Der Aufstieg Skywalkers dreht zurück, was Rian Johnson zuletzt erneuert hatte. Der Film ist ein einziges Mehr – und markiert damit die Marvelisierung des StarWars-Franchise. 

Der Krieg der Sterne endet dort, wo er begann: unter den Doppelsonnen der Wüste von Tatooine. Die letzte Schlacht ist geschlagen, die Bösen against all odds niedergerungen, als Rey, die nachnamenlose Heldin der jüngsten Star-Wars-Trilogie, in diesen so vertrauten Sonnenuntergang schaut. Ein paar Momente zuvor hat sie hier im Sand von Onkel Owens Farm die Vergangenheit vergraben. Die Wüste schluckt die Lichtschwerter von Luke Skywalker und seiner Zwillingsschwester Leia. Eben jene Wüste, in der 1977 alles seinen Anfang nahm.

Die kurzen Highs der Nostalgiebefriedigung: „Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers“ (Foto: Lucasfilm).

Aus diesem erzählerischen Urknall, der heute als Star Wars Episode IV: Eine neue Hoffnung bekannt ist, hat sich eine der größten pop-kulturellen Erzählungen aller Zeiten entwickelt. Ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft aus drei Filmtrilogien, Spin-off-Movies, animierten TV-Serien, Romanen, Comics, Actionfiguren, Kaugummisammelbildern und Bettwäsche, ein big business, das nie einen Hehl daraus gemacht hat, was eigentlich in seinem Zentrum steht: ein modernes Märchen, das mit den Stereotypen und dem moralischen Kompass eines Märchens arbeitet. 

Und genau das war schon immer gleichzeitig die größte Stärke der Star-Wars-Saga und ihre härteste Limitierung. Seit nunmehr drei Generationen (innerhalb und außerhalb der Story!) arbeitet sich Star Wars am großen Monomythos ab, an der einen vermeintlich universell menschlichen Geschichte vom Kampf der Finsternis gegen das Licht. Nun ist mit Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers der neunte und angeblich letzte Teil (sorry, aber darauf fallen wir nicht rein, Disney) dieser Geschichte erschienen. Aber wessen Geschichte wird hier eigentlich erzählt?

George Lucas’ Star Wars, die erste Filmtrilogie, der Klassiker, wurde in den Siebzigerjahren aus dem Rebellentum des New-Hollywood-Kinos geboren. Eine Zeit, in der alte Regeln gebrochen und neue geschaffen wurden. Eine Zeit, in der ein Außenseiter_innen wie Lucas, ein mäßig begabter Regisseur, aber großer Weltenerdenker und smarter Geschäftsmann, den Grundstein für eines der erfolgreichsten Franchises der Filmgeschichte legen konnte. Diese erste Trilogie erzählte vom aussichtslosen Kampf einer rebellischen Außenseiterbande gegen die faschistische Diktatur eines Imperiums. Vor allem anderen aber war Star Wars die Geschichte der Familie Skywalker, im epischen Maßstab einer griechischen Tragödie. 

Diesen Fokus verstärkte Lucas mit der Prequel-Trilogie, die 1999 mit Star Wars Episode I: Eine dunkle Bedrohung begann. Der Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrückung wurde zur Geschichte eines großspurigen Teenagers zwischen Liebeskummer und Gott-Komplex – angereichert mit allerlei esoterisch-religiösem Quatsch über Jedi und Sith, die helle und die dunkle Seite der Macht. Star Wars war endgültig zur galaktischen Seifenoper verkommen. Ein Klischeefest und Opfer seiner eigenen Limitierung.

Ein Bösewicht, den die Generation Instagram verdiente

Auch deshalb war Star Wars Episode VII: Das Erwachen der Macht im Jahr 2015 ein echter Befreiungsschlag. Lucas hatte seine Produktionsfirma Lucasfilm an Disney verkauft und die kreative Kontrolle über das Franchise abgegeben. Das ermöglichte Regisseur J. J. Abrams einen Neustart. Das Erwachen der Macht und noch deutlicher dessen Nachfolger Star Wars Episode VIII: Die letzten Jedi von Rian Johnson – holte die Geschichte in die Gegenwart, erschaffte sie neu für eine Welt, in der die alten Schwarz-Weiß-Narrative der Star-Wars-Saga unzeitgemäßer denn je wirkten.

