Review: Stabil Elite Douze Pouze

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Wenn man sich verliebt, ist es ja auch immer so: Man kann den blassen Teint, die filigranen Nasenflügel, den einen Schneidezahn mit der toll schiefen Unterseite, die Bergseeaugen aufzählen – es nützt nichts, denn die Faszination fängt man so nicht ein.

   Beim Düsseldorfer Elektronik-Trio Stabil Elite und seinem Debütalbum Douze Pouze kann man die aufreizende Mischung aus unterkühlter Intellektualität und Groove, aus Avantgarde-Détachement und Tanz, aus Geist und Körper anführen. Es ließen sich der akkurat prononcierte und ab und an in trotziges Skandieren kippende Gesang sowie die versponnenen Textgebilde zwischen Existenzialismus und Neo-Dada herausheben. Denkbar ist auch, von im flackernden Neonlicht Gummitwist tanzenden Räubern und Prinzen zu erzählen, sowie von grandiosen deutschen Minimal-Wave-Alben wie jenem, das Die Gesunden 1982 auf Klaus Schulzes Label Innovative Communication herausbrachten. Und unbedingt Erwähnung müsste auch ein Reiz der Monotonie finden, der jenem ähnelt, den die Düsseldorfer Band Neu! für hypnotische Tanzflächenzwecke ausbeutete.

   Aber wie bei der Beschreibung des geliebten Wesens nützt das wenig: Das Faszinosum Stabil Elite ist nicht nur größer als die Summe seiner einzelnen Teile, die Band ist zudem viel zu eigen, als dass sich ihr Schaffen aus den Einflüssen aus Krautrock und Art-Wave ableiten ließe. Dabei ist, wer einen Song Krautkamerad (auf der letztjährigen Gold-EP) nennt und einen angenehm arroganten retrofuturistischen Aufkleber mit der Aufschrift The Sound of Young Europe auf seinen Promo-CDs anbringt, selbst schuld, wenn er im Neokraut-Fach landet. Nicht, dass da irgendwie schlechte Luft wäre: Mit den sich immer weiter verdüsternden und argentoisierenden Kreidler oder den Spacepoppern Von Spar sind absolute Hochkaräter in diese Schublade geraten. Es ist nur so, dass ein solches Etikett auf die musikgeschichtsbewussten, aber nicht nostalgischen Stabil Elite schon jetzt weniger passt als zuvor. Denn eine knapp zehnminütige, mit Bongo-Sounds verfeinerte Mixtur aus proggig-kosmischem Freistil-Monsterjam und ekstatischem Tanzstück wie Krautkamerad ist auf Douze Pouze ebenso wenig zu finden wie die herrlichen Hippieflöten von Gold. Trotz der Gitarren und des teilweise eingesetzten echten Schlagzeugs ist das Album moderner und städtischer geworden.

   Geblieben sind die tollen Mini-Moog-Sounds und die vertrackt groovenden Percussions. Auch die Liebe zur antiken Mythologie wurde ausgebaut – nach König Midas (Gold) werden nun die an den Lebensfäden spinnenden Parzen mit ihren »verhältnismäßig schäbigen Scheren« (Endecomputer) thematisiert –, aber keine Angst vor Prätention: Die drei sind keine Deutsch-Leistungskurs-Gothics. Geblieben ist vor allem der Wille zu Stil, Haltung und Haargel, der nichts mit Schnöseltum zu tun hat, sondern in aller Ernsthaftigkeit um die Bedeutung der Pose im Pop weiß. Man möchte noch viele Platten von Stabil Elite hören.

Italic / RTD / Kompakt — 02.03.12
Eine Vinylausgabe des Albums, nachfolgend im Stream, erscheint demnächst bei Themes For Great Cities. 

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Video — Stabil Elite Expo

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