Speaker’s Corner: Über das Plattensammeln im 21. Jahrhundert

DJ und Digger aus Berlin: Paramida

Fernab von Schwarzes-Gold-Verklärung und Detailkrittel-Wahnsinn findet gerade eine neue Generation von Plattensammlern zusammen. (Sogar im Berliner Sonos-Store.)

Was ist eigentlich aus dem Hi-Fi-Nerd geworden? Die Mehrheit aller musikhörenden Menschen konsumiert ihre Songs in Form von 240-kbps-Youtube-Videos über schäbige Ohrstecker oder rauschende Laptopboxen. Die erfolgreichsten Kopfhörer der Welt werben mit allem außer ihrer flachen Frequenzkurve – und dass Neil Young seinen Streamingservice für hochauflösende Musik (Name: Xstream) doch nicht in die Tat umgesetzt hat, ist wahrscheinlich eine gute Entscheidung gewesen, zumindest aus finanzieller Sicht. Im Zeitalter des Streams scheint die Betonung auf Klang immer mehr an Wichtigkeit einzubüßen. Doch ist das in ganz Gallien so? Nein, denn eine Bastion haben die Soundenthusiasten noch, und die kann ihnen vorerst auch niemand nehmen: Schallplatten.

Vinyl und High Fidelity gehen Hand in Hand. Selbst wenn Ende der Achtziger zahlreiche Nerds ihre LPs gegen das silbrig glänzende Plastik der CD tauschten, richten sich inzwischen doch viele hochwertige Produkte wieder an Plattensammler. Alleine für Plattenspieler lässt sich schier unendlich viel Geld ausgeben. Röhrenverstärker kosten teilweise zehntausende Euros. Bei Lautsprechern sind die Grenzen nach oben ohnehin offen, und irgendwer muss ja auch 2000 Euro für den neuen Technics SL 1200 ausgeben. Ganz zu schweigen davon, dass das Vinyl selbst ja auch nicht gerade billig ist. Und erst die Nebenkosten: In Japan mogeln sich die sogenannten Audiophilen sogar ins Stromnetz, um „sauberere“ Elektrizität abzuzwacken.

Hier zeigt sich eine spannende Wechselwirkung. Die andauernde Popularität von Platten hält die Preise für Hi-Fi-Equipment einerseits hoch. Andererseits bestimmt die Logik der Soundenthusiasten die Preise auf Discogs und Ebay mit. Warum geben Menschen hunderte Euros für alte Pressungen von millionenfach herausgebrachten Classic-Rock-Alben aus, wenn gerade heute jede einst ansatzweise kommerziell erfolgreiche Platte neu gepresst wird? Na, weil sich durch zahllose A/B-Blindvergleiche in Hi-Fi-Foren herausgestellt hat, dass die chilenische Erstpressung einfach die definitiv klingende Version von Pink Floyds The Wall ist, klar doch. Und überhaupt: Nix kommt vom Sound her an Vinyl ran, weißte? Oh, diese Wärme, mir wird ganz kuschelig. Das ist qualitativ sicher näher an der Intention des Künstlers als die digitalen wav-Dateien, die zum Schneiden der Mutter benutzt wurden, und die man sich oft eins zu eins herunterladen kann. Deswegen sammle ich auch nur Platten in mint condition, woll?

Die Klicks versprechende Überschrift vom „HD-Vinyl“, die immer häufiger in audiophilen Timelines auftaucht, beschreibt im Prinzip eine clever vermarktete Innovation beim Pressablauf – und liefert zahlreichen Plattensammlern willkommene Gründe, um allerlei Kommentarspalten mit ihren oben beschriebenen Klischees vollzurotzen. Denn eigentlich scheint es, als ginge der Trend unter jüngeren Sammlern aus der Generation Plattenrevival weg von der Fetischisierung der 10.000-Euro-Anlage, auch weil er weg geht von Classic Rock, Mintsammelei und Pressungswahn.

Das hat auch der Lautsprecherhersteller Sonos verstanden, der seine Raumklangboxen vornehmlich für W-Lan-Streams in Mehrzimmerwohnungen entwickelt, aber auch moderne Alternativen zur überteuerten Profi-Anlage präsentieren möchte. In seinem Berliner Store lud das US-Unternehmen unlängst zu einer Veranstaltung unter dem Titel „Vinyl Stories“. Auf der Bühne saßen DJs und Digger: Coco Maria, Nomad, Claas Brieler (Jazzanova), Paramida und Dubben sprachen über ihre Lieblingsplatten. Es ging um venezolanischen New Wave, verstecke Juwelen in der Diskografie von Perez Prado, um staubige Keller, um guilty pleasures und ums Reisen. Kein Wort fiel zum Thema Mastering, niemand beschwerte sich über hörbares Rauschen auf der wichtigsten Coming-of-age-LP. Selbst über ausgebuchte Presswerke und den Record Store Day wollte die Runde nicht meckern.

Weg vom Ideal des 5.1-Kleinwagens, weg von Krautrock- und Beatles-Erstpressungen, hin zu obskuren Grooves aus aller Welt, hinein ins Unbekannte. Woher kommt dieser Sinneswandel? Ohne das Thema akademisch aufladen zu wollen: Die neue Generation Digger, zumindest peripher informiert über Feminismus und Post-koloniale Theorie, schert sich einfach nicht mehr besonders um die hegemonielle Musikgeschichte. Sie vergisst den pompösen Progrock ihrer Väter, den pseudo-intellektuellen Anspruch halb-virtuoser Stoner aus britischen Kleinstädten und sogar die Top 100 der ödesten Top-100-Listen, an denen sich weite Teile des Musikjournalismus inzwischen festklammern.

Nach dem Event ging es übrigens ab in den Wedding zur privaten Variante dessen, was in Berlin-Mitte auf der Sonos-Bühne passiert war. Monatlich treffen wir uns in einer Bar zum Schallplattenstammtisch. Was klingt wie eine Veranstaltung von alten weißen Männern für alte weiße Männer, ist auch genau das, doch es sind auch ein paar Frauen und jüngere Menschen dabei – ein einigermaßen repräsentatives Abbild der sich langsam öffnenden Diggerszene. Jeder bringt aktuelle Funde mit und feiert die der anderen ab. Platten werden getauscht, verkauft, belächelt und bestaunt. Und allen ist klar: Egal, ob schwedischer Punk aus den Achtzigern, kolumbianischer Sixties-Pop, südafrikanische Musique concrète oder deutscher Schlagerfunk – die beste Platte ist die, die man als nächstes entdeckt.

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