Neu am Kiosk: SPEX N°350

Ab heute am Kiosk: SPEX N°350

Happy Birthday, lieber Jesus!

Ja, liebe Leserinnen und Leser, es ist wieder so weit. Wham! besetzen seit Wochen die Kanäle, es weihnachtet allerorten. Doch nicht nur Jesus hat Geburtstag, auch SPEX freut sich über ein weiteres Jubiläum: Die vorliegende Ausgabe ist die insgesamt 350. eines Magazins, dem viele zu Beginn vermutlich nicht einmal 35 Ausgaben zugetraut hätten. Wirtschaftlich leicht war und ist es nie für SPEX, dennoch ist es ein besonderes Privileg, diese Zeitschrift produzieren und mit Inhalten füllen zu dürfen.

Und da gibt es aktuell so einige. Zunächst natürlich den Jahresrückblick. Die überaus rege Teilnahme der Leserinnen und Leser am Poll – ein neuer Rekord! – freut uns sehr, die Ergebnisse der Umfrage betrachten wir nicht zuletzt als eine Bestätigung für die Arbeit der vergangenen zwölf Monate: Beinahe alle im Poll prominent gesetzten Themen wurden im Heft gewürdigt. Bei der Wahl zum Album des Jahres zeigte sich die enorme Bandbreite der SPEX-Mitarbeiter. Auf ein gemeinsames Ergebnis konnten wir uns dennoch einigen, lassen Sie sich überraschen.

Naturgemäß fiel die Auswahl der Schwerpunkte bei den Essays zum Jahresrückblick schwer. So hätte man etwa über jenen Pop-Trend berichten können, der darauf hindeutet, dass PR-Maßnahmen im Vorfeld großer Veröffentlichungen zunehmend wichtiger werden als das eigentliche Ereignis. Daft Punk, Boards Of Canada, Kanye West, David Bowie und andere 2013 hochcleverer 360-Grad-Kampagnen, die sämtliche Mechanismen modernen Crossover-Marketings zelebrierten und die Anhängerschaft wochenlang in Aufruhr versetzten. Leider hatten all diese PR-Schlachten eines gemeinsam: Das eigentliche »Produkt«, also das schließlich veröffentlichte Album, war meist weniger aufregend als die vorangegangene Kampagne.

Eine Ausnahme von dieser Regel gab es: Arcade Fire bewarben ihr neues Album Reflektor im Vorfeld der Veröffentlichung konsequent auf allen Kanälen, drehten aberwitzige Videos, spielten Schnitzeljagd, gaben karnevaleske Club-Konzerte – und veröffentlichten schließlich ein Werk, das all die vorherigen Maßnahmen um Längen übertraf. Der gerechte Lohn: die SPEX-Leser wählten Reflektor zum Album des Jahres – weswegen wir Arcade Fire in dieser Ausgabe einen besonderen Platz einräumen.

So viel Anlass zur Freude gab es zuletzt nicht immer. Ganz allgemein lässt sich sagen: die Verhältnisse sind ein bisschen durcheinandergeraten. Denn auch wenn die Debatte um Veggie-Woche und Steuererhöhung arg aufgeplustert wurde, bleibt doch der Eindruck, dass ausgerechnet die einstige Widerstandspartei Die Grünen sich zum Vorkämpfer einer bedenklichen Verbotskultur aufschwingt. Die Generation der 68er steht zunehmend für eine moralisch kleingeistige Staatspädagogik, die im Zusammenspiel mit Gesundheitswahn und anderen bevormundenden Phänomenen nichts anderes ist als die Bausparversicherungsvariante von Politik.

Bei einer Sache machten die Grünen nicht mit: bei der unseligen, von einem ähnlichen Geist getriebenen Debatte um ein mögliches Verbot der Prostitution, die ausgerechnet Alice Schwarzer angestoßen hatte. Kunststück: Schließlich hatten die Grünen gemeinsam mit der SPD jenes Gesetz erlassen, das Schwarzer nun energisch bekämpft. Die EMMA-Chefin verstieg sich gar zu der Behauptung, beim damaligen Erlass hätte eine Art Ludenlobby der rotgrünen Regierung den Stift geführt. Wie der Vorstoß von Schwarzer zu bewerten ist, erklärt Mithu Sanyal in dieser Ausgabe.

Eins kann man Schwarzer nicht vorwerfen: dass sie keine Haltung hätte. Ganz im Gegensatz offenbar zum Manager der Rockgruppe Die Toten Hosen. Jochen Hülder, im Nebenberuf Betreiber einer Werbeagentur, fand kurz vor Redaktionsschluss offenbar nichts dabei, einen Großauftrag der Band Frei.Wild anzunehmen. Solchermaßen von Hülders Firma protegiert, gelang den Rechtspopulisten mühelos der Sprung auf Platz eins der deutschen Charts.

Ach ja, es steht nicht gut um dieses Land. Halten wir uns an den Rat von Régine Chassagne von Arcade Fire: »Aufwachen, aufstehen, weitermachen.« Wer das tut, stellt fest: SPEX hat tolles neues Papier, die Ja,-Panik-Platte ist famos, und ein neues Jahr steht vor der Tür. Frohes Fest und einen guten Rutsch, herzlichen Dank für die Unterstützung.

Der Kampf geht weiter! Amen.

Torsten Groß