SPEX No. 382: Nile Rodgers – Knietief in Disco

SPEX No. 382, die September/Oktober-Ausgabe 2018 – inklusive der SPEX-CD 145 mit zwölf Titeln –, ist ab sofort im SPEX-Shop erhältlich und ab Donnerstag, dem 23. August 2018, im Zeitschriftenhandel. Hier finden sich die aktuellen Aboprämien. Weitere Informationen, Ergänzungen sowie ausgewählte Texte folgen in Kürze auf spex.de.

TITEL
NILE RODGERS: „Die Performance ist heilig“
Text – Arno Raffeiner
Fotografie – Serena Becker

Seine Gitarre reist immer Businessclass. Nicht ohne Grund: Mit ihrem funky Sound hat Nile Rodgers die Pop-Musik bis in alle Ewigkeit geprägt. Seit 2012 ein Anruf von Daft Punk kam, ist der bald 66-Jährige wieder gut unterwegs. „Get Lucky“ reihte sich ein in Rodgers’ imposante Hitliste: „Like A Virgin“, „Let’s Dance“, „Upside Down“, „We Are Family“, „Le Freak“, „Good Times“. Letztere sollen wieder anbrechen, wenn Rodgers nun mit seiner Band Chic nach langer Pause ein neues Album veröffentlicht. In den Londoner Abbey Road Studios schwärmt er von der einenden Kraft der Tanzmusik. Und von seiner Mission: alle Welt glücklich machen.

MUSIK

HOLGER CZUKAY: „Ohne Kunstvertrauen läuft gar nichts“
Text – Hendrik Otremba
Fotografie – Axel Hoedt
Gitarrist, Bassist, Sampler, Animateur, Hilfsmotor, Streichespieler und Mann am Zauberkasten: Holger Czukay hat im Laufe seiner 60-jährigen Karriere viele Rollen gespielt. Im März erschien zum 80. Geburtstag des Rheinländers die Werkschau Cinema, kompiliert von SPEX-Autor Hendrik Otremba. Als sich Czukay und Otremba im vergangenen Sommer zum Gespräch trafen, ahnte noch niemand, dass es das letzte Interview des Mitbegründers von Can werden sollte. Am 5. September 2017 ist Holger Czukay gestorben.

IDLES: Ein letztes Nickerchen unter dem Blutfleck
Text – Coco Brandl
Fotografie – John Ross
Entrüstung ist ein Privileg, das man gefälligst zum Guten nutzt. Deshalb transportieren Idles auf ihrer Rüpeltour durch Angst, Hoffnung und Chaos ganz viel Liebe in die hässlichsten Ecken der Welt – man weiß ja nie, wo sie gebraucht wird. SPEX begleitete die Band zwei Tage durch Serbien und stellte mit ihr fest: Punk ist kein Sandstrandausflug zur Donau, sondern das gute Gefühl, überhaupt noch aufstehen und sich beschweren zu können.

MITSKI: Uns bleibt nur die Einsamkeit
Text – Steffen Kolberg
Fotografie – Serena Becker
Mitski blickt sich um und sieht Genies. Männer, die ihren Vorstellungen von der eigenen Schaffenskraft folgen. Kunstcowboys, die sie locker in die Tasche stecken könnte. Also heißt es auf dem vierten Album der Wahl-New-Yorkerin: Be The Cowboy. In spektakulären Kitschsongs streitet sie für ein erwachsenes Verständnis von weiblicher Rock-Musik. Und erkennt zugleich, dass Erwachsensein auch nur die nächste Mogelpackung nach der Pubertät ist.

SOPHIE: Jedes Gesicht ist ein Schaufenster
Text – Kristina Kaufmann
Collage – Richard Savini
Sophie hat den Pop der Zukunft im Sinn – und die Welt spekuliert darüber, wie die schottische Produzentin wohl aussieht. Nach Jahren der Verschleierung von Identität und Erscheinungsbild zeigt Sophie nun im Video zu ihrem Song „It’s Okay To Cry“ erstmals ihr Gesicht. Wäre das also geklärt. Ihr Debütalbum Oil Of Every Pearl’s Un-Insides widmet sich Technologie, body enhancement, radikaler Selbstakzeptanz und anderen Themen der Stunde.