Die Guten waren nicht mehr einfach nur gut, und die Bösen nicht mehr einfach nur böse. An die Stelle des edlen Halunken Han Solo trat Heißsporn Poe Dameron, den Die letzten Jedi gnadenlos in seiner toxischen Alleingängermännlichkeit auflaufen ließ. Und war die schwarze Gestalt von Darth Vader noch die Verkörperung des Urbösen, bekam die Generation Instagram mit Kylo Ren den Bösewicht, den sie verdiente: ein halbfertiger Schurke in the making, ein Selbstdarsteller, der in Erinnerung an Opa Vader eine Maske trägt, die er eigentlich nicht braucht.

Kein Film in der Saga brach so deutlich mit der klassischen Star-Wars-Formel – eine Familie, hin- und hergerissen zwischen der dunklen und der hellen Seite der Macht – wie Johnsons Die letzten Jedi. Jedi? Sith? Alter Hokuspokus. Die Skywalkers? Ok, Boomer. Die letzten Jedi drängte den Clan aus dem Zentrum der Geschichte und demokratisierte die Macht. Kein elitärer Kuttenclub mehr, keine royalen Blutlinien. Jahre lang hatten Fans gerätselt, in welchen Teil des Familienstammbaums sich Rey, die Hauptfigur und Hoffnungsträgerin der neuen Trilogie, einordnen lassen würde. War sie eine Skywalker? Eine Kenobi? Gar eine Palpatine? Johnson gab die Antwort, mit der keiner gerechnet hatte: Rey war ein nobody. Und die Fans hassten ihn.

Was uns nun endlich zurück zu Der Aufstieg Skywalkers führt, dem großen enttäuschenden Finale der Star-Wars-Saga. Regisseur Abrams, der nach dem Fan-Aufschrei um Die letzten Jedi wieder das Ruder übernommen hat, revidiert, was sein Kollege Johnson angelegt hat. Denn natürlich ist Rey in Wahrheit kein niemand, auch sie hat ihre Rolle im Familiendrama zu spielen. 

In Der Aufstieg Skywalkers dürfen alle noch einmal auftreten, die ganze bucklige Verwandtschaft. Auch die Toten. Han Solo, der Imperator, Anakin Skywalker. Es ist die Marvelisierung des Star-Wars-Franchise. Ein einziges Mehr von einem Film, selbst auf der klanglichen Ebene. Für die finale Schlacht macht Komponist John Williams seine ikonischen Bombastfanfaren aus den Eröffnungs-Credits noch einmal bombastischer.

In dieser Galaxie musst du eine Skywalker sein

Es ist ein wohlfeiler Kritiker_innen-Move, einen Film für das zu kritisieren, was er nicht ist. Bei einem Film aber wie Der Aufstieg Skywalkers, einem Film, der so unbedingt alles und auch wirklich alles sein will, ist er ausnahmsweise gerechtfertigt. Denn immer wenn die kurzen Highs der Nostalgiebefriedigung (Lando Calrissian ist zurück! Die Ewoks!) verflogen sind, wird deutlich, wie viele Chancen dieser Film vergibt.

Johnson hatte aus einem Familiendrama, das versuchte als Revolutionsgeschichte durchzugehen, die Geschichte einer Revolution gemacht, die aus dem ewigen Kreis aus Erbsünde und unausweichlichen Schicksalen ausbrach. Die letzten Jedi erzählte vom galaktischen Klassenkampf der 99% gegen die 1%.

Wenn nun am Schluss von Der Aufstieg Skywalkers die Verdammten und Geknechteten der Galaxie zur Rettung in der finalen Schlacht eilen, erinnert das noch ein wenig an Johnsons Vision vom Sternenkrieg der demokratischen Sozialist_innen. Es ist kaum mehr als eine Randnotiz. Der wahre Kampf spielt sich unten auf der Planetenoberfläche ab, zwischen Rey und ihrem Großvater.

Die letzten Jedi endete mit einem wundervoll empowernden Moment. Ein kleiner Sklavenjunge, ein Niemand in der gottverlassenen Einöde der Galaxie, lässt mit Hilfe der Macht einen Besen in seine Hand fliegen. Dann blickt er hinauf in die Sterne. Die Schlussszene von Der Aufstieg Skywalkers ist das Gegenteil. Nachdem Rey die Lichtschwerter von Luke und Leia vergraben hat, wird sie von einer alten Frau nach ihrem Namen gefragt: „Rey“, antwortet sie. Dann zögert sie kurz. „Rey Skywalker”. In dieser Galaxie musst du eine Skywalker sein, sonst bist du niemand.

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers
Regie: J. J. Abrams
Mit Daisy Ridley, Adam Driver, John Boyega, Oscar Isaac, u.a.
Startete am 19.12.