Bergfest! Die SPEX-Redaktion sowie eine Vielzahl unserer Autor_innen haben gewählt: Das sind die besten Alben des ersten Halbjahrs 2019.


1. SlowthaiNothing Great About Britain

„Man könnte hinter Nothing Great About Britain leicht eine pop-kulturelle Kampagne für den Ausstieg aus dem Ausstieg vermuten. Aber damit würde man Framptons Debütalbum nicht gerecht. Denn im Verlauf der elf Songs darauf arbeitet sich der 24-Jährige nicht an tagespolitischen Fragen ab. Er geht direkt an die Wurzel seines persönlichen Übels – und damit auch an das von Millionen anderen jungen Menschen in Großbritannien. (…) Und es ist wohl der größte Verdienst von Nothing Great About Britain, dass man sich nach seinen 32 Minuten nicht mehr so sicher ist, ob man wirklich gerne im UK leben möchte.“

Wenzel Burmeier am 17. Mai auf SPEX.de


2. Ebow – K4L

K4L ist (…) so etwas wie das Desintegriert euch! des Deutsch-Rap, eine zweifach donnernde Ansage. Einmal an die weiße Mehrheitsgesellschaft und ihren strukturellen Rassismus, einmal an die Fetischisierung der Lebenswelt von Migrant_innen durch cultural appropriation (…). Es kanalisiert die Lebenserfahrung von Generationen marginalisierter, diskriminierter und unsichtbar gemachter Menschen (…). Es die Platte, die Deutschland, die sein Heimatminister, seine nach rechts driftende Debattenlandschaft und seine pseudoprogressive Linke verdient hat. Nein, nicht verdient. Braucht. K4L legt den Finger nicht in die offene Wunde, es drückt ihn langsam und mit Genuss ins Fleisch.”

Julian Dörr am 29. März auf SPEX.de

 

3. Holly HerndonProto

Proto klingt fast schon geradlinig. Herndon und ihr Ensemble befinden sich darauf zwar immer noch im digitalen Engtanz mit ihren eigenen Stimmen, erweitern, verschmälern und zerschlagen den menschlichen Ausdruck. Aber Proto versucht nicht, um jeden Preis hermetisch verriegelt zu sein oder stoisch einem bestimmten Stil zu folgen. Vielmehr stehen klassische Songstrukturen im Zentrum, die mit jedem Hören deutlicher aus dem experimentellen Klanggerüst herauswachsen. Eine zerkratzte Version von Breitwand-Pop, die nicht wirklich so klingt, als hätte sie irgendwas mit KI zu tun. Streckenweise klingt Proto vielmehr so, als hätten ein paar Kids per Zufall und mit schlechtem Equipment eine ergreifende Punk-Oper geschrieben. (…) So muss Musik von und über KI klingen, wenn wir eine informierte Debatte führen wollen.“

Dennis Pohl am 16. Mai auf SPEX.de

 

4. Tyler, The Creator – Igor

Nachdem sich Tyler, The Creator auf seinem letzten Zwischenstopp im Universum, Flower Boy, schon verletzlicheren Territorien angenähert hatte, ist Igor, sein sechstes Studioalbum eine vollkommene Bruchlandung auf dem Planeten Liebe geworden. Inklusive der halsbrecherischen Flucht, nachdem klar geworden ist, dass auf diesem heimtückischen Gestirn niemand ohne größere Schrammen davon kommt. Zu zerstückelter Narration werden Sixties-Soul-Samples und Daft-Punk-treffen-Kanye-West-Momente gereicht. Dazu scheppert und kracht es, als würde jemand das gemeinsame Interieur zerdeppern. Tyler singt in Kopfstimme über das Verliebtsein und rappt sinister über Eifersucht. Und plötzlich ist da: Empathie. Keine hard feelings, Tyler versteht die Trennung. Zumindest redet er sich das ein. So geht Emo 2019, Friends.

– Sebastian Lessel


5. Die Heiterkeit – Was passiert ist

Das vierte Studioalbum von Die Heiterkeit ist eine paradoxe Sache. Auf der einen Seite: Musik, die klingt wie ein sachter Zwischenruf, filigran, nahezu fragil, voller leiser Gedanken, die einem geradewegs aus dem eigenen Kopf gezogen scheinen. Und auf der anderen Seite: Diese wundervolle Produktion, die es schafft, zugleich wuchtig und melancholisch zu sein, und die diesem Halbgedachten und Nichtgesagten plötzlich Körperlichkeit und Dringlichkeit gibt, Raum in der Realität. Wie keiner Zweiten in der deutschsprachigen Musikwelt gelingt es Stella Sommer gerade präzise Wörter und Bilder zu finden für all die Graubereiche, Schatten und Uneindeutigkeiten des Lebens. „Was wir voneinander wissen, wissen wir nicht ganz”. Auf Was passiert ist lernt man, dass man auch zwischen den Stühlen ziemlich bequem sitzen kann. Ein Album auf der Suche, das vielleicht gar nicht ahnt, wie viel es schon gefunden hat.

– Julian Dörr

 

6. Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra – Henryk Górecki: Symphony No. 3

 

7. Hand Habits – Placeholder

 

8. Solange – When I Get Home

 

9. Caterina Barbieri – Ecstatic Computation


10. Rosaceae – Nadia’s Escape