R. Kelly, done! Spotify und die Moral

Musikvideostill "Step In The Name Of Love"

Mit einer neuen Richtlinie hat der Streaminganbieter Spotify den US-Musiker R. Kelly vor ein paar Wochen aus den Playlisten verbannt – und damit ein Exempel in der Sexismusdebatte statuiert. Gedanken zu Subjektivität, der Marktmacht von Spotify und der von Kendrick Lamar.

Kinderpornographie, sexueller Missbrauch, Sexkult, die Liste ist lang – vor allem aber nicht neu. Der US-Schmusesänger, Produzent und Schauspieler R. Kelly, um den sich seit Jahrzehnten wiederholt Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs ansammelten, ist nun einer der ersten Künstler, bei dem eine neue Richtlinie des Streaminganbieters Spotify seit Anfang Mai greift. Diese behält sich vor, Künstler, die besonders hasserfüllte, schädliche oder gewalttätige Inhalte verbreiten, über ihre Musik oder als Person, mindestens aus den Algorithmen und Playlists des Portals auszuschließen und im Einzelfall sogar ganz von der Plattform zu nehmen.

R. Kelly traf nun ersteres, sein Management schreit auf. Zu Unrecht werde der 51-Jährige von dieser Richtlinie beeinträchtigt, schließlich gebe es bislang kein gerichtliches Urteil, das die Vorwürfe rechtmäßig bestätige, und überhaupt: Was denn eigentlich mit all den anderen Künstlern sei, denen Ähnliches vorgeworfen werde, die aber nicht von der neuen Regelung betroffen seien.

Wir erinnern uns: Angefangen hat es schon in den Neunzigern mit einer angeblichen kurzen annullierten Ehe mit R’n’B-Sängerin Aaliyah, als diese erst 15 war. Anfang der Nullerjahre folgten Vorwürfe und Kelly wurde mehrmals wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und der Erstellung von Kinderpornografie verhaftet. Sechs Jahre später wurde er jedoch freigesprochen. Seitdem erheben immer wieder Frauen ihre Stimme, die die Vorwürfe gegen die R’n’B-Künstler verschärfen, ein Buzzfeed-Artikel aus dem vergangenen Jahr brachte den Stein wieder ins Rollen. Zuletzt beschuldigte ihn eine Frau des sexuellen Missbrauchs und wissentlichen Ansteckens mit Genitalherpes. Nun klagt sie gegen ihn.

Das kuratierte Angebot des Streamingportals gibt es seit Kurzem ohne R. Kelly. Der Spotifykosmos solle somit nachhaltig verändert werden.

Die Folge: eine Kampagne. #MuteRKelly, initiiert von Vertreterinnen der Time’s-Up-Bewegung, die sich im Zuge der #MeToo-Debatte formierte. Die Forderungen richten sich an alle möglichen Partner R. Kellys in der Musikindustrie. Gemeint sind RCA Records gleichermaßen wie Ticketmaster oder Spotify. Sie sollen klare Kante zeigen und die Zusammenarbeit mit dem Sänger beenden. Einige wenige Kooperationen wurden schon ad acta gelegt, eine Pressesprecherin etwa trennte sich von ihm, auch einige Konzerte wurden in der Vergangenheit abgesagt.

Mit dem neuen Verhaltenskodex reagiert Spotify auf die Debatte. Die redaktionell erstellten Playlists und Algorithmen sollen von nun an die von Spotify vertretenen Werte spiegeln, frei von Hass, Gewalt und Vorurteilen sein. Deshalb gibt es das kuratierte Angebot des Streamingportals seit Kurzem ohne R. Kelly. Der Spotifykosmos solle somit nachhaltig verändert werden. Dass das seine Zeit brauche und auch Spotify in diesem breiten Feld womöglich nicht immer sofort das Richtige tun könne, räumt die Plattform in vorauseilendem Gehorsam ein. Aber man arbeite natürlich daran. Mit NGOs, vielen NGOs, mit der Musikindustrie, mit einem neuen internen Monitoring-Tool namens Spotify AudioWatch, nicht zuletzt auch mit dem Feedback der User selbst. Sagt man.

Zensieren wolle man nicht, und von Zensur im klassischen Sinne kann auch nicht die Rede sein, denn der Zugriff auf die Musik von R. Kelly ist weiterhin möglichen – wenn auch mit etwas aktiverem Zutun als zuvor. Zensur ist es allein deshalb nicht, weil es leider schon viel zu spät dafür ist, „I believe I can fly“ aus dem Popgedächtnis zu jagen. Und doch dürfen die Filterfunktionen von Spotifys Algorithmen nicht allzu sehr unterschätzt werden: Den Majorlabels werden förmlich Erfolgsprognosen abgegeben, der nächste Hit gleich mit satten 30 Sekunden Songdramaturgie vorgeformt und das Konsumverhalten etlicher User obendrauf noch mitgeliefert. Playlists wie die von Spotify bilden mittlerweile ein festes Glied in der Verwertungskette großer Firmen. Von seiner Marktkonformität will Spotify vorerst aber nichts mehr wissen. Aus der breit gefächerten Plattform wird jetzt bewusste Kuration, der inhaltliche Eingriff wird zur moralischen Auslese. Mit seinem conscious image interveniert Spotify in einen Diskurs, der weit mehr als nur Algorithmen und benutzerdefinierte Playlists umfasst.

