Michael Rauter im Interview: »… zu ihrer Zeit radikal, eben ›hardcore‹ …«

Vom 19. bis 21. Juni spielt das junge Berliner Solistenensemble Kaleidoskop seine ›Konzertinstallation‹ »Hardcore 2« im Radialsystem an der Spree. Spex präsentiert die Abende und empfiehlt zahlreiches Erscheinen. Martin Hossbach sprach anlässlich des Konzertprogramms, das u.a. aus Stücken von Ligeti, Xenakis, Beethoven und Telemann besteht, mit dem künstlerischen Leiter Michael Rauter und Geschäftsführer Volker Hormann.


Foto: © Sonja Müller

Was ist ein »Solistenensemble«?
     Michael Rauter: Eigentlich ist das Wort »Solistenensemble« ein widersprüchlicher Begriff. Es beschreibt aber genau die Funktion der Musiker von Kaleidoskop. In einem klassischen Orchester sind die Positionen der Musiker klar aufgeteilt und eher unbeweglich. Bei uns ist das anders: In einem Programm spielen wir oft in den unterschiedlichsten Besetzungen – als Solisten, als Trio, als Quartett oder als Orchester.

Wie finanziert sich das Ensemble?
     Volker Hormann: Bei unseren Konzerten stehen einerseits viele Musiker auf der Bühne, andererseits passen verhältnismäßig wenig Gäste in den Zuschauerraum. Alleine über den Eintritt läuft nicht viel. Wir finanzieren unsere Projekte also größtenteils mit Geldern öffentlicher oder privater Stiftungen. Für jedes Projekt stellen wir neue Förderanträge. Zum anderen werden wir von Veranstaltern mit unseren Produktionen engagiert. Und nicht zuletzt gibt es Kooperationen mit anderen Ensembles oder Künstlern, die uns für ihre Projekte engagieren.

Ihr schreibt auf Euer Plakat nicht »Konzert«, sondern »Konzertinstallation«: Was bedeutet das?
     Michael: Unsere Konzerte sind nicht nur Konzerte. »Konzertinstallation« soll die veränderte Rolle des Raums im Vergleich zum herkömmlichen Konzert beschreiben. Die »Konzertinstallation« ist ein Konzert, in dem die Gestaltung des Raumes und die Einbeziehung des Publikums eine ebenso wichtige Rolle wie die Musik einnehmen. Unser Publikum weiß nie, was es zu erwarten hat. Manchmal sitzen die Leute auf dem Boden, mal bekommen sie die Augen verbunden – auf jeden Fall sind sie immer nah dran. Von den Musikern wird mehr gefordert als gutes Musizieren, wobei das natürlich immer die Grundvoraussetzung bleibt.


Solistenensemble Kaleidoskop: Der künstlerische Leiter Michael Rauter, Geschäftsführer Volker Hormann (rechts)

Dass das Ensemble in »Hardcore 2« die verschiedenen Werke ohne Pause nacheinander spielt ist in der Klassikwelt ungewöhnlich. Warum verzichtet Ihr auf Pausen?
     Michael: Dies ist bei »Hardcore 2« Teil der Inszenierung von Aliénor Dauchez, die mit den Musikern auch choreographisch arbeitet. Das Konzert wird zur Performance, in der jeder Moment und jede Bewegung zum Teil der Komposition wird. Wir spielen die Werke ohne Pause, damit die einzelnen Werke in den Hintergrund treten und ein einziges Stück daraus wird. Man erlebt die Kontraste und auch die Gemeinsamkeiten viel extremer, wenn sie direkt nebeneinander stehen

Die Musiker wechseln in »Hardcore 2« beständig ihre Spielpositionen. Was bedeutet das für das Zusammenspiel der Musiker und die Position, den Standort, des Dirigenten? Stören die Ortswechsel die Konzentration der Musiker und die der Zuhörer?
    Volker: Die Musiker spielen bei »Hardcore 2« in unterschiedlichen Entfernungen miteinander, der Dirigent steht nicht direkt vor dem Orchester, sondern mitten im Publikum. Über große räumliche Distanz gemeinsam zu spielen ist nicht einfach, weil man sich dann nicht mehr nur auf seine Ohren verlassen kann. Alle Antennen müssen ausgefahren sein, das bedeutet höchste Konzentration. Die Musiker müssen nicht nur die Noten sondern auch die räumlichen Abläufe beherrschen. Die Ortswechsel sollen ›auch stören‹ und das Publikum davon abhalten, sich in einer Position bequem einzurichten: Musik räumlich wahrzunehmen ist ein Anliegen unserer Arbeit. Wir meinen, dass ein Spiel mit Raum und Klang die Konzentration sogar verstärken und zu einer sinnlicheren Wahrnehmung der Musik führen kann – wie »Dolby Surround«, live!


VIDEO: Solistenensemble Kaleidoskop – Hardcore (Live at Ballhaus Naunynstraße, Berlin, 26.10.2007)

Die Komponisten in Eurem Programm trennen zum Teil Jahrhunderte. Stellt das kein Problem für die Dramaturgie des Abends da? Was ist an den verschiedenen Musiken »Hardcore«?
    Volker: Gerade darin besteht die Dramaturgie: Kontraste auf allen Ebenen, sowohl in Epoche und unterschiedlichen Tonsprachen! Aber wir entdecken auch Gemeinsamkeiten zwischen Komponisten des 17. Jahrhunderts und Komponisten von heute – oft wurden erstaunlich ähnliche Ausdrucksweisen gefunden, obwohl viele Jahrhunderte und Revolutionen auf allen Gebieten zwischen ihnen liegen. »Hardcore« nehmen wir wortwörtlich. Der »harte Kern«, reduziert auf das Wesentliche: ein Streichorchester, ein leerer Raum, Licht, das Publikum in der Mitte. Die Stücke stehen – alles Werke, die zu ihrer Zeit radikal gewesen sind, eben »hardcore« – zugleich für das Kernrepertoire des Ensembles: Musik aus verschiedensten Epochen, die wir mit großem Respekt und stilistischer Sorgfalt erarbeiten, ohne sie heilig zu sprechen.

 


Spex präsentiert das Solistenensemble Kaleidoskop mit »Hardcore 2« vom 19. – 21. Juni 2010 im Berliner Radialsystem V, Karten sind im Vorverkauf erhältlich.

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