SPK Komplex – Filmfeature zum Kinostart

Lutz Taufer – erst SPK, dann RAF

SPK – das steht für Sozialistischen Patientenkollektiv, einen revolutionären Begriff von Krankheit und die Anfänge des deutschen Herbsts. Ein neuer Dokumentarfilm (mit ohne Bindestrich im Titel) zeigt jetzt die Geschichte der polit-medizinischen Gruppe und illustriert damit Auseinandersetzungen der frühen Siebziger und die Biografien von Menschen, die sich zunehmend radikalisierten.

Wolfgang Huber war Assistenzarzt an der Poliklinik der Universität Heidelberg. Dann stellte er mit dem Sozialistischen Patientenkollektiv die Hierarchien der Klinik auf den Kopf. 1970 begann das gruppentherapeutische Experiment mit Psychiatriepatienten, in dem nicht mehr von oben nach unten therapiert, sondern selbstorganisiert gearbeitet wurde. Gemeinsam las man Hegel, Marx und Spinoza.

Die antipsychiatrische Gruppe, der Gerd Kroske nun einen Dokumentarfilm gewidmet hat, nahm die Praxis vorweg, dass Laien Patienten betreuen und Patienten in Wohngruppen leben. Die Gruppe beschäftigte sich mit der Nazivergangenheit der deutschen Medizin. Vor allem aber entwickelte das SPK einen revolutionären Begriff von Krankheit, den es in griffigen Slogans auf den Punkt brachte. „Das System hat uns krank gemacht; geben wir dem kranken System den Todesstoß.“ „Aus der Krankheit eine Waffe machen.“

In Hohenasperg

Das Krankenhaus beschrieb Huber als Fabrik: Der Kranke muss seine Produkte – Stuhl, Nierensteine, Kopfschmerzen – abgeben, die dann in Arztrechnungen, Labor- und Verwaltungskosten umgewandelt werden. Dieser radikale Ansatz machte das SPK so bekannt, dass sich später eine Band nach ihm benannte: Die Industrialcombo SPK, die mit „Metal Dance“ einen Underground-Hit schrieb.

Gerd Kroske lässt ehemalige Mitglieder des SPK, Anwälte, Journalisten und Polizisten erzählen, ohne sie durch Einblendungen vorzustellen, was das Gesprochene, die Mimik und Gestik der Erzählenden deutlicher hervortreten lässt. Kroske arbeitet mit Tonaufnahmen, zeigt Fotografien und filmt die Flure von Institutionen. In dem hervorragenden Film lässt sich viel über die Auseinandersetzungen der frühen Siebziger und die Biografien von Menschen lernen, die mit der Gesellschaft in Widerspruch gerieten. Einige SPKler schlossen sich später der RAF an. Die RAF-Fahndungsfotos der Polizei wurden fast alle mit Teleobjektiv vor der Tür des SPK geschossen.

SPK Komplex
Deutschland 2018
Regie: Gerd Kroske

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 380 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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