Sportlehrer und Achtsamkeit – Nos Primavera in Porto / Rückblende

Justice

Mit dieser Haltlosigkeit haben alle Besucher jenseits der ersten drei Reihen ziemlich zu kämpfen – sie scheinen einfach nur tanzen zu wollen. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Anspruch erzeugt die dem Festival eigene Spannung. Unbeirrt buchen die Veranstalter zahllose Künstler, mit denen das Publikum noch fremdelt. Dazu gehören etwa US-amerikanische Songwriterinnen wie Weyes Blood, Nikki Lane, Angel Olsen oder Julian Baker, die mit ihrem mehr oder weniger großen Interesse an klassischem Country europäische Ohren zunächst irritieren. Wo Weyes Blood sich an der gefälligen Popmusik der späten Sechziger und der Siebziger orientiert, ist Olsen auf Drastik aus. Sie verbindet die persönlichen, düsteren Geschichten des Country mit der Distanz und Weltverachtung des Punk, und entwickelt dabei einen überraschend tiefgreifenden, existenziellen Ernst. Nicht weniger faszinierend ist Julien Baker. Alleine mit ihrer Gitarre auf der Bühne stehend treibt sie diese Selbstentblößung noch weiter. Es scheint keine Distanz zwischen ihr und ihren Liedern, zwischen den dort erzählten Situationen und dem Hier und Jetzt zu geben. „Wish I could write songs about anything other than death“, singt sie in “Sprained Ankle”.

Leider erlebt kaum jemand diesen einzigartigen Auftritt von Baker. Denn sie hat das unglückliche Los gezogen, gleichzeitig mit Bon Iver aufzutreten. Er sorgt mit 30.000 Besuchern für den einzigen ausverkauften Abend des Festivals. Und jeder auf dem Gelände ihm zuzuhören zu wollen, er hat die Menschenmasse ganz und gar im Griff. Er tritt mit einer großen Band mit zwei Drummern und Bläsern auf, seine Musik entfaltet sich auf nicht zu antizipierende Weise, egal, ob es sich um den entrückten Folk seines Debüts handelt, oder um die komplexen Arrangements seines zweiten Albums und die Autotune-Stücke von „22, A Million“. „Sind das die Swans?“, fragt Vernon zwischen zwei Songs, als aus der Ferne  Gitarren herüber wehen. „I wonder what chords he plays“, sagt er und klimpert dieselben Töne auf seiner Gitarre.

Insomnia-Ambient und unberechenbare Breakbeats

Dann ist Nicolas Jaar an der Reihe. Er versteckt sich erst hinter Nebelschwaden und theatralischen Leuchtstäben und hat keine Angst vor dem Unfertigen. Mit gluckernden Modular-Synthesizer-Geräuschen baut er sein Set vom Nullpunkt her auf. Von überall her kommen Geräusche, man meint, sich in einem Urwald zu befinden. Das Publikum muss sich in Geduld üben, erst nach zwanzig Minuten setzt ein Groove ein, das Mikrofon nimmt Jaar erst nach einer halben Stunde in die Hand. Irgendwann wird seine Silhouette im Nebel erkennbar, konzentriert beugt er sich über einen kleinen Synthesizer. Langsam verdichten sich die flirrenden, wabernden Klänge zu Musik. Sein Ansatz erinnert an Neunziger-Jahre-Acts wie The Orb oder Orbital, die in der letzten Zeit in diversen Kontexten auftauchen. Für das Publikum ist das dennoch eine Herausforderung und viele haben schon die Segel gestrichen, als Jaar am Ende seine Gassenhauer „Space Is Only Noise“ und „The Governor“ in das Effektgerät singt. Auszusetzen gibt es an diesem Set, in dem Jaar seine Leidenschaft auslebt, aber ebenso sehr die Herausforderung sucht, nichts.

