassistin, im Artikel bei ihrem zweiten Vornamen Ava genannt, gab ihre Karriere nach langjährigem Kontakt zu Adams auf. Die Minderjährige sah sich wiederholt sexuell aufgeladenen Nachrichten ausgesetzt – mehrmals sei Adams bei Gesprächen über Skype beispielsweise nackt gewesen oder habe ihr eindeutige Instruktionen gegeben, etwa, sich für ihn anzufassen.

Sicher, der Fall ist juristisch noch nicht final bewertet. Und wird es womöglich auch nie werden. Trotzdem könnte es kein besseres Beispiel geben als Adams, um aufzuzeigen, was in der Musikbranche so eklatant falsch läuft.

Man erinnere sich beispielsweise an die brillante Musikerin Phoebe Bridgers, aktuell Teil der weiblichen Rock-Supergroup Boygenius. Als Bridgers vor knapp zwei Jahren ihr starkes Debüt Stranger In The Alps veröffentlichte, wurde in jedem noch so oberflächlichen Artikel Wert darauf gelegt, sie als Adams’ Protegee vorzustellen – er habe sie entdeckt und durch seinen Genius groß gemacht. Nun berichtet Bridgers in der Times-Reportage davon, wie Adams sie zuerst umschwärmte und dann fallen ließ, nachdem sie eine kurze Affäre mit ihm wegen wiederholtem abusive behavior beendet hatte.

Call ‘em out!

Wie konnte Adams so lange mit diesem Verhalten durchkommen? „Weil 95% der Musikwelt aus mittelmäßigen Perverslingen wie ihm besteht, die wollen, dass alles genauso bleibt”, schreibt die Musikerin und Aktivistin Meredith Graves in einer Reaktion auf Twitter. Überspitzt formuliert, klar. Aber leider vollkommen richtig.

Denn die Musikwelt wurde nicht ohne Grund weniger stark von der aufrüttelnden Kraft der #MeToo-Bewegung erfasst als beispielsweise die Film- oder Comedybranche. Überall dort, wo Kreativität mit der Vorstellung des auteur als einsamer und alleiniger Erschaffer von Welten verknüpft wird – zum Beispiel auch in der Literatur –, grassiert eine irrationale Überhöhung männlicher Künstler zu vielleicht streitbaren, aber erhabenen Genies. Ryan Adams etwa galt mit seinen 16 Alben und sieben Grammy-Nominierungen als eine Art Wunderkind auf Lebenszeit. Eines mit Macken und einem Ruf als unausstehliches Arschloch vielleicht. Aber hey, eben auch ein veritabler hitmaker. Ein großer Geist, geplagt von Sucht und anderen psychischen Problemen. Toxisches und destruktives Verhalten, das man hinnehmen muss, weil es das Bild vom männlichen Genius unterfüttert und stützt.

Die Sicht auf Ryan Adams wird sich nun vielleicht ändern. Am dahinter liegenden Systemfehler ändert das jedoch nichts. Denn Adams ist keineswegs ein Einzelfall. Die gesamte Branche ist durchsetzt von Männern, die sich lustvoll im Geniekult suhlen – in der Gewissheit, dass die Öffentlichkeit ihre kleinen und großen Verfehlungen deckt. Weil sie dem Narrativ vom Genius weiter aufsitzt. Das muss endlich aufhören.

Wie? Indem die ganze Branche, aber auch jede_r Einzelne den männlichen Machtmissbrauch nicht mehr einfach unkommentiert hinnimmt. Denn Hand auf’s Herz: Jede_r, der oder die in der Musikbranche arbeitet oder auf irgendeine Weise mit ihr in Kontakt steht, wurde schon einmal Zeug_in von unangebrachten Kommentaren – oder schlimmerem.

Ob Promoter_in, Musiker_in, Journalist_in. Ob am männlich dominierten Kneipentresen, in Diskussionsrunden oder in Redaktionen. Nächstes Mal: Call ‘em out! Dann wird es auch in diesem alten boys club endlich ungemütlich für die selbsternannten Genies.