Stormzy „Gang Signs & Prayer“ / Review

Der Londoner Grime-MC Stormzy überrascht auf seinem Debütalbum mit  Eingängigkeit. Ihm nun Ausverkauf vorzuwerfen, griffe allerdings zu kurz.

„London ist tot“, konstatierte der Südlondoner Gespensterrapper Gaika vergangenen November im Gespräch mit SPEX. Und machte eine einfache Rechnung auf: Der Regierung, womit Gaika natürlich die konservativen Tories meint, sei großstädtische Subkultur ein Dorn im Auge. Sie stehe für sie im Grunde nur einer noch größeren Wertschöpfung in der ohnehin schon bis zur Verträglichkeitsgrenze kapitalistisch umgekrempelten Stadt im Weg. Deswegen habe man damit begonnen, Londons kreatives Potenzial systematisch auszutrocknen. Wichtige Clubs würden geschlossen, Underground-Radiosender kriminalisiert, künstlerische Angebote für Jugendliche aus den Problemvierteln heruntergefahren – und die weiterhin explodierenden Quadratmeterpreise in der Innenstadt besorgten den Rest: „Die Stadt stirbt und mit ihr Grime“, sagte Gaika. „Unsere Generation wird die letzte sein. Abgesehen von Stormzy natürlich.“

Tatsächlich ist der aktuell wohl größte Hype der Insel ein Grime-Künstler, der die archetypische Karriere eines Londoner Problemkinds hinter sich hat. Ein Produkt jener Biotope, die Gaika im Visier der Tories sieht. Stormzy, bürgerlich Michael Omari, wuchs in Thornton Heath im Londoner Süden zwischen Brixton und Croydon auf. Dort also, wo zumindest nach Darstellung hetzerischer Zeitungen wie der Daily Mail Kriminalität und knife-crime den Alltag bestimmen. Er begann mit elf Jahren mit dem Rappen, wurde  mehrmals von der Schule geschmissen, verdingte sich mit Drogengeschäften und Ganggeschichten und arbeitete mit 18 auf einer Ölplattform im Ärmelkanal.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. 2013, Stormzy schuftete damals noch auf der Plattform, gewann er den renommierten Music Of Black Origin-Award als bester Grime-Künstler, 2014 wiederholte er den Coup, 2015 kam noch der Preis für den besten Act dazu. Ende 2015 landete er mit seinem Diss-Epos „Shut Up“ in den Top 10 der britischen Charts. Klar: Da war jemand auf dem Weg nach ganz oben. Doch dazu musste ein Album her.

der größte Teil des Albums klingt wie Liebe, Herkunft und deren Schattenseiten heute eben klingen: Nach modernem, durchaus gut gemachtem R’n’B.

Die Arbeit daran offenbarte jedoch ein Dilemma. Wie kann ein junger Künstler, der mit 23 Thema von Schlagzeilen der britischen Regenbogenpresse ist (die Polizei hatte seine Wohnungstür im glattgebügelten Chelsea eingetreten, weil sie ihn für einen Einbrecher hielt) und in Kreisen des Londoner Geldadels feiert, glaubwürdig Musik machen, die im Kern ein Protest der Marginalisierten aus den faktisch sozial ausgegliederten Randbezirken ist? Gang Signs & Prayer macht sich die Antwort leicht: Indem es erst gar nicht versucht, den vermeintlichen Widerspruch aufzulösen.

Für sein Debüt hat sich Stormzy ein prominentes Paar Hände ins Studio geholt, mit Fraser T. Smith bewegte ein Grammy-Gewinner und Adele-Alumni die Regler. Das hört man: Für einen, der mit treffsicheren Disses und „Ich-bin-geiler-als-ihr“-Lyrik den Durchbruch schaffte, klingt Stromzy auf seinem Debüt ausgesprochen handzahm. Statt Lines wie „Ay rude boy / shut up!“, wie seinerzeit auf „Shut Up“, beschäftigt sich Stormzy heute verstärkt mit Themen wie Herkunft und der Liebe. Zwar finden sich mit Songs wie „Big For You Boot“ oder „Cold“ noch klassische Grime-Stapfer auf der Platte, doch der größte Teil des Albums klingt wie Liebe, Herkunft und deren Schattenseiten heute eben klingen: Nach modernem, durchaus gut gemachtem R’n’B.

Stormzy nun Ausverkauf vorzuwerfen, griffe allerdings zu kurz. Einerseits war der MC nie jemand, der seine Texte über Gangs und ihre AK-47-Ballermänner so bierernst meinte wie manche Kollegen. Andererseits steht ihm die neue Nachdenklichkeit verdammt gut zu Gesicht. Seine Reflektionen über die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn sich zwei Menschen lieben, versprühen den Charme einer radikalen Ehrlichkeit. Und dass man als Junge von der Straße nicht so einfach einer Person vertrauen kann, erklärt Stormzy auf Gang Signs & Prayer schlicht lebensnäher als das Gros seiner Crossover-R’n’B-Mitbewerber. Und die alte Leier mit der vermeintlichen Authentizität? „Love the hood / But that hood shit bugs me“, gibt er selbst auf „Don’t Cry For Me“ die Antwort.

Man kann die Sache natürlich auch anders sehen, aus dem Blickwinkel der Gaika-Dystopie. Eine Londoner hood rat kann heute eben nur noch Erfolg haben, wenn er sich dem Geschmack der Mehrheit anpasst und die rohe Energie der Straße durch die Geschichte eines Geläuterten ersetzt. Grundsätzlich hat Stormzy das mit seinem Debüt getan – und Gang Signs & Prayer liegt erwartungsgemäß auf direktem Presale-Kurs an die Spitze der Charts. Ist das ein Problem? Nein, denn die Platte erzählt von seinem persönlichen Ausweg. Und damit von derselben grauen Realität, wie sie auch einer wie Gaika zeichnet. London ist wohl tatsächlich tot – aber Stormzy lebt. Und mit ihm Grime.

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