Steirischer Herbst

The TheatreVielleicht machen Festivals auch einfach keinen Sinn, der außerhalb ihrer selbst läge, dachte ich und schlief ein. Wenige Stunden später, der Nachtzug hatte mich schon nach Linz gebracht und ich fuhr in einem dieser teppichbequemen Intercitys der ÖBB in Richtung Graz zum Steirischen Herbst, wedelten mir Bäume in Rot, Gelb, Grün und Braun aus den Tälern der Steiermark zu. Ich konnte noch nicht ahnen, dass sie damit etwas vorweg nahmen. Den Sinn des Steirischen Herbst im nullsiebener Jahrgang, Konfetti.

    Der Sinn eines Kulturfestivals liegt darin, es zu veranstalten, es ist also ein Sinn auf Seiten der Produzierenden. So mag das Grazer Publikum einen wie auch immer gearteteten Nutzen aus dem Steirischen Herbst ziehen, ebenso wie politisch Interessierte der Region. Denn Graz gilt als politisch stockkonservativ bis reaktionär, und so ist denn der Steirische Herbst vor vierzig Jahren aus etwas hervorgegangen, was sich als Gegenkultur verstand. Avantgarde, Progression, Reibungen verursachen, so guttural klingen die Selbstverständnis-Schlagworte der gründenden Generation.

Die Weltmaschine des Franz Gsellmann    Am Bahnhof holt mich Festival-Dramaturgin Kira Kirsch ab, setzt mich in einen Bus mit einem halbgenialen und einem verrückten Schweden, einer Tänzerin aus Australien und einem Festival-Chefdramaturgen, und zusammen fahren wir raus aus der Stadt. Das passt. Das erste, was ich von Graz sehe, ist das Umland; das erste, was ich vom Steirischen Herbst sehe, gehört überhaupt nicht zum Festival. Aber gewichtige Teile des Festivals machen einen Ausflug dorthin. Die Schweden und die Australierin übrigens sind International Festival. Sie begreifen Architektur als Performance und haben das Festivalzentrum des Steirischen Herbst 2007 gebaut. Ihr Schlagwort lautet »Confetti Urbanism«. Gemeinsam fahren wir zum entlegenen Hof auf dem Hügel. Wirtschaften laden zum Sturm, wie hier der Federweisser heißt. Als wir ankommen, bouncen wir bald begeistert. In einer alten Scheune begaffen wir die Weltmaschine des Franz Gsellmann. Bauer Gsellmann hat 30 Jahre lang an ihr gebaut, nachdem er auf der Expo 1958 das neu erbaute Atomium in Brüssel gesehen hatte. Die Weltmaschine mit dem Atomium in ihrem Innern, ihren vielfach komplizierten Mehrfachantriebsmechanismen, ihrer Produktion immensen Lärms, ihrer Krippe von Betlehem, ihrer zigtausend Einzelteilen aus Mechanik und Dekoration zeigt die Vorstellungswelt eines österreichischen Bauern in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts; sein Zweck lag in einer Art Bestätigen menschlichen Ingenieurleistungstums, das Gsellmann als Gabe Gottes empfand. Ihr Sinn aber lag im Erbauen der Maschine selbst.

    Erst gestern habe sich ein Journalist des ORF im Interview beklagt, dass es keine Skandale mehr gebe. Die Klage der Festivalleiterin Veronica Kaupp-Hasler fällt bei einem Schwatz im Büro des Steirischen Herbst. Der Skandal also ist es, der die Berichterstattung sinnvoll macht; der Skandal liefert Bilder und kann vor allem jene »großen« »Debatten« anstiften, von denen das Feuilleton so lebt. Veronica Kaupp-Hasler findet Skandale »retro«, wie sie in der Tageszeitung Die Presse so schön sagt. Sie muss das deshalb betonen, weil das ORF nicht als einziges Medium die großen Skandale vermisst (die Skandale hier aufzählen würde übrigens eher langweilen). Ich erlebe folglich an meinem Grazer Wochenende einen Ausschnitt aus einem post-heroischen Festival. Sehe die freie Gruppe Theater im Bahnhof ein abgeerntetes Maisfeld bespielen, und die Autos am Rande des Feldes fahren dann immer besonders langsam, wenn die Ober-Pornoqueen in »Zwischen Knochen und Raketen« zu einem ihrer drei Gatten geht und sich scheinbar ganz auszieht. Wenn das Maisfeld mal eine 70 000qm-Wohnung bedeutet, mal die postsowjetischen Republiken und mal die ganze Welt, dann erzählen Theater im Bahnhof mit diesem Gleiten der Bedeutungen ziemlich viel von heute.

Orthographe: Stuhl    Oder unten im Festivalzentrum The Theatre, erbaut von International Festival: Dort zeigt die italienische Gruppe Orthographe ein nur fünfzehnminütiges Stück über das Sehen. Das Publikum nimmt Platz inmitten einer Camera Obscura, und die erzeugt mit ihren so knappen Schärferäumen so unvertraute Bilder. So wird das Festival ohne Skandal zum Fest. Am Abend lege ich mit Kira zusammen im The Theatre auf, Mårten Spångberg und Tor Lindstrand aka die zwei Schweden von International Festival haben uns dazu eingeladen, unter ihrem konfettibedruckten Festivalzentrum die Party zu kicken. Und so werde auch ich Teil der Performance-Architektur von International Festival, zu der ansonsten noch Aktionen wie »Pimp My Shirt« oder Waffelbacken zählen.  Einen Abend später spielen Norman Palm und Florian Horwath. Hinterher: Postrockstarmäßiges Ablungern in diesem wunderbaren Raum wieder, dem The Theatre. Illusionslos auf meterlangen, dicken Stoffschlangen. Ich fühle mich wie Frank Castorf, Kira meint aber, in Graz müsse man alles mit Werner Schwab messen. Ein Fest!

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