Steve Jobs – Mac-Mini-Dramen / Filmfeature zum Kinostart

Ein Arschloch in drei Akten: Der Spielfilm Steve Jobs zeigt den Apple-Guru als Menschen, der vor allem durch Gefühlskälte, Berechnung und Größenwahn fasziniert. Noch beeindruckender als diese klassischen Tugenden sind nur das genial simple Drehbuch von Aaron Sorkin und ein unablässig quasselnder Michael Fassbender in der Hauptrolle.

Hat Bob Dylan seine Zuhörer gefragt, wie die zweite Zeile von »Blowin’ In The Wind« lauten sollte? Ließ Picasso das Publikum darüber abstimmen, welche Bilder er als nächstes malt? Mit solchen Fragen rechtfertigt Steve Jobs seine Vision des Macintosh gegen Kritiker, die mit dem argumentieren, »was der Kunde will«. Ein Computer sei doch kein Kunstwerk, entgegnet man ihm. Das aber ist die falsche Antwort. Denn Jobs verwechselt Computer nicht mit Kunst, sein Vergleich bezieht sich auf den Schöpfer.

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»Die größten Künstler wie Dylan, Picasso und Newton riskierten es zu scheitern. Wenn wir Großes leisten wollen, müssen wir etwas riskieren.« So lautet eines der berühmtesten Zitate des Apple-Gründers. Dass Drehbuchautor Aaron Sorkin es seinem von Michael Fassbender gespielten Filmhelden nicht plump in den Mund legt, sondern daraus einen Dialog baut, der Jobs in Frage stellt und gleichzeitig ein nicht unerhebliches Quäntchen Größenwahn sichtbar macht, ist bezeichnend für Sorkins Methode. Und diese bestimmt den Film weit mehr als die Regie von Danny Boyle.

Man beachte etwa, wie Sorkin aus dem Komplex von Kunst, Computer und dem Mann dahinter ein Motiv entwickelt, das an verschiedenen Stellen des Films auftaucht. Mehrfach geht es um das Titelbild des Time-Magazins vom Januar 1983, auf dem der Computer zum »Mann des Jahres« gekürt wurde. Jobs ist in Sorkins Filmversion überzeugt davon, dass man auf dem Titel sein Konterfei hätte sehen müssen, noch Jahre später ärgert er sich, dass es anders kam. Und dann weist ihn seine Mitarbeiterin Joanna Hoffman (Kate Winslet) darauf hin, dass der Mann, den man da auf dem Cover vor einem Computer sitzen sieht, eine Skulptur sei. Es ist ein im Wortsinn verräterisches Detail, nicht zuletzt weil der detailversessene Jobs kaum glauben kann, dass es ihm entgangen ist.

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Steve Jobs ist voller Indizien und Motive dieser Art. Spannend wie ein Krimi, aber auch ähnlich anstrengend: Der Film fordert dem Publikum über zwei Stunden volle Aufmerksamkeit ab. Und es wird in einem fort, unablässig, ununterbrochen geredet. Damit bricht Steve Jobs zumindest gefühlt den Weltrekord für die größte Wortanzahl, die je in einen Film gepackt wurde. Die Wirkung aber ist nicht, wie bei den meisten Vorträgen, einschläfernd, sondern im Gegenteil berauschend. Auch das geht aufs Konto von Drehbuchautor Sorkin, der nach Filmen wie The Social Network und Serien wie West Wing einmal mehr zeigt, wie cineastisch und sexy intelligentes Quasseln sein kann. Selbst, oder gerade wenn es den Zuschauer mit Tech-Gebrabbel überfordert.

Um all das geistreiche Gerede optimal zur Geltung zu bringen, hat Sorkin eine in ihrer Simplizität verblüffende Struktur erfunden. Der Film besteht aus drei Akten, die Steve Jobs zu unterschiedlichen Zeiten immer in der gleichen Situation zeigen: in den letzten Minuten vor einem product launch, also dem, was er später als »Apple keynote« zum weltweiten Event perfektioniert hat. Autor Sorkin und Regisseur Boyle greifen mit dieser Situation – hinter den Kulissen vor dem großen Auftritt – ein Standardelement des Biopic auf – und entlarven es in der dreifachen Wiederholung zugleich kühn als Mittel zum Zweck, als Bühne, auf der mit wenigen Verschiebungen große Effekte entfaltet werden können.

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Im Jahr 1984 sieht Jobs erfolgssicher der Präsentation des Macintosh entgegen, 1988 geht es um den Next Cube, den er nach seinem Rauswurf bei Apple entwickelte, und 1998 schließlich liegt der Triumph des iMac schon förmlich in der Luft. In allen drei Akten taucht in etwa dasselbe Personal auf: Joanna Hoffman als Organisatorin an Jobs’ Seite, Apple-Mitgründer Steve Wozniak, Macintosh-Entwickler Andy Hertzfeld und der ehemalige Apple-CEO John Sculley. Mit allen gibt es scharfe, oft feindselige Wortwechsel, wobei die Auseinandersetzung mit Jobs’ Exfreundin Chrisann Brennan (Katherine Waterston) um die gemeinsame Tochter Lisa den roten Faden bildet.

So prägnant sind diese Mindidramen geschrieben, dass man trotz Jobs’ Dominanz auch eine Menge von den Nebenfiguren begreift. Am eindrücklichsten davon ist vielleicht die Entwicklung von Wozniak, den Seth Rogen als gutmütigen Kumpel anlegt, der Jobs’ ungerechtfertigte Herablassung zu spüren bekommt, über die Jahre aber in menschlicher Größe darüber hinauswächst. Unangefochtenes Zentrum des Films ist aber Michael Fassbender in der Titelrolle. Gänzlich ohne Ticks oder Manierismen, weit weg von jeder Imitation verkörpert er das Faszinosum Jobs gerade deshalb so gut, weil er dessen Außenwirkung zu erzeugen weiß: Er fesselt die Aufmerksamkeit des Publikums mit einer Unbedingtheit, die wie gesagt etwas geradezu Anstrengendes hat.

Sorkins Drehbuch entlarvt mit Streitlust die schwierigen, arroganten, fordernden Seiten von Jobs, aber Fassbender verblendet sie mit dem nötigen Charisma. So bildet er in der Schauspielkunst das nach, was Steve Jobs mit Objekten wie dem Computer, dem MP3-Player und dem Mobiltelefon gelang.

Steve Jobs
USA 2015
Regie: Danny Boyle
Mit Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Katherine Waterston u. a.

Dieser Text ist wie viele weitere Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 365 erschienen. Zum Magazin geht es versandkostenfrei hier.

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