POP IN ABIDJAN: Geradeaus liegt die Zukunft
Text – Florian Sievers
Zeichnungen – Patrick Klose
Hinsehen und Maul aufmachen oder wegschauen und Spaß haben? Zwei gegensätzliche und doch verwandte Musikstile ringen im westafrikanischen Côte d’Ivoire um die Herzen der Menschen. Zusammen erzählen Zouglou und Coupé-Décalé die jüngere Geschichte eines Landes, in dem nach zwei Bürgerkriegen in den Nullerjahren derzeit neue Unwetter aufziehen. Unser Autor besuchte die jeweiligen Genre-Stars A’Salfo und Shado Chris in Abidjan.

LOTIC: Weint um die Männer, die nicht weinen können
Text – Philipp Rhensius
Fotografie – Fredrik Altinell
Taugt der Club noch als utopischer Zufluchtsort? Kann eine Revolution auf der Tanzfläche beginnen? Lotic sagen ja. Ihr Debütalbum Power ist Pop und dessen Gegenteil, ein strahlend-brutales Statement für Vielfalt und den Verzicht auf Festlegung. Sicher ist für die Wahlberliner Produzent_innen nur eins: Die Antwort liegt im Mitgefühl.

SPIRITUALIZED: „Meine Methode ist die bescheuertste überhaupt“
Text – Sandra Grether
Fotografie – Claude Gerber
Jason Pierce hat ein Problem: Ihm fehlt das Geld, um all die Tonspuren in seinem Kopf zu füllen. Seit mehr als 30 Jahren schreibt der Alleskönner aus der Grafschaft Warwickshire exorbitante Space-Rock-Songs, auch für And Nothing Hurt wieder, das achte Album seiner Band Spiritualized. Im Gespräch zeigt sich: Den Hang zu Perfektionismus und Obsession lässt sich Pierce auch von knapperen Budgets und fortschreitendem Alter nicht austreiben.

Vorspiel für … DON LETTS: „Immerhin haben sie ‚Ob-La-Di, Ob-La-Da‘ gemacht“
Text – Detlef Diederichsen
Fotografie – Dennis Schoenberg
Wer ist Don Letts? Falsche Frage. Was ist Don Letts? Aaalso: ein britischer Filmemacher, der für seine Doku Westway To The World über The Clash 2003 einen Grammy bekam; ein Musiker, der vor allem als Mitglied von Big Audio Dynamite etliche Alben veröffentlichte; ein Radio-DJ, der auf BBC 6 die Sendung Culture Clash Radio moderiert; ein Jack of all trades eben, der nun sogar als Influencer in Erscheinung tritt. Für den Warner-Konzern bewirbt Letts aktuell ein Boxset zum 50. Geburtstag des Reggae-Labels Trojan. Eine gute Gelegenheit, den 62-Jährigen im Vorspiel auf Expertise und Begeisterungsfähigkeit zu prüfen.

KOLUMNEN

Abgrund & Oberfläche
Diana Weis durchschaut die Styles der Styler
Rüschen in der Röhre

Fatma Morgana
Fatma Aydemir folgt ihrer imaginären Freundin in die Parallelgesellschaften
Wahre feelings

Selbstkritik
Frank Witzel über die Grauzone, in der das Eigene aufhört und das Andere beginnt

Geliehener Text

Wie wir leben woll(t)en
1968 vs. 2018

Fliegende Tomaten (und Lesben)
Text – Katharina Karcher
50 Jahre nach 1968 beschäftigen wir uns in dieser Rubrik mit dem Aufbruch von einst und seinen Nachwirkungen bis heute. Diesmal schreibt die Germanistin und Genderforscherin Katharina Karcher über die Anfänge der Frauenbewegung in Deutschland, ihre Bedeutung für die Vielfalt unserer heutigen Kulturszene – und erklärt, was all das mit Schweineschwänzen und zwei Pfund Suppentomaten zu tun hat.

