Stars No One Is Lost

Hätte ein großes, glossy Discoalbum werden können: Stars lassen auf ihrem siebten Longplayer No One Is Lost Luft nach oben

Eigentlich wollten die kanadischen Stars mit ihrem siebten Album zeigen, wie gut es ihnen gerade geht, von einem »Zustand relativer Stabilität« zu Beginn der Aufnahmen war sogar die Rede. Doch dann kamen der Band um den hochemotionalen Torquil Campbell ein paar Dinge dazwischen – und geradezu unvermeidlich fächert auch No One Is Lost das ganz große Drama auf: Liebe, Tod, Vergänglichkeit, Verlust, Angst und Hoffnung. Andererseits: Stars sind nur mit voll aufgedrehtem Pathos richtig gut (Set Yourself On Fire), verlassen sie den Alles-oder-nichts-Modus, werden die Platten öde (The Five Ghosts).

Bedauerlicherweise schöpfen Stars die reizvollen Begleitumstände der Produktion von No One Is Lost nicht konsequent aus: Das Studio befand sich über dem Schwulenclub The Royal Phoenix in Montreal, Discobeats und tiefe Bässe wummerten durch den Boden der Aufnahmeräume und fanden auf quasi hypnagogische Weise Einzug in die Songs. Allerdings nur in ein paar (die dann auch richtig super sind). No One Is Lost hätte ein großes, glossy Discoalbum werden können, das Ausgehen, Tanzen und In-der-Musik-Verlorengehen als Heilmittel gegen den ganzen Scheiß des Alltags propagiert und zelebriert, mit Amy Millan als allwissender Queen. Das wollten Millan, Campbell, Evan Cranley, Chris Seligman und Pat McGee dann anscheinend doch nicht und ließen es mit ein paar Dance-Grooves, einem in den Opener gesampelten Whitney-Houston-Lachen und einigen Field Recordings aus dem Royal Phoenix gut sein.

Das ist schade, denn Zeilen wie »I don’t care if we never come back from the night« und die pulsierenden, triumphalen Songgroßtaten »From The Night«, »No One Is Lost« oder »This Is The Last Time« tanzen genau auf dem schmalen Grat zwischen Glamour und Tragik, der die eskapistische Vorfreude der Werktätigen aufs Wochenende (oder whatever gets you through the night) ausmacht. Diese Sehnsucht nach dem einen magischen Moment, der womöglich nie kommt und von dem trotzdem alles abhängt – Euphorie und Absturz, das perfekte Stars-Terrain.

Doch der Mittelteil des Albums ist zu schwächlich-säuselnd geraten, als dass von der Erlösungsverheißung der Disco mehr als eine Ahnung (durch die Clubdecke sozusagen) bleiben könnte. Mit »Trap Door« kommt zwar der Beat zurück, aber dank Torquils theatralischem Gesang lauert ein schmalziges Gespenst hinter der Spiegelsäule, das auch von einer Trompete nicht vertrieben werden kann. Singt Amy Millan allein (»Are You OK?«, »Turn It Up«), ist alles gut, aber mit ihren Songs ist man aus der Disco auch schon wieder draußen auf bewährtem Indiepop-Boden. Kleine Fußnote am Rande: The Royal Phoenix hat dichtgemacht, nachdem No One Is Lost im Kasten war.

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