Soundwalk Collective with Jesse Paris Smith feat. Patti Smith »Killer Road« / Review

Klang gewordenes Memento mori: Auf »Killer Road« verschmelzen Patti-Smith-Tochter Jesse Paris Smith und Soundwalk Collective von der Mutter rezitierte Nico-Lyrics, Field Recordings und Insektenmusik.

Das Leben schreibt schräge Drehbücher. Da nimmt jemand Zeit seines Lebens alles, was die Hausapotheke so hergibt: Cannabis zum Runterkommen, appetitzügelnde Amphetamine für die ranke Figur, Heroin zur Seelenanästhesie. Und dann fällt man auf Ibiza vom Rad und stirbt. 1988 war das, die Rede ist von Christa Päffgen alias Nico, Supermodel, Aktrice, Andy-Warhol-Muse, Kurzzeit-Velvet-Underground-Chanteuse, Schmerzensfrau, leidenschaftliche Nichtlächlerin und Sohn-Anfixerin, deren Stimme mal pointiert als »IBM-computer with a Garbo accent« beschrieben wurde.

Kurz zuvor nahm sie ihr letztes Stück auf, die Gothic-Schnulze »Your Kisses Burn« im Duett mit dem ewigen Epheben Marc Almond. Man findet sie auf dessen Erfolgsalbum The Stars We Are. Über Nicos sommerlichen Fahrradunfall auf der Baleareninsel wird nun auf dem eröffnenden Titelstück zu Killer Road von prominenter Seite meditiert: Punk-Patentante Patti Smith spricht und flüstert beschwörend und betörend Mondgöttinnenhaft-Morbides: »The killer road is waiting for you / like a finger pointing in the night.« Und weiter: »Who’s to blame? / Hideous game / I have come to die with you.« Im Hintergrund zirpen die Grillen als eine Art ambienter griechischer Tragödienchor. Es klöppelt und rauscht und summt, aber anders, als man meinen könnte. Nicht bedrohlich im Stile des Illbient, eher Brian-Eno-friedlich und kalmierend. Requiescat in pace.

Da nimmt man alles was die Hausapotheke hergibt und fällt ein paar Jahre später auf Ibiza vom Rad und stirbt.

Nico war als schlechte Laune salonfähig machender Sargnagel des Bubblegumpop für Patti Smith ein kaum zu überschätzender Einfluss. Ende der Siebziger kaufte Smith Nicos Harmonium in einem Pariser Pfandhaus zurück und schenkte es dem darob zu Tränen gerührten Idol. Das klobige Tasteninstrument ist nun auch auf einigen der Stücke auf Killer Road zu hören. Das für seine Audioguides für Kunstausstellungen und Stadterkundungen bekannte Trio Soundwalk Collective schafft zusammen mit Tochter Jesse Paris Smith eine sich stets verändernde kontemplative Klangtextur aus Field Recordings, schimmernden Drones, verfremdetem Vogelgeschrei und Insektenmusik, aus der sich die Rezitationen Patti Smiths herausschälen und in der sie dann wieder untergehen. Die Texte der acht auf das Titelstück folgenden Tracks stammen vornehmlich aus Nico-Lyrics zu Alben wie Desertshore und Drama Of Exile. Das Klang gewordene Memento mori, das ursprünglich vor zwei Jahren als audiovisuelle Performance in New York, London und Berlin zelebriert wurde, liegt nun endlich in einer reproduzierbaren Version vor. Smartphones bitte ausschalten!

 

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