Review & Stream: Stephen Malkmus & The Jicks Wig Out At Jagbags

STEPHEN MALKMUS & THE JICKS
WIG OUT AT JAGBAGS
DOMINO / ROUGH TRADE 

Stephen Malkmus & The Jicks treiben mit Wig Out At Jagbags ihre Rock’n’Roll-Ironie auf die Spitze. Ab Mitternacht sofort haben wir das am Freitag erscheinende Album gemeinsam mit WiMP exklusiv vorab im Stream, zuvor stimmt die Rezension darauf ein.

Zu den tollsten Songs der Rock’n’Roll-Geschichte, die mit einem Gitarrensolo beginnen, gehören Neil Youngs »Cortez The Killer« und »I Bet You Look Good On The Dancefloor« von den Arctic Monkeys. Stephen Malkmus, immer zu haben für ein nonchalantes Jungsmusikklischee, setzt aber noch einen drauf: Sein neues Album Wig Out At Jagbags fängt mit dem Song »Planetary Motion« an, und der besteht, von kurzen Verschnaufpausen abgesehen, eigentlich nur aus Gitarrensolo. So was gibt natürlich eine Richtung vor. Diesmal führt sie Malkmus zur spielerischsten und ironischsten Platte seiner Post-Pavement-Karriere.

Das geht los beim Titel Wig Out At Jagbags, der, vermutlich zur Überraschung aller Beteiligten, noch nicht durch Guided By Voices besetzt war, und setzt sich fort in Songs, die 60 Jahre Rock’n’Roll als einzigen großen tongue-in-cheek-Moment zusammenfassen. Ein Stück namens »Chartjunk« spult vom Revue-Bläser-Aufmarsch über Conga-Percussion und dazwischengebrüllte Background-Vocals bis zum Metal-Tapping-Finale so viel Rock-Gedöns ab, dass Malkmus es eigentlich an der Côte d’Azur hätte aufnehmen müssen (tatsächlich hat er das in einem Landhaus in der Nähe von Amsterdam getan). Die Texte, von ihm selbst längst als »Platzhalter« bezeichnet, lösen sich für Wortwitz und oneliner bei jeder Gelegenheit von jedem denkbaren Zusammenhang. Sogar das Tracklisting dreht den Spieß um und hebt sich die besten Songs für das letzte Albumdrittel auf.

Malkmus kann das natürlich, die Eigenheiten anderer Genres adaptieren und als kleine Gemeinheiten neu verorten – der Pavement-Song »Fillmore Jive« ist immerhin so etwas wie der beste Powerballaden-Betriebsunfall der 90er-Jahre. Auf Wig Out At Jagbags steigert sich der inzwischen nach Portland zurückgekehrte Teilzeit-Berliner aber derart in dieses Spiel mit natürlichen und aufgezwungenen Lebensräumen hinein, dass kaum noch zu erkennen ist, was er nun fürs Herz meint und was fürs Zwerchfell. Oder ob da überhaupt unterschieden werden muss. Zur weiteren Verwirrung trägt eine Liste mit Inspirationsquellen bei, die Malkmus vorab veröffentlichte: Deutschland und da in erster Linie Köln stehen darauf, Can und Gas, Rosemarie Trockel, Jan Lankisch, Pete Townshend, Basketball, Aroma Charlottenburg und der hinterhältig furchteinflößende Begriff »Weezer/Chili Peppers«.

Mit viel Fantasie lässt sich manches davon in einzelnen Momenten der Platte wiedererkennen. Wichtiger aber für Wig Out: Wer mehr vorgibt, als er wirklich draufhat, hat sich schon wieder ein Rock’n’Roll-Klischee erfolgreich angeeignet.

Nachfolgend noch ein Teaser zum Album. Das Video zu »Cinnamon And Lesbians« gibt es hier zu sehen, in wenigen Wochen kommen Stephen Malkmus & The Jicks zudem auf Tour – präsentiert von SPEX.

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