St. Vincent „Masseduction“ / Review / Berlin-Konzert Ende Oktober

Die Aufladung von Pop mit Autobiografischem scheint derzeit einen Nerv zu treffen. Masseduction entlarvt die Künstlerpersona als das, was sie im Blick der Öffentlichkeit immer ist und bleiben wird – als fake.

Das Gummi quietscht leise bei jeder Bewegung. Annie Clark sitzt auf einem Stuhl, gekleidet in ein semitransparentes Latextop und einen leuchtend pinken Rock aus dem gleichen anschmiegsamen Material. Hinter ihr ein green screen, sie hat die Beine übereinander geschlagen und lächelt eisig in die Kamera. Diese und ähnliche Szenen sind Teil eines Interview-Kits, das Clark zur Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums Masseduction (zu lesen nicht als Massenerziehung, sondern -verführung) auf Instagram veröffentlicht hat. Am Anfang jedes Clips erscheint eine Einblendung, wie zum Beispiel: „Insert question about the inspiration for the album“ oder „Insert question about how much of her work is autobiographical“. Dann antwortet Clark und schießt feinste Giftpfeile, frotzelt, stichelt, foppt. In einem der Videos erklärt sie, dass Masseduction ihr bislang persönlichstes Album sei – und dass es darauf um Liebe gehe, um sonst nichts.

Verletzlichkeit, serviert auf dem Silbertablett.

Die Performance ist ausgeklügelt: Während sich Clarks Darstellung als St. Vincent zunehmend verkünstelt, spielen sich die Songs auf Masseduction im Spannungsfeld einer neuen realness ab. Die drängende, superdichte Simultanität früherer Alben ist entzerrt. Die Vorherrschaft der Gitarre weicht klassischen Klavierballaden und lasziv wummernden Up-Beat-Nummern. Und darunter: Eingängige, aber fulminante Pop-Kleinode von erstaunlicher Intensität. In „Smoking Section“, dem letzten Lied des Albums, haucht Clark zu zartem Piano und langsam perlenden Drums morbide Selbstmordphantasien, ihre Stimme bricht im Refrain, das ist Verletzlichkeit, serviert auf dem Silbertablett.

Die Aufladung von Pop mit Autobiografischem scheint derzeit einen Nerv zu treffen. Masseduction ist jedoch das Gegenteil von Alben wie Beyoncés Lemonade, die eine Autobiografisierung als hyperindividualisierte Narrative ausschlachten, um die Sehnsucht einer reizmüden Masse nach so etwas wie Authentizität zu befriedigen. Clark polt die Inszenierung um, vertauscht die Vorzeichen. Sie entlarvt die Künstlerpersona als das, was sie im Blick der Öffentlichkeit immer ist und bleiben wird – als fake. Daher ist es völlig egal, ob die atmosphärische Intimität auf Masseduction echt ist oder nicht, sie fühlt sich echt an. „And then I think / What could be better than love? / It’s not the end“, heißt es im letzten Refrain der Platte, die behauptet, nur eine Verführung, keine Erziehung der Massen zu sein. Natürlich wird sie doch zur Lektion. Wir lernen: Glaube nichts, was du auf einem Bildschirm siehst.

St. Vincent live
26.10. Berlin – Huxleys neue Welt

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.