15 KOMMENTARE

  1. Sportify macht es richtig! In Deutschland fehlen die harten Strafen!
    USA und ihre Waffen – Deutschland hat ihre Kinderpornografien!

  2. Ich hätte ein wenig Respekt von Spotify, wenn die Künstler besser bezahlt werden würden, aber, was ein Künstler über Spotify bekommt ist einfach lächerlich. Daher gebe ich nichts auf deren ach so schöne Imagepflege.

    • Mimimimi. „Weltstars“ wie R. Kelly verdienen eine Menge Schotter über Spotify und außerdem erhalten sie eine große Platform um sich promoten. Warum würde sich sein Management sonst so aufregen?

    • Naja so wenig ist das garnicht was die Künstler bekommen. Pi mal Daumen bekommt man bei Spotify pro 1 Millionen Klicks 3 Tausend €. Selbst in Deutschland ist es nicht unüblich das Künstler weit mehr als 20 Millionen Klicks haben, teilweise sogar über 100. Das Problem liegt eher, dass die Künstler Knebel Verträge bei den Majors abschließen und von der Kohle nur ein Bruchteil sehen aber das ist ja deren Problem.

  3. Es gab und gibt viele Künstler, die sich menschlich falsch verhalten und gegen das Gesetz verstoßen. Soll jeder dieser Künstler zensiert werden? Wer entscheidet das? Ein Konzern, der weder die Kompetenz, noch das aufrichtige Interesse daran hat, das objektiv und konsequent durchzusetzen? Und wo zieht man die Grenze? Darf Kabel1 noch die Cosby-Show wiederholen und darf Vox American Beauty zeigen, mit Kevin Spacey in der Hauptrolle? Was ist mit Marlon Brando im letzten Tango von Paris?
    Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, den jeweiligen Menschen zu bestrafen, wenn er gegen geltendes Recht verstoßen hat. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, sich mit ihm und seinen Werken kritisch auseinander zu setzen. Aber es sollte den Konsumenten überlassen werden, ob sie seine Musik, seine Filme, oder seine Bücher weiter hören, sehen, oder lesen möchten. Wir sind mündige Bürger und sollten uns unser kritisches Denkvermögen bewahren.
    Ach, und by the way – Es liegt nicht mal unbedingt an Spotify, dass Künstler so wenig Geld sehen (https://www.techbook.de/entertainment/sound/so-wenig-verdienen-musiker-auf-spotify) und Kinderpornografie gibt es auch in den Staaten.

  4. „Sportify macht es richtig! In Deutschland fehlen die harten Strafen!
    USA und ihre Waffen – Deutschland hat ihre Kinderpornografien!“

    Spotify macht es absolut falsch, es gibt kein Urteil gegen R. Kelly. Was Spotify da macht könnte man schon als Willkür bezeichnen.

  5. Der Konflikt zwischen normativen und wirtschaftlichen Zielen wurde in diesem Artikel am Beispiel Spotify gut wieder gegeben und steht stellvertretend für alle online Angebote mit signifikanter Marktmacht (sprich: Monopol). Facebook und Twitter sehen sich mit den gleichen Problemen konfrontiert. Unternehmen entscheiden darüber was wir auf Facebook sehen, auf Twitter lesen und auf Spotify hören. Willentlich oder nicht, nehmen diese dabei Einfluss auf das Meinungsbild der Gesellschaft. Im Falle von Twitter und Facebook wurden damit sogar Wahlen beeinflusst.

    Moralische (und letztlich rechtliche) Bewertung darf und kann nicht in den Händen von wirtschaftlichen Unternehmen liegen. Dieses Phänomen ist das Resultat aus dem versagen der Politik, entscheidene Schritte zum Schutz der Meinungsfreiheit auf der einen Seite einzuleiten und zur strafrechtlichen Verfolgung von Missbräuchen auf der anderen Seite.

    Ob es sich bei dem vorliegenden Fall nun um eine plumpe Aktion handelt mit dem Ziel aus der MeToo Kampange Profit zu schlagen, oder ob Spotify versucht die regulatorische Lücke aus Sorge vor Rechtsunsicherheit zu füllen ist ungewiss.

    In Deutschland (bzw. auf EU Ebene) bedarf es einer Institution auf Gerichtsebene, die sich ausschließlich mit diesen Fragen befasst.

  6. Ich möchte wirklich keine Party ergreifen ich finde Sexualdelikte eine Form der schlimmsten Verbrechen aber schleichend setzten uns über den Vorsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ hinweg. Ich finde es diktatorisch und mehr als undemokratisch wenn sich Anbieter solch ein recht aufladen.

  7. Wenn Spotify konsequent wäre, würde auf RapCaviar gähnende Leere herrschen. So ist es scheinheilig, denn so gut wie alle Rap-Größen haben Dreck am Stecken (Jay-Z, 50 Cent, Lil Wayne, Snoop Dogg, etc.).

  8. Solange der Künstler das Copyright hat, ist er doch nicht gezwungen, seine Musik über Spotify oder sonstige Platformen anzubieten.

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