Februar ist Black History Month. Deshalb sprechen wir mit unseren Gäst_innen im Podcast-Studio über zwei Projekte, die sich mit Schwarzem Wissen, unterschiedlichen Erzählperspektiven und Dekolonisierung auseinandersetzen. Außerdem: ein Lesetipp von Maren Kames und Klaus Walter erinnert an Andy Gill.

Schon klar, einen einzigen Monat im Jahr als Black History Month auszurufen, ist ganz schön absurd. Vor allem deshalb, weil Schwarze Geschichte und Lebensrealitäten auch in Deutschland das ganze Jahr über ein wichtiges Thema sein sollten. Um eben diese Aufmerksamkeit zu schaffen, hat der afroamerikanische Historiker Carter G. Woodson den Black History Month 1926 in den USA ins Leben gerufen. Heute, beinahe 100 Jahre später, ist er wichtiger denn je. Schwarze Geschichte und Perspektiven werden nach wie vor verdrängt und marginalisiert. Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist kaum mehr als eine Randnotiz in den Schulbüchern. Dabei ist es längst überfällig, dass die weiße Mehrheitsgesellschaft ihre eigenen Positionen hinterfragt, ihre eigenen Rollen in den bis heute fortwirkenden kolonialen Unterdrückungsstrukturen. Es gibt so viel zu tun: im deutschen Bildungswesen, in der Politik, im Alltag. Wo überhaupt anfangen?

Mit Geschichten. Das sagte die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie 2009 in einem TED-Talk. „Geschichten sind wichtig. Viele Geschichten sind wichtig. Geschichten wurden benutzt, um zu enteignen und zu verleumden. Aber Geschichten können auch genutzt werden, um zu ermächtigen und zu humanisieren.”

Weiße in die zweite Reihe: Bei Veranstaltungen von TAC und EOTO e.V. geht es darum, Safe Spaces für Schwarze und afrodiasporische Menschen zu schaffen (Bild: SPEX).

Wichtig ist dabei vor allem, dass diese Geschichte(n) nicht aus weißer Perspektive erzählt oder geschrieben werden. Genau aus diesem Grund sammelt der ghanaische Künstler Okhiogbe Omonblanks Omonhinmin mit seinem Projekt The Art Concept (TAC) Stimmen afrikanischer, aber auch afrodiasporischer Menschen, um sein audiovisuelles Archiv zu füttern. Es geht um Austausch, um Repräsentation, um oral history – in Ghana und auf dem afrikanischen Kontinent, wo die Perspektiven der Menschen genauso divers sind, wie in der Diaspora der BIPoC in Deutschland. TAC-Gründer und Creative Director Omonblanks hält alle Diskussionen und Projekte akribisch auf Video fest, von einem Panel über black feminism in Accra bis zu einer offenen Gesprächsrunde zu Rassismuserfahrungen in Deutschland. Denn Archivierung bedeutet Wissen, bedeutet Macht, bedeutet nicht-weiße Geschichtsschreibung und ein Stück mehr Empowerment. Auch 60 Jahre nachdem viele afrikanische Länder ihre Unabhängigkeit erreicht haben, ist der Prozess der Dekolonisierung noch lange nicht abgeschlossen und die Sicht auf Schwarze Identität geprägt von weißen Narrativen.

Auch der Berliner Verein EOTO basiert auf der Prämisse der Wissensweitergabe und einer kollektiven und pluralistischen Schwarzen Identität. Angelehnt ist der Name an das afroamerikanische Sprichwort „Each One Teach One” aus Zeiten von Sklaverei und Segregation, als BIPoC der Zugang zu Bildung meist verwehrt wurde.

Der Grundstein von EOTO wurde in den Siebzigerjahren in Form einer Bibliothek gelegt. Damals begann die afrodeutsche Aktivistin Vera Heyer, die Werke afrikanischer, afrodiasporischer und Schwarzer Autor_innen zu sammeln. Ein privates Projekt, das zu einer Bibliothek mit über 7000 Veröffentlichungen herangewachsen ist und heute das Herzstück des auf Community-Building basierenden Vereins bildet.

SPEX-Redakteur_innen Neneh Sowe, Jessica Hughes und Julian Dörr haben sich mit Nadja Ofuatey-Alazard, Filmemacherin, Journalistin und Geschäftsführerin von EOTO, und Okhiogbe Omonblanks Omonhinmin, Gründer von The Art Concept, im Podcast-Studio getroffen, um über Schwarzes Wissen, weiße Vorurteile und den langen Prozess der Dekolonialisierung zu sprechen. 2011 hat Ofuatey-Alazard als Mitherausgeberin den Band Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk (Unrast Verlag) veröffentlicht, der aufzeigt, wie sehr weiße Europäer_innen kolonialistisches und rassistisches Denken in Wissensarchiven und Sprache konserviert haben, deren Einfluss bis heute wirkt.

Gleich zu Beginn des Podcasts erklärt Autorin Maren Kames, warum es sich lohnt, das Buch Autobiography In Red der kanadischen Schriftstellerin Anne Carson zu lesen. Ihr hört in dieser Folge außerdem eine neue Ausgabe der Kolumne „Gegenwartsfunde” von Klaus Walter, der über den Sound der Gang of Four sinniert, deren letztes verbliebenes Originalmitglied Andy Gill vergangenes Wochenende im Alter von 64 Jahren gestorben ist.

Wie immer gilt: Den SPEX-Podcast am besten gleich abonnieren! So verpasst ihr keine neue Folge, die euch alle zwei Wochen erwartet. Möglich ist das überall dort, wo es Podcasts gibt. Beispielsweise bei PodigeeApple, Spotify, Deezer, Soundcloud oder Mixcloud.