Die Grenzen verschwimmen

Foto: Cynetart Festival, Dresden 2010

Wenn in knapp zwei Wochen in Berlin die Musikmesse Popkomm beginnt, dann können sich die Hauptstädter über einen Mangel an parallel stattfindenden Konzerten und Veranstaltungen nicht beschweren. Während die Popkomm nach ihrer Auszeit vor zwei Jahren das begleitende Festivalprogramm abschaffte und sich seitdem auf das Kerngeschäft als Fachbesucher-Messe konzentriert, wird die unübersichtliche Anzahl von Begleitveranstaltungen seit letztem Jahr unter dem Dach der (vom Berliner Senat geförderten) Berlin Music Week gebündelt. So bespielt etwa das Berlin Festival den früheren Flughafen Tempelhof mit einem Mega-Programm und im HBC am Alexanderplatz bieten die Macher des als Alternative zur 2009 ausgefallenen Popkomm gegründeten Interessenverbands all2gethernow in einem kleineren Rahmen Workshops für Musiker und Labelbetreiber. Das vielleicht spannendste Konzept der Musikwoche hat jedoch das Festival ICAS SUITE im Angebot.

Das Akronym ICAS steht für International Cities of Advanced Sound, einem Zusammenschluß von 30 unabhängigen Festivals aus aller Welt, die sich die Förderung »künstlerischer Entwicklungen an den Schnittstellen von Musik, Kunst, Technologie und Gesellschaft« auf die Fahne geschrieben haben. Nebem dem Berliner CTM-Festival für elektronische Musik und Kunst gehören dazu unter anderem die Festivals Mutek aus Montreal, Les Siestes Electronique aus Toulouse, Unsound aus Krakow und Full Pull aus Malmö. Mehr als die Hälfte der Mitglieder präsentieren im Rahmen der ICAS Suite vier Tage lang einen Ausschnitt ihrer Aktivitäten.

Der interdisziplinäre Ansatz des Netzwerks äußert sich im Programm der ICAS Suite vor allem dadurch, dass viele der auftretenden Künstler neben der Musik auch andere Ausdrucksformen nutzen. Meist lässt die Programmankündigung offen, ob es sich nun um eine Performace, eine audiovisuelle Installation oder ein Konzert handelt. Bei vielen Auftritten verschwimmen die Grenzen zwischen den den Kunstformen und Medien so sehr, dass eine eindeutige Zuordnung schwierig wird.  Musikalisch spiegeln die ausgewählten Künstler die gesamte Bandbreite der ICAS-Festivals zwischen Avantgarde-Pop, Experiment, Clubmusik, Noise und Improvisation wieder. Aufgrund der Kuratierung der einzelnen Veranstaltungen durch die verschiedenen Mitglieder bietet die ICAS Suite ein faszinierendes Panorama zeitgenössischer und experimenteller Musik aus Europa, Nord- und Südamerika.

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Mittwoch, 7. September

conforce_icas    Der erste Tag der ICAS Suite beginnt eher traditionell mit Techno aus Belgien und den Niederlanden. Das multidisziplinäre Festival TodaysArt, das seit 2005 in Den Haag und von 2011 an auch in Brüssel stattfindet, stellt seine Musiksparte bei einen Clubabend mit DJ-Sets des belgischen Techno-Puristen Peter van Hoesen und der beiden holländischen Grenzgänger zwischen Techno, House und Dub, 2562 und Conforce (Bild), vor. Beim Showcase des norwegischen Festivals Insomnia variiert das musikalische Spektrum zwischen Bassmusik und Ambient, während Sperm aus Prag experimentelle elektronische Live-Sets und Visuals aus der Tschechischen Republik präsentiert.


STREAM: TEVE (Tschechien) – Half-improvised Live Sets

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Donnerstag, 8. September

preslav-literary-school    Am zweiten Abend verwischen zunehmend die Grenzen zwischen Konzert und Kunstperformance: Bei einem vom heimischen CTM-Festival zusammengestellten Programmteil treffen unter anderem der britische Kurator und Künstler Adam Thomas alias Preslav Literary School, der durch seine Kassettenrekorder-Konzerte (Bild) bekannt wurde, der französische Klangexperimentator Benjamin L. Aman, der mexikanische Künstler Mario de Vega, Robert Lippok (To Rococo Rot) und Schneider TM zu einem Abend mit elektronischen Ad-hoc-Improvisationen aufeinander. Das Festival Rokolectiv aus Bukarest präsentiert gleichzeitig zusammen mit Unsound (Krakow) und Cynetart (Dresden) einen buntgemischten Clubabend mit DJs wie Cosmin TRG, Jam City, Rochite, Cuthead & Jacob Korn aus Rumänien, Deutschland und Großbritannien.


VIDEO: PRESLAV LITERARY SCHOOL – Live at Kringloop

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Freitag, 9. September

nadine-byrne-the-nun-icas    Am Freitag bringt das schwedische Festival Full Pull die Finnin Islaja, die bereits mit Animal Collective tourte, und das weibliche Elektronikduo Midaircondo auf die Bühne. Zudem tritt die schwedische Künstlerin Nadine Byrne, die auch für ihre »tragbaren Textilskulpturen« (Bild) bekannt ist, mit ihrem audiovisuellen Projekt The Magic State auf. Das Festival RIAM aus Marseille stellt unter anderem die Gruppe Antilles vor, die Noise und tribalistische Percussion verbindet. Beim Clubabend von CTM; Full Pull und Mutek spielen zudem The Mole, Kassem Mosse, Mokira und andere.


VIDEO: ANTILLES – Le Tube (live)

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Samstag, 10. September

sohrab-cover-icas    Das Festival Skanu Mezs präsentiert experimentelle Klänge von lettischen Musikern wie Mārtiņš Roķis und Edgars Rubenis sowie einen Auftritt des Klangkünstler Sohrab aus Teheran, der 2009 an den Protesten gegen die gefälschten Präsidentschaftswahlen im Iran teilgenommen hatte und dabei inhaftiert worden war. Nachdem er zu einem Konzert nach Berlin ausreisen durfte, flüchtete er und kämpft seitdem um die Anerkennung seines Asylantrags. Außerdem stellt der südamerikanische Ableger des Mutek-Festivals neue Bands, DJs und Produzenten aus Argentinien, Chile, Venezuela und Mexiko wie Fauna, Un Mono Azul und Los Refrescos vor.


VIDEO: FAUNA – Para Mi

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    Wir verlosen jeweils zwei Tageskarten für alle Abende der ICAS Suite.

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Spex präsentiert ICAS SUITE:

07.09.-10.9. Berlin – Festsaal Kreuzberg, West Germany, Monarch, Paloma, Blumenbar

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