Kurdistan, Diaspora, Märtyrerinnen und alternative Geschichtsschreibung: Die multidisziplinären Künstlerinnen Cemile Sahin und Leyla Yenirce sind zu Gast im Studio. Außerdem: Dan Bejar alias Destroyer mag es stürmisch und Ebow verzeiht sich ihre Panikattacken.

Hand auf’s Herz: Was genau passiert gerade in Kurdistan? Was ist das überhaupt? Wo verlaufen die Konfliktlinien? Und inwiefern findet dieser auch in Deutschland statt, wo die größte kurdische Community außerhalb der Türkei lebt?

Wer hat die Erzählgewalt? In der Türkei und im Nahen Osten wird die kurdische Minderheit nach wie vor unterdrückt (Bild: Redaktion).

Klar, die meisten Leute wissen, dass in der Osttürkei seit Jahrzehnten eine teils blutige Auseinandersetzung zwischen der Türkei und der kurdischen Minderheit schwelt. Die PKK, die kurdische Arbeiter_innenpartei, gilt in den meisten westlichen Ländern als Terrororganisation, auch in Deutschland. Ihr Vordenker Abdullah Öcalan sitzt seit über zwanzig Jahren in Haft.

Und ja, in jüngster Zeit waren die Kurd_innen im Rahmen der Berichterstattung über den Krieg in Syrien wieder öfter in deutschen Medien präsent. Gemeinsam mit einer internationalen Allianz kämpften sie gegen den IS, befreiten Zehntausende Jesid_innen aus der umzingelten Stadt Kobane und etablierten im Norden des Landes zwischenzeitlich eine Art eigenen Staat namens Rojava. Bis sich die USA unvermittelt aus der Region zurückzogen, damit einem Einmarsch türkischer Truppen in syrisches Gebiet den Weg frei räumten – und die Verhältnisse mal wieder ein Stück unübersichtlicher wurden.

Aber sonst? Nicht viel, oder? Keine Sorge, wir auch nicht. Deshalb haben wir nachgefragt bei zwei Personen, die mehr wissen als wir. Weil das Grundrauschen des für sie so nahen und doch so fernen Konflikts immer Teil ihres Lebens war.

In der fünften Folge des SPEX-Podcast sprechen Jessica Hughes und Dennis Pohl mit Cemile Sahin und Leyla Yenirce. Beide arbeiten als Künstlerinnen mit den unterschiedlichsten Medien, machen keinen Unterschied zwischen bildender, darstellender, akustischer Kunst oder Lyrik. Doch so unterschiedlich ihre Arbeit auch sein mag, die beiden Künstlerinnen zielen mit ihr auf ähnliche Themenkomplexe. Es geht ihnen um Fragen von Identität und Wahrheit.

Sahin etwa setzt sich in ihrem Debütroman Taxi wie in ihren Videoinstallationen immer wieder mit Geschichtsschreibung auseinander. Wer entscheidet, welche Geschichte wahr ist? Welche Erzählung setzt sich gesellschaftlich und politisch durch? Und warum? Darin spiegelt sich Sahins eigene Geschichte, denn als Kurdin floh sie Anfang der Neunzigerjahre mit ihrer Familie aus der Osttürkei nach Deutschland.

Auch Yenirce setzt sich künstlerisch mit kurdischer Identität auseinander. Was bedeutet es, als Jesidin in Deutschland zu leben? Wie fühlt es sich an, aus der Distanz hilflos bei einem Genozid zuzusehen, als der IS 2014 in Syrien und im Irak Tausende Jesid_innen massakrierte? Und wie geht man mit dieser inneren Zerrissenheit um?

Eine ihrer Strategien: Sich mehrere künstlerische Identitäten zuzulegen. Als experimentelle Noise-Musikerin Rosaceae erforscht und vertont sie Traumata. Ihr aktuelles Album Nadia’s Escape etwa ist Nadia Murad gewidmet, die 2014 als Sklavin des IS verschleppt wurde und entkommen konnte. Natascha P. hingegen ist eine post-migrantische Rapperin, die neben hedonistischer Befreiung mit widerborstigen Rhymes nach Raum greift. Dabei wird sie vom intersektionalen Rap-Kollektiv One Mother unterstützt.

Außerdem in dieser Podcast-Folge: „Gedanken zur Zeit” von Musiker Dan Bejar, besser bekannt als Destroyer, sowie eine neue Ausgabe der Kolumne „Planet Kanak” mit und von Rapperin Ebow. Die erklärt darin, was es bedeutet, als Kind migrantischer Eltern zu hustlen und warum sie als post-migrantische Musikerin keinen Bock mehr hat auf ständige Panikattacken.

Wie immer gilt: Nicht vergessen, den SPEX-Podcast gleich zu abonnieren, um alle zwei Wochen direkt ab Werk mit der neuesten Ausgabe versorgt zu werden. Möglich ist das überall dort, wo es Podcasts gibt. Beispielsweise bei PodigeeApple, Spotify, Deezer, Soundcloud oder Mixcloud.