Aphex Twin

Die Enttäuschung des Festivals hingegen ist Aphex Twin, der Headliner des dritten Tags. Wie kein anderer verkörpert Aphex Twin den Aufbruch der elektronischen Musik der Neunziger, wie keinem anderen ist es ihm gelungen, einen Dialog zwischen den anonymen, elektronischen Klängen und seinem persönlichen Thema der Identität herzustellen. Seine Mutter nannte ihn Richard und gab ihm damit den Namen seines älteren Bruders, der bei seiner Geburt gestorben war. Bis heute verfolgen ihn deshalb Schuldgefühle.

Die Fans des Musikers sehen ein wenig lichtscheu und bleich aus. Geduldig warten sie vor der Bühne, die mit schwarzen Rechtecken ausgestattet ist. Bässe beginnen zu rumoren und wenig später sind Klonks, Aphex Twins ausgehölte, metallische, ungelenke signature sounds zu hören. Das Gesicht des Meisters bekommet man nicht zu sehen, allein der obere Teil seines Haarschopfes ragt über einem schwarzen Rechteck hervor. Die Rechtecke entpuppen sich als LCD Screens. Sie haben weiße Rahmen, sie sind unterschiedlich groß, zeigen aber alle dasselbe. So wirken sie wie der Stand eines Straßenmalers, der immer wieder dieselbe Sehenswürdigkeit malt.

Flying Lotus

Formloses Gekrakel formt sich zu Graffiti und Aphex Twin tritt eine rasante Reise durch seine Geschichte an. Er spielt driftenden Insomnia-Ambient und sich überschlagende, unberechenbare Breakbeats. Die Stücke sind kurz, mit jedem scheint er zeigen zu wollen, dass er dem konventionellen Techno mit seiner geraden Bassdrum immer einen Schritt voraus ist. Dabei ist natürlich einzigartig, was er an Klängen und Ideen am Start hat. Und natürlich steht kein Act so wie er für den Anspruch der elektronischen Musik der Neunziger, nicht zur Ware zu werden. Aber hier frisst die Revolution ihre Kinder. Der ständige Zwang, alle anderen und sich selbst überbieten zu müssen, bewirkt, dass sich kein Spannungsbogen entwickeln kann. Das gilt für fast jedes Element, etwa für die sich verhakenden Grooves, die keinen Ruhepol in der Wiederholung finden dürfen. Aphex Twin ist besessen von Ungleichzeitigkeiten, mal hat der Groove zu viel Druck, mal klingt er abgehackt oder lässt Klänge unbeteiligt umher wabern.

Bei Aphex Twin frisst die revolution ihre kinder

Helfer filmen das Publikum, das dann auch zur Fratze verfremdet auf den Monitoren erscheint. Eine interessante Idee, die aber kaum Atmosphäre erzeugt. Das Set klingt wie ein allein aus einigen Stücken zusammen gemixtes DJ-Set, das zu keinem Zeitpunkt die innere Dynamik und die Konsistenz eines Konzerts entwickelt. Was bei Aphex Twin nicht funktioniert, macht Richie Hawtin bei seinem neuen Projekt Close richtig. Er steht zwischen einer DJ- und einer Synthesizer-Konsole, die er abwechselnd bedient. Statt auf Geheimniskrämerei und Mysterium setzt Hawtin hingegen auf Transparenz. Auf den Screens sind seine Hände zu sehen, die die Geräte bedienen. Ein nonchalanter und doch unwiderstehlicher Techno-Groove läuft durch, während der Synthesizer Raum für Experimente gewährt. Dieses Konzept ist ein no brainer für das tanzfreudige Publikum und doch kann Hawtin sich selbst überraschen. Andere Musiker scheitern an ihrer Unsicherheit oder ihnen fehlt wie Aphex Twin ein klare, nachvollziehbare Idee. Unter Musikfans gilt der Festivalbetrieb oft als oberflächlich. Ohne eine starke Persönlichkeit kann man dort aber kaum überleben.

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