Stadion der Angst

Die Schicksale zweier Leistungssportler zwangen die breite Öffentlichkeit 2009 in überfällige Diskurse. Ralf Krämer über die Athleten Usain Bolt, Caster Semenya und Robert Enke.

Jahresrückblick 2009 Auto-Tune Klaus WalterAm 16. August übertraf Usain Bolt im 100-Meter-Lauf-Finale der Leichtathletik-WM in Berlin seine eigene Weltbestleistung um ganze elf Hundertstel. Er erreichte in nur 9,58 Sekunden das Ziel. Wie schon im Vorjahr, als der Jamaikaner bei der Olympiade in Peking siegte, sah sich Wolf Dieter Poschmann vorsorglich zu Argwohn veranlasst: »Da brodelt Adrenalin in den Adern – und wer weiß, was sonst noch alles«, sagte der ZDF-Reporter noch vor Startschuss. Die Zweifel an Bolts Leistung wurden inzwischen beseitigt. Wissenschaftler haben festgestellt, dass er »dank seines Wuchses« über eine besonders »effektive Hebelwirkung« (Zeit Online vom 19.11.09) verfüge und daher von der Natur begünstigt sei, wie etwa auch der Rekord-Schwimmer Michael Phelps durch seine großen Füsse.

    Man könnte also von Schicksalsdoping sprechen. Wie aber auch in solchen Fällen mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigte sich bei Caster Semenyas Sieg im 800-Meter-WMFinale der Frauen. »Goldmädchen oder Goldjunge?«, fragte das Heute-Journal, die Rheinische Post schrieb gar einen »Geschlechtsskandal« herbei. Dabei steckte der Skandal vielmehr im Umgang mit, und nicht in der Frage, ob die südafrikanische Sprinterin nun ein Mann oder zumindest intersexuell veranlagt sei. In Erinnerung bleibt eine öffentliche ›Aufklärungsarbeit‹, in der nicht Fakten, sondern Mutmaßungen im Mittelpunkt standen. Bar jeglicher Eindeutigkeit ließ der Internationale Leichtathletikverband Ende November seine angekündigte Entscheidung über eine mögliche Aberkennung der Goldmedaille denn auch verschieben. Woraufhin die Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU Berlin, Sabine Hark, anregte, das aus dem Golfsport bekannte Prinzip des Handicaps auf andere Sportarten auszuweiten, sprich: eine Art individuelle, aufrechenbare Leistungskennzahl einzuführen, die im fließenden Geschlechterkontinuum zwischen den Kategorien ›Mann‹ und ›Frau‹ Wettbewerbe auf Augenhöhe ermögliche.

    Dass man dem gesellschaftlichen Bewusstsein gerade beim Wandel zuschaut, diese Ahnung beschlich einen auch im tragischen Kontext der Gedenkfeier für den Fußballtorwart Robert Enke. Der unbedingte Wille zum Demutspathos ging während der Übertragung in der ARD eine bizarre Allianz mit dem dramatisierenden Live-Kommentar Reinhold Beckmanns ein. Dass der Suizid Enkes einen nationalen Therapiebedarf evozieren würde, deutete sich zunächst in der Andacht des Pfarrers Heinrich Plochg an: »Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge […] sind keine Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt.« Als der Hannover-96-Präsident Martin Kind später meinte, Enke habe »unsere Herze n« als »Leistungsträger« erobert, da erschien das Wort ›Leistungsträger‹ als Teil eines abgewirtschafteten Vokabulars zur Dekonstruktion freigegeben. Die Diagnose des Hanno ver schen Oberbürgermeisters Stephan Weil – »Wir haben alle Angst, keiner ist davon ausgenommen« – öffnete schließlich unter dem Applaus der 40.000 Stadionbesucher den Raum zu Joseph Beuys. »Zeige deine Wunde«, forderte der, als er 1980 von der »Krankheit der Gesellschaft« sprach, »weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.« Nicht vom Trauerflor verhangen waren allerdings die Werbebanner des Stadion-Sponsors, des selbsternannten »Finanzoptimierers« AWD: »Mehr Siege, mehr Sicherheit«.

 

Foto: © 2009 Markus Untergassmair

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