FILM/ LITERATUR / KUNST / GESELLSCHAFT

WAHLVERWANDTSCHAFTEN NO. 24 – KATJA KIPPING VS. MARGARETE STOKOWSKI
„Was wäre der Punk-Name von Horst Seehofer?“
Text – Jennifer Beck
Fotografie – Wolfram Hahn
Katja Kipping, offizielle Chefin der Partei Die Linke, und Margarete Stokowski, inoffizielle Chefin des linken Feminismus, kennen sich vom Retweeten. Vor dem Gespräch über Kapitalismus, Patriarchat und zwanghafte Achselhaarrasur gibt es also nur noch eins zu klären. „Die Generation nach mir ist zwar nicht mehr mit der Duz-Kultur unter Genossinnen aufgewachsen“, sagt Kipping. „Aber wenn ich gesiezt werde, nehme ich das trotzdem persönlich.“

STYX: Was du nicht sehen willst
Text – Drehli Robnik
In einer Zeit, in der Seenotrettung kriminalisiert und Nächstenliebe zum Hochverrat erklärt wird, erhält das an sich unpolitische Ethos des Helfens politische Brisanz. In seinem neuen Film bricht Wolfgang Fischer die Situation im atlantischen Ozean auf zwei Figuren – eine deutsche Urlauberin und einen jungen Geflüchteten – herunter und stellt dabei etablierte Hierarchien auf den Kopf. Styx fragt: Was würdest du tun?

NEïL BELOUFA: Kunst ist Kunst, Rest ist Rest
Text – Katharina Cichosch
Fotografie – Stefphanie Füssenich
Kritisch Nachdenken über politische Kunst in Zeiten des Antiuniversalismus: Neïl Beloufa weiß, dass er wie alle kompromittiert ist, und wagt trotzdem einen Versuch. Mit seinen Filmen und Installationen findet der in Paris lebende Künstler betörende Bilder, die mit politischem Vokabular jonglieren, aber in der Sache kaum weiter von Politkunst entfernt sein könnten.

MONO / POLY: Wo die Liebe hinfällt und warum das nicht wehtun muss
Text – Thomas Hübener
Collagen – Richard Savini
Monogamie nervt. Sie ist ein Instrument der Liebesverhinderung, geboren aus dem Geiste des Kapitalismus. Eher was für Kleingartennazis. „Mais non!“, wendet die Systemtheorie ein. Die romantische Zweierbeziehung erbringt Wertvolles auf dem Feld der Komplexitätsreduktion. Nur ist eine auf Passion gegründete Beziehung etwa so überzeugend wie eine riesternde Eintagsfliege. Vieles spricht deshalb für die Polyamorist_innen. Doch die haben es schwer ohne eigene Songs, Gedichte und Bibeln.

EINKLANG
Neues aus Musik, Mode, Film & Literatur

Aphex Twin, Ross From Friends, Blackkklansman, Hannah Gadsby, Slimgirl Fat, Natasha Stagg, Zooanzoo, Fountain, Robyn

KRITIKEN

Album der Ausgabe: Blood Orange Negro Swan

Außerdem Rezensionen zu Chris Liebing, Oliver Coates, Amnesia Scanner, Jungle, John Grant, Chilly Gonzales, Christine And The Queens, Anna Calvi, Underworld & Iggy Pop, Beak>, Marissa Nadler, Cullen Omori, Family 5, Stella Sommer, Swamp Dogg, Michaela Meise, The Field, Louis Cole, Exploded View, Princess Chelsea, U.S. Steel Cello Ensemble, Scot Xylo, DJ Raph, Khalab, Low, Tash Sultana u.v.a.

Present Shocks – Elektronische Musik zur Zeit mit Kristoffer Cornils
Paul Rekret, Sonic Arts For All

Gegenwartskunde – Popwelt mit Klaus Walter
Fahrland, Belp, Andrea Benini

Punchzeilen – Rap mit Marcus Staiger
Summer Cem, Said, Alligatoah

Odyshape – Selten gehörte Musik mit Joachim Ody
Michael Price, Wolfgang Mitterer, Møster

Filmkritiken
Glücklich wie Lazzaro, Waldheims Walzer, Dogman

Buchkritiken
Tristan Garcia Wir, Heinz Strunk Das Teemännchen, Max Czollek Desintegriert Euch!

SPEX CD 145
Zusammenstellung – Dennis Pohl
Gestaltung – Patrick Klose

01. Cullen Omori – „Four Years“
02. Swamp Dogg – „Lonely“
03. Holger Czukay – „Persian Love“
04. Slimgirl Fat – „Nirvana“
05. Louis Cole – „When You’re Ugly“ (feat. Genevieve Artadi)
06. The Field – „Who Goes There“
07. Idles – „Danny Nedelko’“
08. Beak> – „Brean Down“
09. Mitski – „Two Slow Dancers“
10. Princess Chelsea – „I Miss My Man“
11. Oliver Coates – „Norrin Radd Dreaming“
12. Family 5 – „D-Day“

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