Schlag deinen Fernseher kaputt!

Nur noch wenige Tage, dann ist auch dieses Kalenderjahr wieder passé. Traditionell gehört diese Jahreszeit auch den popkulturellen Rückblicken: Wie aus den Vorjahren gewohnt findet sich in der aktuellen Spex-Ausgabe der große Jahresrückblick 2010, mit vielen Listen unserer Leserinnen und Leser, unserer Mitarbeiter und der Redaktion selbst: Alben, Songs, Bücher, Filme, Ausstellungen, Webseiten und natürlich auch: Musikvideos.

Aktueller denn je fällt der Rückblick in Sachen Musikclips aus, schließlich sind die traditionellen Musiksender nicht nur ohne große Relevanz, mit MTV zieht sich der Pionier in Sachen Musikvideos ab dem Jahreswechsel auch noch ins Pay-TV zurück. Zusammen mit tape.tv, dem kostenlosen Musikfernsehen im Internet, haben wir die wichtigsten Musikvideos des Jahres 2010 für euch zusammengestellt.

Auf tape.tv findet ihr unsere fünf liebsten und relevantesten Musikvideos, daneben haben wir zusammen mit tape.tv die dreißig aus Spex-Perspektive bestgemachten deutschen und internationalen Clips ausgewählt, über den untenstehenden Player könnt ihr sie – ohne eine bestimmte Platzierung – im Stream ansehen. Um es mit Das Bierbeben zu formulieren: Schlag deinen Fernseher kaputt!
Massive Attack Saturday Come Slow Video 201001. Massive Attack – Saturday Come Slow (aus »Heligoland«, EMI)
Regie: Adam Broomberg und Oliver Chanarin

»Saturday Come Slow« ist mehr Reportage als Musikclip, mehr Erzählung als Musik. Es ist ein hochgradig politisches Werk, das sich speziell mit sonischer Kriegsführung beziehungsweise Folter beschäftigt. Gedreht wurde der Clip im »Reflexionsarmen Raum« des Audio-Labors an der University of Cambridge, wobei in einem schalldichten Rau keineswegs nur Stille erklingt: Schon John Cage stellte fest, dass man bei absoluter Stille zwei Töne wahrnehme, einen hohen und einen tiefen, einmal das eigene Nervensystem, einmal den eigenen Blutkreislauf. Broomberg und Chanarin untersuchen mit ihrem Clip zu »Saturday Come Slow« nun den Einsatz von Stille und Isolation beziehungsweise hoher Lautstärke und Konfrontation als geheimdienstliche Befragungstechnik. In Interviews berichtet dazu der Brite Ruhal Ahmed von seinem Aufenthalt im Gefangenenlager Guantanamo Bay als Terrorismus-Verdächtiger. Das Video greift so indirekt Themen der Bewegung Zero dB auf, die sich für die Abschaffung von musikalischer Folter stark macht.

 

Lady GaGa Telephone Video 201002. Lady GaGa – Telephone feat. Beyoncé (aus »The Fame Monster«, Universal Music)
Regie: Jonas Åkerlund

»Telephone« zitiert Motive aus Spielfilmen wie Quentin Tarantinos »Kill Bill Vol. 1« und »Death Proof«, Oliver Stones »Natural Born Killers« und Ridley Scotts »Thelma & Louise«, liefert mit dem Massenmord einen Querverweis auf die Schlussszene des Clips zu »Paparazzi« und das lässt GaGa in der Einstellung mit dem Leopardenkostüm aussehen, wie Shania Twain in ihrem Video zu »That Don’t Impress Me Much«. Im Clip zeigt sich GaGa in aufwendigen Kostümen bzw. Kleidern und Accessoires von Designern wie Fred Butler, Jean Charles de Castelbajac, Brian Lichtenberg, Viktor & Rolf, Search And Destroy, Chanel, Atsuko Kudo, Jeremy Scott, Thierry Mugler, Emilie Pirlot und Haus of GaGa, außerdem wird Product Placement diverser GaGa-Konsumgüter betrieben. Nicht zuletzt glänzen im Clip GaGa und Beyoncé aufs Vortrefflichste. Eines der bestausgestatteten, chroegrafierten und unterhaltsamsten Videosdes Jahres. Und über die Musik selbst muss man so nicht einmal viele Worte verlieren.

 

James Blake Limit to Your Love Video 201003. James Blake – Limit to Your Love (aus »James Blake«, Atlas Records)
Regie: Martin De Thurah

Mit einem feinfühligen Musikvideo machte der britische Popstep-Wunderknabe James Blake auf seine Cover-Version des Feist– und Gonzales-Songs »Limit to Your Love« auf sich aufmerksam. Im Clip beginnt Fallobst schwerelos im Raum aufzusteigen, Bahnen zu ziehen und letztlich als Sonnensystem zu rotieren, während die Bassfrequenzen Wasser in Löffeln, Gläsern und Setzlingen Wellen schlägen lässt.

 

Flying Lotus Kill Your Co-Workers Video 201004. Flying Lotus – Kill Your Co-Workers (aus »Pattern+Grid World«-EP, Warp Records)
Regie: Beeple

Auf den ersten Blick scheint alles ganz harmlos zu sein: Chinesische Drachen und tiefergelegte Cabrios bilden eine kunterbunte Parade, Kinder lassen Luftballons steigen, Mütter werfen Konfetti und die Roboterkapelle spielt lustige Drehorgelmelodien. Doch bei Flying Lotus ist immer damit zu rechnen, dass sich in den Musikvideos zu seinen Stücken Abgründe auftun. Und so nimmt auch das Video zu »Kill Your Co-Workers« eine abrupte Wendung, bei der die niedliche Fassade buchstäblich in ihre Einzelteile zerlegt wird. Der eigentliche Clou ist jedoch, dass der Designer und Autor des Videos Mike »Beeple« Winkelmann die 3D-Modelle der Figuren und der Hintergünde zum Download bereitstellt und alle ambitionierten Animateure dazu auffordert, ihren eigenen Remix des Videos zu erstellen und zu veröffentlichen.

 

Gorillaz On Melancholy Hill Video 201005. Gorillaz – On Melancholy Hill (aus »Plastic Beach«, EMI)
Regie: Jamie Hewlett

Die Frage lautete: Wie kamen die Gorillaz eigentlich nach »Plastic Beach«? Das Musikvideo zu »On Melancholy Hill« gibt eine ganz einfache Antwort darauf: Murdoc Niccals, 2D und Cyborg Noodle reisten mit einer ganzen Armada an Charactern in U-Booten an, De La Soul, Snoop Dogg und viele andere Star-Gäste waren augenscheinlich auch dabei. Noodle überlebte den Piratenangriff in einem Rettungsboot, bevor sie von dem gigantischen Russel Hobbs aufgelesen wurde.

 

Diese fünf besten Musikvideos des Jahres 2010 finden sich auf im Jahresrückblickskanal auf tape.tv, dort gibt es noch weitere Musikvideos zu sehen! Im Folgenden sehr ihr die dreißig liebsten Musikvideos der Spex-Redaktion mit u.a. Tocotronic, LCD Soundsystem, Arcade Fire, Die Antwoord, Magnetic Man, Trentemøller, Aloe Blacc, Efdemin, Grizzly Bear, OK Go, Hot Chip, Charlotte Gainsbourg und The Chap ohne spezifische Reihenfolge.

 

 

 

Foto: CC | Regan Walsh / Flickr

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